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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

So schwer verdaulich eine Schwarz-Weiße Beziehung in den 50er Jahren für viele war, so schwer verständlich ist leider das Buch.

Worum geht es?
Die Geschichte spielt Anfang der 50er-Jahre in den USA, in den Kreisen der schwarzen Elite, die sich auf Martha´s Vineyard niedergelassen hat. Shelby Coles‘ Hochzeit steht an. Doch die Tochter der angesehenen Familie Coles hat entgegen aller Erwartungen und Forderungen einen Weißen als Ehemann erwählt, noch dazu einen Musiker von niederem sozialen Status. Die bevorstehende Trauung hindert den schwarzen Kotzbrocken Lute, der seine drei Töchter allein erzieht, nicht daran, die junge Frau zu umgarnen und erobern zu wollen. Und während ihr Umfeld sie in Lutes Armen sehen will, wächst in Shelby der Konflikt um Anpassung, Wagnis und die Frage der Bedeutung von Freiheit.

Warum sollte mich das interessieren?
Weil die Autorin Dorothy West enorm interessant ist. Selbst in der Schwarzen Upperclass aufgewachsen, war sie Mitbegründerin der „Harlem Renaissance“, einer der wichtigsten afro-amerikanischen Künstlerbewegungen des letzten Jahrhunderts. Bereits mit 14 Jahren veröffentlichte sie ihre erste Kurzgeschichte, mit 20 wurde West erstmals ausgezeichnet, die prämierte Kurzgeschichte „The Typewriter“ wurde in die Sammlung der besten Kurzgeschichten des Jahres 1926 aufgenommen.
Dorothy West lebte ein Jahr in der Sowjetunion und veröffentlichte mit 41 Jahren ihren ersten Roman „The Living is Easy“. Erst 47 Jahre später erschien ihr zweiter, „Die Hochzeit“, der zum Bestseller avancierte.
Sie gilt als feine, treffende und scharfe Beobachterin, die mit kritischem und auch satirischem Blick ihre eigene Gesellschaft literarisch seziert. Sie verband eine enge Freundschaft mit Jaqueline Kennedy Onassis, der sie „Die Hochzeit“ in Gedenken widmet und sie ihre Lektorin nennt.  

Was kann es?
Einführen in eine Welt, die wohl den meisten von uns komplett unbekannt ist. Wir haben ein Bild der USA der frühen 50er-Jahre. Und wir haben auch ein Bild, wie die Rolle der Schwarzen zu dieser Zeit dort war. Aber es ist immer der weiße Blick. Ob Mad Men, Dirty Dancing oder Lassie – es ist der Blick weißer Menschen auf eine von Weißen dominierte Gesellschaft, in der der schwarze Mensch ein Spielball ihrer Launen und Willkür ist.
Die bekannten Erzählungen geben keinen Einblick, keine Vorstellung in das Soziotop einer Schwarzen, in sich geschlossenen Gesellschaft. Schon gar nicht einer Schwarzen Elite.

Wie ist es geschrieben?
Mit dieser Frage kommen wir zum Kern des Problems der Rezensentin. Denn trotz aller Enttäuschung über das eigene Versagen und die versäumte interessante Geschichte habe ich das Buch nicht zu Ende gelesen.
Dorothy West schreibt schön. Anspruchsvoll. Gewählte Worte für wohlgeformte Sätze. Wohlklingende Literatur. Das Blöde ist nur, ich verstehe nichts. Die Erzählperspektive wechselt innerhalb der Sätze und macht das Verstehen schwierig. Vielleicht liegt es auch an der Übersetzung, dass die Sprache die Möglichkeit verbaut, den Gedanken zu folgen, vielleicht bin ich schlicht zu bescheiden in meinen Mitteln.
Ich habe eine Zeit lang Absätze wie: „Inzwischen gab es da noch Muffins Mutter Della, Ehefrau Nummer drei, heimliche Ehefrau Nummer drei und weiß Gott heimliche und immer noch erstaunte Mutter, die erst eins von Lutes Möbelstücken und dann Lute selbst gekauft hatte, indem sie ihm die Türen ihrer Freunde öffnete.“ Erneut und erneut gelesen, bis ich sicher war, sie verstanden zu haben. Weil mir ein solches Lesen nicht gefällt, habe ich irgendwann begonnen, sie nach einmaligem Lesen, halbverstanden, hinter mir zu lassen. Mit dem Ergebnis, dass ich auf Seite 53 nicht mehr wusste, wer wer war, wieso und warum und wie die Brocken, die ich las, zusammenhingen.
Ich glaube aber, dass Menschen, die geübter im Lesen solcher Texte sind oder sich nicht schrecken lassen, dem Buch viel abgewinnen können. Es ist mit Sicherheit ein sehr erhellendes Buch, das Einblicke gibt, die man nur selten bekommt. Es könnte aber auch eine gute Idee sein, dem Original eine Chance zu geben, das wohlmöglich verständlicher ist.

Kostprobe 
„Das war ein hartes, hässliches Wort, ein Wort, das noch niemand aus ihrem Mund gehört hatte. Doch um Tinas willen musste sie es jetzt aussprechen. Sie konnte sich darauf verlassen, dass Muffin sich keine Mutter wünschte. Aber sie bekam langsam Bedenken wegen Tina, die zu viel Umgang mit der Mutter von nebenan hatte. Tina wusste nicht, wie Mütter waren, sie heulten wie verrückt. Sie war noch zu klein gewesen, um sich daran zu erinnern – genau wie Barby zu klein gewesen war, um es zu verstehen.“

Dorothy West, »Die Hochzeit«, aus dem amerikanischen Englisch von Christa E. Seibicke, Hoffmann&Campe, 288 Seiten, 23 Euro

Rezension: Silke Burmester

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