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Laus sucht Leber

Fresse! (Free-Fotos auf Pixabay)

Regina Kramer hat eine neue Mitbewohnerin. Sie heißt Brunhilde und ist als schlechte Laune zuverlässig zur Stelle

Wer lieber hört: Sprecherin Meike Graf liest »Laus sucht Leber«

Aus heiterem Himmel kam sie an einem Mittwoch bei mir vorbei. Ich achtete nicht besonders auf sie. Am Donnerstag verkleidete sie sich als Laus und lief mir über die Leber. Am Samstag verhagelte sie mir die Petersilie, da konnte ich sie nicht mehr ignorieren.
„Wer bist du? Und was willst du von mir?“, fragte ich.
„Ich bin deine schlechte Laune und wohne jetzt bei dir“, sagte sie.
„Kein Bedarf“, murmelte ich.
„Sag das nicht“, meinte meine schlechte Laune selbstbewusst.
In den nächsten Tagen ging ich Freunden mit meinem Gemecker auf die Nerven. Die Kolleg*innen, die im Homeoffice waren, freuten sich, mich nur bei Zoom-Konferenzen ertragen zu müssen. Wer konnte, machte einen Bogen um mich. Wer nicht konnte, versuchte mich aufzuheitern: Denk doch mal positiv! Mach Sport! Lies ein schönes Buch!

Immerhin hat die schlechte Laune gute Laune

Gutgelaunte sind die Hölle für Schlechtgelaunte. Wer mies drauf ist, hat nicht nur keine Lust, das Leben zu genießen. Sie weiß, dass das Leben ungenießbar ist. Jedenfalls jetzt. Weil Corona nicht weg geht. Weil man keinen Termin bei der Friseurin bekommt. Weil es überhaupt zu viel Elend auf der Welt gibt. Weil man nicht mal mehr sagen kann, dass man schlechte Laune hat, weil man seine Tage hat. Weil man nicht mal mehr seine Tage (regelmäßig) hat.
Es gibt so unendlich viele Gründe für schlechte Laune, dass ich mich wundere, warum nicht alle Welt dauernd nörgelt.
Nörgeln ist uncool. Gut drauf sein ist angesagt. Wenn man jemanden fragt, wie es geht, reicht nicht mehr die schlichte Antwort„Gut“. Wir sagen: „Bestens.“ Oder: „Alles klar!“ Wie kann jemals alles klar sein? Wir geben uns Mühe, jeden Moment krass zu genießen – als wär`s der letzte? Wir sind entschlossen, unser Bestes zu geben – aber was ist das? Und wer das Leben nicht easy hinkriegt, der kann in tausend Ratgebern nachlesen, wie die Übellaunigkeit verschwindet. Warum muss sie eigentlich verschwinden? Und wohin?
„Sehr gute Fragen“, sagte meine schlechte Laune, die sich inzwischen häuslich bei mir eingerichtet hatte. Wir schliefen in einem Bett, wir standen morgens gleichzeitig mit dem falschen Fuß auf. Wir meckerten über alles und jeden. Und selbstverständlich guckten wir eine Netflix-Serie nach der anderen, bis es uns ganz blöd im Kopf wurde. Meine schlechte Laune grinste zufrieden vor sich hin.

Trübsal blasen – aber bitte nicht so laut!

Psychologen raten, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, um sie anzuerkennen. Klingt klug. Meine erste Anerkennung war, dass ich einen hübschen Namen für meine muffelige Mitbewohnerin suchte, um sie ordentlich anreden zu können. Das ist schließlich eine Frage der Höflichkeit. Ich musste nicht lange überlegen: Ich taufte meine schlechte Laune auf den Namen „Brunhilde“. Fragen Sie mich nicht warum. Brunhilde fragte auch nicht und ließ mich für den Rest des Tages in Ruhe.
Ich blies weiterhin Trübsal. Das kann jede*r. Schon immer. Allerdings brauchte man früher ein Instrument dazu. In der christlichen Mythologie wurde die Zeit vor dem Weltuntergang mit sieben Posaunen angekündigt, damit die Bevölkerung wusste, was demnächst blüht. Der globale Untergang fand nicht statt, die dazu passende Stimmung ist geblieben. Aber anstatt das große und kleine Elend weiterhin, wenn schon nicht mit Posaunen, dann doch wenigstens mit Pauken und Trompeten öffentlich zu verkünden, grämen wir uns heute still und heimlich. Außer bei Twitter.

Brunhilde sagte: Vergiss die Laus nicht! Ich sagte: Was? Sie sagte: Eine Laus läuft über die Leber. Ich sagte: Ach ja.
Die altertümliche Metapher erinnert daran, dass die Leber einst als Sitz der Gefühle gesehen wurde. Gefühle schwanken. Gefühle sind launisch. „Laune“ kommt von „Luna“ (der Mond) und der kommt und geht. Launen auch. Warum eine Laus ins Spiel kommt, habe ich nicht verstanden. Brunhilde vielleicht auch nicht. Sie sagte bloß: Ist so! Oder so:
Die Fähigkeit, die Welt heute als super und morgen als doof zu empfinden, scheint angeboren zu sein. Babys quengeln manchmal ohne ersichtlichen Grund. Als Baby wird man dann auf den Arm genommen und mit „Dudelidelu“ oder ähnlichen Lauten getröstet. Mit dem Trost ist es vorbei, wenn das Baby zum Kind geworden ist, das mies drauf ist. Was willst du denn, kannst du nicht endlich Ruhe geben, lieb sein, schön spielen, fordern nun die entnervten Eltern. Das Kind kann es nicht und wirft mit Bauklötzchen um sich und schreit. Und schreit und … Musst du denn immer deinen Kopf durchsetzen, sagen Mama und Papa jetzt.
Wenn man irgendwann aufhört, auf seinen Kopf (oder Bauch oder Herz) zu hören, wenn man seine Wünsche vergessen hat, weil sie (für andere) unbequem sind, dann bleibt die schlechte Laune als der abgestandene und unverständliche Rest von heftigen Gefühlen übrig. Eigentlich ist man unzufrieden, zornig oder traurig. Eigentlich müsste man etwas verändern und weiß nicht, wie. Das möchte man sich nicht eingestehen. So wird die schlechte Laune zur verharmlosenden Verkleidung, die man nicht so ernst nehmen muss.

Gut gelaunt über schlechte Laune nachdenken

Alle Achtung, sagte Brunhilde, meine schlechte Laune, zu mir. Du fängst an, mich zu verstehen.
Zur Belohnung gestattete mir Bruni, wie ich sie inzwischen heimlich nannte, eine Auszeit. Ich könne machen, was und mit wem ich wollte, sie selbst würde mir garantiert nicht den Abend versauen. So war es dann auch. In Ermangelung von geöffneten Kinos und Kneipen spazierte ich notbremsengemäß mit einem Freund und einer Flasche Wein bis 22 Uhr durch den Park.
Gut gelaunt kann man sich besser Gedanken über schlechte Laune machen. Es muss doch einen Sinn haben, dass die meisten Menschen ab und zu mies drauf sind.
Vermeintlich schlechte Gefühle wie Pessimismus, Schwermut und Trübsinn sind absolut nützlich für das Überleben. Sagt nicht nur Brunhilde, sondern erforschen auch Evolutionsbiologen. Schwarzseher gehen davon aus, dass alles schiefläuft. Im Idealfall wappnen sie sich so besser gegen Fehlschläge und Enttäuschungen. Euphorisch gestimmte Menschen sind überzeugt davon, dass sie schon aus allem das Beste machen. Da lacht die Skeptikerin: Optimismus ist bloß ein Mangel an Informationen. Zweifel erhöhen die Aufmerksamkeit. Hoffnung ist geil, sagen die anderen und blinzeln durch ihre rosaroten Brillen, während sie Berge erklimmen oder – in die nächste Falle stolpern. Ich bin unentschieden, was ich sage. Kommt auf die Laune an.

Ich habe es zuerst nicht gemerkt: Brunhilde ist weg. Seit gestern? Seit vier Tagen? Keine Ahnung. Ich würde nicht sagen, dass sie mir fehlt. Aber interessant waren die Tage mit ihr schon. Ich rufe eine Freundin an. Nein, sie will nicht mit mir spazieren gehen. Nein, sie hat keine Lust auf Doppelkopf am Bildschirm. Nein, sie will kein Glas Wein mit mir beim Telefonieren trinken. Ja, das Leben ist so was von öde. Und überhaupt. Da weiß ich, wo Brunhilde ist.

Dieser Text erschien ursprünglich in der Brigitte Woman. Regina Kramer hat ihn für uns aktualisiert – inklusive eines neuen Namens für die Hassgeliebte

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