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Palais F*luxx

Online-Magazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre

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Lust for Life

Ein Lebenslauf in Bildern. Von Silke Burmester



Dies ist mein Schmuck. Zumindest der unechte.
Mein Schmuck erzählt mein Leben und es ist erstaunlich, dass eine Frau so viel Schmuck hat, die schon als Kind keine Tusse sein wollte, die zimperliche Mädchen und jene, die kreischen, wenn Jungs die Federtasche wegnehmen, blöd fand. 

Dieser Schmuck, diese Sammlung ist ein Abbild von 57 Jahren und dem Versuch, sich in dieser Welt zurechtzufinden und mehr noch: in der Welt zu bestehen. Zu sein.
Es ist eine Sammlung der Optionen, eine Sammlung verschiedenster möglicher Persönlichkeiten, und der Versuch, in ihrer Vielzahl die wahre zu finden. 







Spiderman, gescheitert

Diese Anstecknadel habe ich 1982 in London auf dem Flohmarkt gekauft. Ich bin mir sicher, dass sie aus den 50er Jahren ist, und ich fand sie sehr besonders, weil ich denke, dass sie Spiderman zeigt. Einen fertigen, gescheiterten Spiderman der sich vertan hat und aus seiner einem selbstgeschaffenen Gefängnis nicht herauskommt. Ich habe sie selten getragen, weil sie einfach nicht hübsch ist, aber ich mag sie, weil sie so besonders ist und mit den Erwartungen und dem Bild von Männlichkeit bricht.




Happy Happy Dingdong

Als kleines Kind hatte ich eine Vorliebe für Schmuck und gab mein Geld dafür aus. Ich war eine gute Sparerin, und wenn meine Eltern in den Sommern 1970, 71 und 72 mit mir nach Dänemark fuhren, hatte ich erwartungsfroh mein Geld dabei. Eigenartigerweise handelte es sich um Schmuck aus Zinn. Keine Ahnung, wer auf der Welt Schmuck aus Zinn herstellte oder warum, aber im ersten Jahr kaufte ich mir einen Ring mit einem roten Stein auf einem zinnernen Rechteck, den ich sehr liebte. Im letzten Jahr erwarb ich einen runden Anhänger, der schon damals meine tief verwurzelte Bürgerlichkeit ausdrückte, mit einem blauen, puddingähnlichen Glasstück in der Mitte. Er war wirklich albern, und ich trug ihn selten. Entscheidend ist jedoch der Ring, den ich zusammen mit einem Anhänger im Jahr dazwischen erworben habe: ein Smiley-Ring.

Es war die Zeit, in der die Smileys die westliche Welt eroberten und die Bereitschaft der Unter-50-Jährigen ausdrückten, die Gesellschaft bunt und fröhlich zu gestalten. Es war die Zeit von Willy Brandt, den Prilblumen und dem Pillhuhn, und ich glaube, es gab in der Bundesrepublik keine bessere Zeit. Den Anhänger habe ich nicht häufig getragen, den Ring hingegen schon. Er erlebte eine Renaissance in meinen 20er-Jahren. In dieser Zeit, die für mich sehr schwierig war, trug ich ihn unermüdlich. Er funktionierte bestens: er war originell, niemand trug etwas Vergleichbares, und die Assoziation zum Smiley erfreute die Leute und dadurch auch mich.





Der leichte Glanz

Keine Ahnung, wo ich diesen Schmetterling herhabe. Er hat eine Klemme an der Unterseite, mit der man ihn unkompliziert im Haar befestigt. Ich habe auch noch einen rosafarbenen. Ich trage sie nicht häufig, aber gern. Das Bestechende an ihnen ist die Schlichtheit ihres Wesens. Eine einfache, auf das Erkennbare reduzierte Form, die nicht mehr kann als glitzern. Das aber bestens. Es ist egal, wie lieblos die Haare zusammengebunden sind, wie wenig die Klamotte hermacht, man klemmt den Schmetterling am Hinterkopf am Haargummi fest oder, etwas charmanter, oberhalb der Schläfe – und schwupps, sieht es nach was aus. Doris, die Hauptfigur in Irmgard Keuns wunderbarem und zeitlosen Roman „Das kunstseidene Mädchen“ (1932 erschienen) träumt davon, ein „Glanz“ zu sein. Ihre Verhältnisse sind bescheiden, ein Pelz muss her, um dieser Glanz zu werden. Und wenn auch nur für eine Nacht. Vielleicht ist es das, was ich an den Schmetterlingen so mag. Die Kraft, mit der dieses eine Ding einen Zauber herstellt, mit der es aus dem Wenigen etwas scheinbar Vollendetes macht.




Glück und Elend der Ferienlager

Mit sieben war das erste Ferienlager angesagt, ein Zeltlager auf Föhr. Das war sehr hippiesk, die Betreuerin und der Betreuer meiner Gruppe waren jung, sie trug einen Häkel-Bikini, er hatte lange Haare und ging nackt in die Nordsee. In den folgenden Jahren wurde ich mit dem TSV-Reinbek in den Urlaub geschickt, Braunlage, Glückstadt an der Ostsee, Cuxhaven. Da gab es Wettbewerbe wie „das schönste Zimmer“ und der Anstand kroch den Betreuer*innen aus ihren Trainingsanzügen. In einem dieser ersten Jahre ist diese Kette entstanden. In einem der späteren der erste Engtanz. Immerhin, das war das gute an den Ferienlagern, man hatte mit älteren Jungs zu tun. Nicht wie bei der Klassenfeier, wo nur diese Kinder-Jungs zur Auswahl standen. Nein, Ferienlager bestechen durch die vielen Möglichkeiten der Grenzüberschreitung. So sehr mir die Biederkeit der Sportverein-Ferienlager Beklemmungen macht, so sehr mag ich doch ihre Auswüchse. Diese wunderbare Schlichtheit mit der man wirkungsvoll an den Nervenrändern der Betreuer*innen kratzt. Noch immer trage ich den allerbesten Klospruch stets abrufbereit mit mir durch die Welt: Auf diesem Klo, da sitzt ein Geist, der jedem, der zu lange scheißt, von hinten in die Eier beißt. Ätsch. Mich hat er nicht gebissen. Ich hab ihm auf den Kopf geschissen.



Die Beziehung, aus der das Kind hervorging

Ich bin nicht so die Frau, der man Schmuck schenkt. Schade eigentlich. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich mir auch diesen Ring selbst gekauft. Ich habe ihn zusammen mit dem Vater meines Kindes entdeckt, als wir in Hamburger Zeise-Kino waren und in das Fenster einer Goldschmiedewerkstatt guckten, die im selben Gebäude ist. Es gab das blaue Glas noch in anderen Farben, den Ring in anderen Größen und Ausführungen. Es war der Ring, den ich ab dem Moment täglich trug. Er war besonders, nicht so altbacken wie meine anderen Sachen und ich mochte das Spiel mit dem farbigen Licht. Als das Kind viereinhalb war, hat der Mann mich verlassen. Danach mochte ich den Ring nicht mehr tragen. Er war der Begleiter dieser Jahre und vorbei ist vorbei. Etliche Jahre hatte ich keinen Ersatz, weil ich keinen fand, der mir gefiel. Alle Ringe schienen gleich. Irgendwas in Silber mit einem hübschen farbigen Stein in der Mitte. Bis ich auf einen stieß, der anders war. Schlicht und doch sehr eigen. Ein Ring, der aus der aus mehreren einzelnen Ketten besteht, die an einer Stelle zusammengehalten werden. „Ankerkette“ heißt diese Art, die Glieder aneinander zu reihen, angelehnt an die Ketten, die Schiffe halten. Ich bin Hamburgerin, mein Herz ist aus Wasser, mit Kränen und Barkassen darin. Ich hatte gerade Geld für mein erstes Buch bekommen, „Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“. Es war nicht viel Geld, einige wenige Tausend Euro und es war klar, es würde bald vom Alltag gefressen werden. Ich bin es nicht gewohnt, viel Geld für eine einzelne Sache auszugeben, und der Ring kostete, wenn mich recht erinnere, knapp 400 Euro. Aber es war auch klar, vom Geld des ersten Buches sollte man etwas kaufen, das bleibt. Das einen erinnert, und für das Schöne im Leben steht. So wie an ein erstes Buch. 







16 Jahre, Hamburg, England

Diesen Badge trage ich heute noch gern. Ich sichere ihn immer mit einer weiteren Nadel ab, weil ich Angst habe, ihn zu verlieren. Er muss von 1981 oder 82 sein. Er zeigt Sid Vicious von den Sex Pistols und seine Freundin Nancy Spungen, die von ihm im Drogenrausch umgebracht wurde und er behauptet „Niemand ist unschuldig“. Neben der individuellen und unbestreitbaren Schuld des bei der Tat 20-Jährigen hat es mir immer gefallen, den Bezug zur Gesellschaft herzustellen. Die Dinge im Kontext zu sehen und auch den Mord an einer Frau durch eine abgefuckte Gallionsfigur als Ergebnis einer Gesellschaft zu begreifen, die ihre Mitglieder formt. Und gerade Männer zu toxischen Wesen und damit zur Gefahr, insbesondere für Frauen, macht.




Meine erste Zopfspange 

Die Fotos von mir als Zwei- und Dreijährige zeigen mich ausnahmslos mit kurzen Haaren. Irgendwann muss beschlossen worden sein, dass sie wachsen sollen. Wachsen, damit an den Seiten Zöpfe baumeln konnten. Ich weiß, dass ich sehr dringlich Zöpfe haben wollte. Wahrscheinlich, weil ich so aussehen wollte wie Cindy aus „Drei Mädchen und drei Jungen“ – glücklicherweise durfte ich schon sehr früh sehr viel fernsehen, um zu begreifen, dass die Welt größer ist als unser kleines Zuhause. Als es ging, wurden die orangeroten Kugeln am Gummi an meinem kurzen blonden Haar befestigt, auf dass die nun irgendwie abstanden, und das ließ mich stolz und begeistert sein. Meine Mutter sagte, Zöpfe seien etwas anderes, das, was ich hätte, wären „Rattenschwänze“.

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