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Betreutes Arbeiten – neue Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen 50+

Ihre Schwäche, unsere Chance – Nachhilfe für die Chefetage: Anstand, Moral, Miteinander

Hat jemand Zahlen? Kann jemand belegen, dass es wahrscheinlicher ist, als Frau 50+ einen Vertrag über den Vorruhestand vorgelegt zu bekommen als einen, der eine Beförderung vorsieht?
Egal, vergesst die Zahlen! Miesepetrigkeit war gestern. Der Axel Springer-Konzern, von der Wirtschaft bewundert für sein innovatives Agieren und seinen Mut zum (digitalen) Wandel, macht vor, dass es anders geht. Mit einem erstaunlichen Schritt zeigt der ehemalige Verlag, dass Frauen, die über 50 sind, trotz ihrer Erfahrung, Kompetenz und Qualifikation nicht rausgeworfen, sondern aufgrund dieser in die Chefetage einziehen sollten. Springer etabliert mit der Lösung des Problemfalls „Reichelt“ ein Modell, das in vielen Firmen zur Folge haben könnte, dass ältere Frauen dort hingelangen, wo sie hingehören: in die Führung.

Problembär Reichelt bekommt eine Frau für das Personalmanagament

Was aber ist der »Reichelt-Würzbach-Pakt«? Worüber reden wir?
Wir reden über den Umstand, dass bei der BILD Zeitung mit Julian Reichelt ein Chefredakteur das Blatt verantwortet, der sich zu einer Art Problembär entwickelt hat. Reichelt, 40 Jahre alt und seit 2014 zunächst Chefredakteur von BILD.de, seit 2017 Vorsitzender der Chefredaktion von BILD, wird von mehreren Frauen Machtmissbrauch, Mobbing, Nötigung und Drogenkonsum am Arbeitsplatz vorgeworfen, auch Männer sollen die Vorwürfe bestätigt haben. Der Konzern hat eine Anwaltskanzlei beauftragt, die Anschuldigungen zu prüfen. Was ist dabei herausgekommen? Nichts, das gegen das Gesetz verstoßen würde – womit Springer gerettet ist, Julian kann gehalten werden.

Weil aber auch der Springer-Konzern verstanden hat, dass die Uhren anders ticken als zu Zeiten Axel Springers, als der Aufgabenbereich einer Sekretärin mitunter ganz selbstverständlich die Belüftung des cheflichen Hosenstalls beinhaltete, wird jetzt ein Zeichen gesetzt, dass man es ernst meint, mit der Moderne. Der Julian bekommt eine Anstandsdame. Alexandra Würzbach, 53, wird ihm an die Seite gestellt. Sie wird für das „übergreifende Personal- und Redaktionsmanagement“ zuständig sein, also für die Care-Arbeit.

Ungehobelte Chefs deutschlandweit – Arbeit ohne Ende!

Würzbach ist ein Springer-Gewächs. Seit 30 Jahren ist sie im Konzern, 2019 hatte sie Marion Horn als Chefredakteurin der BILD am Sonntag abgelöst. Es ist fraglich, ob sie je durch die Qualität ihrer Arbeit an die Seite von Reichelt gekommen wäre. Schon einmal hatte sich eine Frau in seiner Nähe versucht. Von 2016 bis 2018 war Tanit Koch Chefredakteurin der BILD. Julian Reichelt hat damals so intensiv sein Verständnis von kollektiver Zusammenarbeit an Koch herangetragen, bis diese mürbe war und Reichelt das Feld überließ. Danach hieß es, eine getrennte Führung von Zeitung und Online passe nicht. „BILD braucht ganz klare Verhältnisse.“
Aber das ist alles Schnee von gestern, zurück zu den ungeahnten Aufstiegsmöglichkeiten von uns Frauen über 50!

Was für eine Vorstellung! Was für eine Perspektive auf berufliche Entwicklung! All die ungehobelten Männer in den Konzernen! Deutschlandweit! Diese ewigen Jungs, die – wie wohl Reichelt auch – keine Eltern hatten, die ihnen Regeln, Anstand und Benimm vermittelt haben. Die agieren wie Graf Koks und in stillen Stunden rumheulen, dass zwar alle in ihrer Nähe sein wollen, sie aber keine Freunde haben. Außer denen, die genauso assig sind wie sie.

Bestens qualifiziert

Was wird unsere Aufgabe sein? Für ein freundliches Klima sorgen. Vermitteln, wo Konfrontation herrscht. Gespräche, Zusammenkünfte organisieren. Gucken, dass die Türen geöffnet bleiben, damit später nicht irgendeine Praktikantin behaupten kann, er habe seine Finger in sie reingesteckt. Da sein, wenn der Schuh drückt. Zeigen, dass wir wertfrei zuhören. Aggression nicht verdammen, sondern den Jungen ermuntern, über seine Gefühle zu sprechen. Klar machen, dass Drogen keine Lösung sind. Und nein, Alkohol auch nicht. Den Kollegen, der Kollegin sagen, er habe es nicht so gemeint. Im Gegenteil, er würde sehr viel von ihm/ihr halten. Einen Kaffee vorbeibringen, wenn wir merken, da braut sich was zusammen. Anbieten, für ihn ans Telefon zu gehen, wenn er droht, sich wieder nicht unter Kontrolle zu haben. Die Koksreste vom Tisch fegen, wenn die Firmenleitung im Anmarsch ist. Die Entlassungsgespräche übernehmen, wissend, er wird wieder sehr schroff sein. Fragen, ob man was vom Asiaten holen soll, wenn es abends lang wird …

Ja, für diese Aufgabe sind wir bestens ausgebildet. Können wir.
Danke für das Angebot. Auf diesen Job haben wir gewartet.

Silke Burmester

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