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„Süß“ Lesen oder lassen?

Buchbesprechung

Süß? Sanft? Zart? Mag sein, aber nicht nur
Bildmontage: Simone Glöckler

Worum geht es

Auf dem Buchcover heißt es: „In diesem Buch geht es um Arbeit und Macht. Um Mündigkeit und Sex, um falsche Versprechen und süßliche Entfremdung. Frauen dienen in unserer Gesellschaft dem Verzuckern der Verhältnisse, dem Genießen, Unterstützen und Verbrauchen. Wie lange noch?“ Ann-Kristin Tlusty betrachtet das Sanfte, Süße und Zarte an uns Frauen, beschreibt die Entwicklung und verschiedene Ansätze des Feminismus. Sie begibt sich auf eine ganz persönliche Suche nach Spuren des Patriarchats in der Geschichte und in unserer heutigen Gesellschaft.

Warum sollte mich das interessieren

Weil es zum einen viele Hintergründe unserer heutigen Haltung zum Feminismus erklärt und zum anderen neue Gedankengänge anstößt. Tlusty kommt (Achtung Spoiler) letztendlich zum Schluss, dass wir uns nicht so einfach ändern und die Rolle wechseln können. Sie bietet keine Lösung an, wie wir das süßliche oder sanfte in den Griff bekommen, aber sie erklärt, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen diese Ideologien entstanden sind. Das kann dabei helfen, eine Veränderung zumindest anzustoßen. Sie gibt Denkanstöße, in welchen Bereichen wir uns selber überprüfen müssen. Zum Beispiel, wenn wir von unseren Müttern sagen: „Die haben nicht gearbeitet.“ Und damit Haushalt und Care-Arbeit nicht als Arbeit einordnen. Tlusty: Feminismus ist weniger eine individuelle Entscheidung als vielmehr eine politische Aufgabe.

Warum ist die Autorin interessant

Ann-Kristin Tlusty ist Jahrgang 1994 (!) und hat Kulturwissenschaften und Psychologie studiert. Seit 2018 arbeitet die Autorin als Redakteurin bei ZEIT online. Das, was sie schreibt, ist fundiert, speist sich aus Quellen der Literatur und des Films, Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Feministinnen und denen unterschiedlicher Generationen werden dabei von ihr genauso bedacht wie die Widersprüchlichkeit unser aller Wesen. Sie schöpft aus einem großen Wissensschatz, wird dabei aber nie belehrend, sondern schreibt unterhaltsam und fesselnd. Außerdem hat sie interessante Freundinnen, die mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Meinungen in den Kapiteln beschreiben werden. Eine Idee, die mir besonders gut gefallen hat, weil sie die Unterschiedlichkeit der Gruppe „Frauen“ sehr deutlich macht.

Kostprobe:

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin, deren Mutter nach ihrer Geburt zehn Jahre lang zu Hause geblieben war, bis sie ihren Beruf wieder aufnahm. Meine Freundin erzählte mir, dass sie noch bis vor wenigen Jahren über ihre Mutter gesagt habe, diese hätte zehn Jahre lang nicht gearbeitet. Sie habe den Begriff Hausfrau stets mit abwertendem Unterton benutzt – und diese Wertung als feministischen Akt verstanden, denn was wäre aus Sicht einer jungen feministisch inspirierten Frau schlimmer gewesen als das Hausfrauendasein: Viel cooler, wenn eine Frau Lohnarbeiten geht, als wenn sie zu Hause bleibt. Meine Freundin sagte, es habe lange gedauert, bis sie begriff, dass das Leben ihrer Mutter selbstverständlich aus sehr viel Arbeit bestanden hatte. Bloß aus einer, für die man weder Geld noch irgendeine andere Form von Anerkennung erhält.

Ann-Kristin Tlusty, »Süß«, Hanser Verlag, 208 Seiten, 18 Euro

Rezension: Anja Goerz

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