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Lesen oder lassen?

Buchvorstellung

Das Buch hat einen tannengrünen Einband – aus unbekannten Gründen möchte dieser sich bei uns in Royalblau zeigen

Helen Weinzweig »Von Hand zu Hand«

Worum geht es?
Um eine Hochzeit und die dazugehörige Gesellschaft. In kleinen Szenen wird das Brautpaar – sie aufgrund ihrer zahlreichen Beziehungen von schlechtem Ruf, er schwul – ebenso wie ihre Gäste vorgestellt.

Was kann es?
Das Buch kann bestens unterhalten. Und einen mit hineinnehmen in eine Hochzeitsfeier, in der getuschelt und getratscht wird, Eitelkeiten, Verletzungen und Konflikte aufbrechen. In der es knallt und kracht, eine alte Dame mit ihrer Demenz und jede*r einzelne mit ihrer oder seiner Hilflosigkeit zu kämpfen hat. Und in der die Hochzeit eine kalkulierte Rettung ist.
Dummerweise ist das alles ein wenig unübersichtlich. Es fehlt ein Glossar, das die Personen vorstellt, Orientierung bietet. Oft muss man sich mühsam erarbeiten, wer spricht oder über wen gesprochen wird. Und sich ebenso mühsam erinnern, was es mit dieser Person auf sich hat. Abtreibung? Selbstmord? Ehebruch? Auch bleiben die beschriebenen Momente etwas kryptisch, so dass sich keine befriedigende Leichtigkeit einstellen will. Einerseits. Andererseits lassen sich die Szenen als Miniaturen lesen, die, jede für sich, ein Vergnügen ist. Die Autorin Helen Weinzweig soll ihrem Lektor einen Schuhkarton mit Seiten überlassen haben mit der Aufforderung, die Seiten in die Luft zu werfen, es ergäbe sich schon eine passende Reihenfolge.
Wenn es einem gelingt, eine ähnlich entspannte Haltung dem Buch gegenüber zu entwickeln, ist es ein großes Lesevergnügen. Feingeistig böse, tiefgründig, ironisch und von befreiender Toleranz.

Warum sollte mich das interessieren?
Weil die Autorin, Helen Weinzweig, 58 Jahre alt war, als sie 1973 diesen, ihren ersten Roman veröffentlichte. Und dieses Beispiel mal wieder zeigt, dass es kein zu spät gibt, um dem Leben eine neue Richtung zu geben. 1967 hatte sie mit einer Kurzgeschichte als Autorin debütiert, ihr Therapeut hatte – von Helen Weinzweig als frustrierte Hausfrau konsultiert ­– zum Schreiben geraten. Ihr zweiter Roman „Schwarzes Kleid mit Perlen“, erschienen 1980, wurde mit dem Toronto Book Award ausgezeichnet, auch er ist jetzt bei Wagenbach erschienen (und wird hier hoffentlich alsbald besprochen werden).

Kostprobe 
In einem Schlafzimmer findet der Arzt seinen Mantel, muss aber in ein anderes Zimmer gehen, um Doris‘ Mantel zu holen. Im Flur zögert er. Frauen. Nie schließen sie die Tür, schwatzen ständig, wedeln mit den Händen. Er geht hinein. Die Frauen verstummen. Sie wissen, warum er gekommen ist: Sie zeigen auf zwei Einzelbetten, auf denen sich Mäntel stapeln. Kritische Blicke richten sich auf ihn, als er mit der Suche nach dem Nerzmantel seiner Frau beginnt, dem beigen. Wie müde er ist. So viele Frauen, so viele Brüste und Hinterteile und offene Münder, die alle Aufmerksamkeit fordern. Doch wenn man ihnen eine Hand auflegt, dehydrieren ihre Körper und schweben davon, mit dem Bauch nach oben. Glücklicherweise findet er den Nerz bald und vergräbt, während er entkommt, das Gesicht im Pelz. Sobald er auf den Flur hinaustritt, erheben sich die Stimmen wieder, aber er kann nicht hören, was getratscht wird.
– Das ist der Mann, der Arzt. Angeblich wird seine Frau am 30. sterben.
– Und heute ist?
– Der 18.
– Was, wenn nicht?
– Oh, aber sie wird, er ist Arzt.

Helen Weinzweig, Von Hand zu Hand – Roman, 160 Seiten, Wagenbach, 20€

Rezension: Silke Burmester

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