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Vergesst Sylt bei Liebeskummer

Nach einem tragischen Beziehungsende im November auf die Nordseeinsel, allein – keine so gute Idee, wie Regina Kramer feststellen musste. HIer schreibt sie über das wahrlich graue Erlebnis

Im November und mit Liebeskummer sollte die Nordseeinsel großräumig umschifft werden.
Bildmontage: Simone Glöckler

Der Zug zockelte über den Hindenburgdamm. Hinter mir lag das Festland, über mir schwebten Möwen, links und rechts kräuselte sich die Nordsee und vor mir lag das Glück. Das Glück guckte erst dunstig, dann sandgelb und länglich aus dem Meer. Bestimmt würde es mir hier gefallen. Morsum. Keitum. Dann zog eine aufgeblasene Tennishalle an mir vorbei. Vielleicht könnte ich lernen, auf gelbe Filzkugeln einzudreschen? Ich war zu allem bereit. In Westerland hielt der Zug. Weil ich erst gestern beschlossen hatte, alles, na ja, fast alles hinter mir zu lassen, jedenfalls für eine Woche, hatte ich noch kein Zimmer gebucht.

Ich ging zur Touristeninformation. Leider war ich nicht nur unglücklich, sondern auch nicht reich. Das Pensionszimmer war das hässlichste, das ich je gesehen hatte. Egal. Hier würde ich nur schlafen. Aber tagsüber würde ich am Meer entlanglaufen. Das Meer würde für mich toben und schäumen (bei Flut und bei Sturm) und dann wieder zur Ruhe kommen (bei Ebbe). Ich würde schicke Läden anschauen und schicke Leute bewundern. Manchmal muss es einfach Sylt sein. So hatte ich mir das vorgestellt, in München, wo ich wohne und seit zwei Wochen vor Liebeskummer nicht mehr geradeaus gucken konnte.

Zum ersten Mal allein und dann das

Geradeaus lag das Meer. Leider war die blöde Nordsee glatt, mausgrau und ruhig. Dafür war das Wetter launisch. Sonne und Regen wechselten sich im Vier-Minuten-Takt ab. Nach einem Tag Sylt hatte ich Fieber. Vielleicht hätte ich zu einer wärmeren Jahreszeit herkommen sollen. Jetzt war es Anfang November. Warum hatte mein Freund mich nicht im Mai betrogen? Bloß nicht daran denken. Beim nächsten Regenguss ging ich shoppen und kaufte einen quietschgelben Friesennerz und ebensolche Gummistiefel. So lief ich wie ein gelbes Heinzelmännchen von Westerland nach Wenningstedt. Und war grimmig entschlossen, stolz auf mich zu sein. Ich war zum ersten Mal auf Sylt, ich war zum ersten Mal allein verreist. Und wenn es nicht gerade regnete, war Sylt ja wirklich hübsch. Und ich?

Kein Mensch kann nur am Strand von Westerland herumlaufen. Am zweiten Tag setzte ich mich in einen Bus und fuhr nach List. An dem berühmten nördlichsten Imbiss Deutschlands aß ich wunderbaren Seeteufel und gönnte mir ein Glas Champagner, nachmittags. Leider dauerte es mehr als zwei Stunden, bis ein Bus zurückfuhr. Nach Westerland wollte ich nicht. Also stieg ich in Kampen aus. In Kampen sah ich im Schaufenster einer Boutique eine wunderschöne Jacke. Ich fand sie erstaunlich billig. Als ich in den Laden ging, stellte sich heraus, dass ich eine Null auf dem Preisschild übersehen hatte. Die Verkäuferin lächelte arrogant.

So eine Touristen-Insel im November verlangt einer viel ab

Und wieder musste ich zwei Stunden auf den Bus warten. Im November fahren die öffentlichen Verkehrsmittel nicht so oft und abends fast gar nicht. Auch die schönen Restaurants, in denen ich das feine Leben genießen wollte, hatten im November geschlossen. Da lief ich nach einem öden Kinobesuch nachts zu einer Telefonzelle an den Strand und wählte die Münchner Nummer. Auf dem Anrufbeantworter sagte mir meine eigene Stimme, dass mein Freund und ich nicht zu Hause seien. Und dann hängte ich ein. Und dann heulte ich. In dieser Nacht glitzerten tatsächlich Sterne am Himmel und das schwarze Meer überschlug sich.

Am dritten Tag war Sylt im Nebel versunken. Ich wanderte grimmig von Hörnum aus um die Südspitze. Der Leuchtturm war kaum noch zu erkennen. Wenn das so weiterging, würde ich die Orientierung verlieren. Wie machten denn all die anderen das? Alleine wegfahren und ein neuer Mensch werden. Die eigene Mitte oder was auch immer finden. Wunderbare Begegnungen mit sich und anderen haben. Heute glaube ich, sie lügen wie gedruckt. Weil es so peinlich ist, zuzugeben, dass manche Reisen einfach nur daneben sind. Am Abend ging ich in eine Bar und lernte einen Sylter Dachdecker kennen. Am Ende des Abends hatte ich zu viel Bommerlunder mit Feige getrunken und alles über Reetdächer erfahren. Der nette Sylter brachte mich zu meiner Pension. Ich hoffe, dass wir uns nicht geküsst haben.

Am vierten Tag fuhr ich morgens mit dem Bus nach Keitum. Mit mir fuhr eine Seniorengruppe. Wir stiefelten alle gemeinsam mit Schirmen durch die nassen Straßen, vorbei an den schönen, alten Häusern. Die Senioren verschwanden in einem Supermarkt, ich lief am Wattenmeer entlang. Zwei Stunden später saßen wir wieder alle gemeinsam im Bus. Eine freundliche ältere Frau sprach mich an und fragte, ob ich in Westerland das schöne Kaufhaus kenne. Dort  gebe es einen absolut billigen Mittagstisch für Senioren. Da müsse ich unbedingt mal hin. Ich wusste nicht, dass Liebeskummer einen so alt aussehen lässt. Immerhin war ich erst Mitte 30.

Ach Sylt, wie gut, dass du auch anders kannst

So kam es, dass ich am Mittag des vierten Tages meinen Koffer packte und zu einem Freund nach Hamburg fuhr. Einmal gingen wir an den Hafen. Als ich die riesigen Tanker aus aller Welt sah, bekam ich sofort wieder gute Laune. Es musste einfach mehr im Leben geben als meinen ekligen Liebeskummer und diese nass-graue Insel.

Inzwischen mag ich Sylt sehr. Bestimmt war ich seitdem noch fünf Mal da. Mit vielen Freunden in Wenningstedt. Mit einer Liebsten in Keitum. Mit vielen Büchern und einem Hund am Morsum Kliff. Aber nie wieder ohne Auto im November und keinesfalls mit Liebeskummer.

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