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Palais F*luxx

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Lesen oder lassen?

Buchbesprechung: „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus

Worum geht es?
Dass Frauen früher nur die niedrigen Arbeiten machen durften, obwohl sie in ihrem Thema besser als die Männer sind. Und dass man vom Mainstream abweichen kann. Darf. Sollte. Muss. Im Fall der Hauptperson Elizabeth Zott ist es ein Muss. Sie ist Chemikerin und arbeitet in einem Forschungsinstitut als einzige Chemikerin. Natürlich nicht gleichberechtigt, denn es sind die frühen Sechziger. Kein Wunder, dass Elizabeth sich mit einem Trick ihr Labormaterial besorgen muss, kein Wunder, dass ihre Forschungsergebnisse von anderen übernommen werden. Kennen wir.

Aber Elizabeths Karriere nimmt eine merkwürdige Wendung: Alleinstehend mit einer Tochter und ohne Job stimmt sie ein, eine Nachmittags-Kochshow zu übernehmen: „Essen um sechs“. Dabei bringt sie den Frauen nicht nur Kochen bei, sie bringt auch die Chemie ins Fernsehstudio und eine nicht zu kleine Prise Aufruhr – sie ermuntert alle, über die Rolle der Frau am Herd hinauszuwachsen.

Es geht auch ein bisschen darum, wie wichtig es ist, dass Frauen sich untereinander stärken. Die Nachbarin, die Elizabeth unterstützt und so ihren eigenen Weg findet. Die Personalassistentin, die erst den Männerregeln folgend der aus der Reihe tanzenden Frau den Weg aus der Tür weist und die dann auch ihren Wandel erlebt. Und die Frau – stopp, hier herrscht Spoileralarm.

Warum ist das gut?
Das Thema klang nett, aber auch nicht unbedingt innovativ. Zu viele gute und schlechte Bücher über Frauen, die sich ihren Weg in einen Männerberuf erkämpft, Unternehmen gegründet oder übernommen haben, liegen in der Bahnhofsbuchhandlung auf demselben Tisch.

Aber Elizabeth Zott fällt dann doch aus der Reihe. In der Art, wie sie ihre Chance nutzt und zur Heldin des Nachmittagsprogramms wird. Bonnie Garmus beschreibt das alles so lebendig und lässt mit ihrer Sprache so viele Bilder entstehen, dass ich Leseratte ständig im Kopfkino saß. Dabei fühlte ich mich an den Film „Hidden Figures“ erinnert. Auch hier ging es darum, dass Frauen Tätigkeiten ausführten, für die sie überqualifiziert waren und dann doch jemanden fanden, der sich über die Geschlechterrollen der damaligen Zeit hinwegsetzt. 

Was hat das mit mir zu tun?
Elizabeth Zott hat mich nicht verändert. Aber sie hat mir mal wieder die Augen geöffnet, was wir alles in den letzten Jahrzehnten erreicht haben. Und wie wichtig es ist, weiter für die Gleichberechtigung und Anerkennung aller Menschen einzutreten.

Auf dem Buchumschlag wird Elke Heidenreich zitiert. Sie hätte Elisabeth Zott gegoogelt, weil sie fest davon überzeugt war, dass sie eine reale Figur war. Das ist mir auch so gegangen und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie in all den heimeligen amerikanischen Küchen eine kleine Revolution angefangen hat. Weil das Essen auf einmal so viel besser schmeckte (Essen ist Chemie). Und weil die Frauen auf einmal mehr als ihre Küche sahen.

Was hakt?
Für mich gar nichts. Jedenfalls nicht, nachdem ich angefangen hatte, zu lesen. Vorher hatte mich das Buch, das mir geliehen wurde, etwas abgeschreckt. Thema nicht originell, Umschlag irgendwie zu sachlich. Aber was auf dem Lesestapel liegt, wird auch gelesen. Irgendwann. Gut, dass ich dieses Buch möglichst bald wieder zurückgeben sollte. 

Warum ist die Autorin interessant?
Bonnie Garmus hat hier einen überzeugenden Erstling hingelegt: in 2022 veröffentlicht, ich habe die 7. Auflage gelesen. Laut Wikipedia ist sie 1957 geboren (d.h., ich habe noch zehn Jahre Zeit, bis ich meine Elizabeth Zott in Buchseiten packe).

Kostprobe
Elizabeths Einstieg in die Kochsendung:

„Meiner Erfahrung nach bringen viel zu viele Menschen der Arbeit und der Aufopferung einer Ehefrau, einer Mutter, einer Frau nicht genug Wertschätzung entgegen. Ich jedenfalls zähle nicht zu diesen Menschen. Am Ende unserer dreißig gemeinsamen Minuten werden wir etwas Sinnvolles getan haben. Wir werden etwas geschaffen haben, das nicht unbemerkt bleiben wird. Wir werden Abendessen gemacht haben. Und es wird Gehalt haben.“

Und die Reaktion des Redakteurs:

„Elizabeth“, sagte er. „Sie haben einen Job, und Sie haben zwei Aufgaben: lächeln und die Texttafeln lesen. Mehr nicht. Sie haben kein Recht auf eine eigene Meinung zum Set oder den Tafeln.“

Bonnie Garmus: „Eine Frage der Chemie“, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Piper Verlag, 24,00 Euro, hier bestellen

Rezension: Britta Scholten

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