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Lesen oder lassen?

Buchvorstellung

Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary MacLane

Worum geht es?

Zu lesen sind die in Tagebuchform verfassten Gedanken einer wilden, verzweifelten 19-Jährigen Frau, aufgezeichnet im Jahr 1901. Mary MacLane lebt bei ihrer Familie in einem Bergbau-Moloch in Montana, in staubiger Ödnis. Sie hat sich als großes Genie ausgemacht, als klug und begabt, mit einem „guten, starken, jungen Frauenkörper“ – und hungert danach, dass das Leben losgeht. Dass der Teufel kommt und die Verlockungen greifbar macht. Sie sehnt, begehrt (eine Frau), will Erleben und Ekstase und kann doch nur stundenlang einsam durch sandige Weite streifen.

Was kann das Buch?

Mary MacLanes Begeisterung für Mary MacLane, ihre haushohe Meinung von sich, ihrer Klugheit und ihres Genies gepaart mit ihrer immensen sprachlichen und literarischen Begabung haben die Kraft, einen im besten Sinne wegzufegen. So wird das eigene sprachlose Staunen über den Mut zu dieser Selbstwahrnehmung zum Erlebnis. Die 19-Jährige erinnert einen daran, wie wichtig es ist, seine Talente zum Maß der Dinge zu machen. Und daran, dass es vielleicht ein Fehler war, es in jungen Jahren nicht zum Maß der Dinge gemacht zu haben.


In ihrer jugendlichen Sicht unterliegt Mary MacLane aber auch einem Irrtum, der 30 Jahre später nützlich ist: Sie ist der Annahme, ihr Leiden, ihr Hunger nach Leben, nicht zu wissen, wo man hingehört, die Unfähigkeit, das, was man mitbringt, für sich nicht nutzbar zu machen, sei ein Problem junger Frauen. „Aber ich bin noch zu jung, um an Friede zu denken. Friede ist nicht das, was ich will. Friede ist etwas für Vierzig- oder Fünfzigjährige ich warte auf meine Erfahrung. Ich erwarte die Ankunft des Teufels.“


In dem Moment, in dem man sie korrigiert und denkt: „Nein, leider nicht. Kein Friede weit und breit. Leider ist es um oder mit Mitte 50 nochmal genauso schwierig und unklar“, wird die Zeit zwischen diesen beiden Krisen sichtbar. Jahre, in denen man in seinen Beruf gefunden hat, in einer Partner- und ggf. in eine Mutterschaft. Es ist die Bewusstwerdung, dass es bereits einmal eine Auf-Lösung der schwierigen Situation, nicht zu wissen, wer man ist, gab. Und, und das ist das Entscheidende: Wenn einem das zu Beginn des Erwachsenseins gelungen ist, wird es einem erneut gelingen. 

Warum ist die Autorin interessant?

Dem Verleger war der Titel „I Await The Devil´s Coming“ zu gewagt, also erschien das Buch 1902 unter dem Titel „The Story of Mary MacLane“. Es war ein ungeahnter Erfolg. Allein im ersten Monat verkaufte es mehr als 100.000 Exemplare. Der Ruhm und das Geld ermöglichten Mary MacLane u.a. in Chicago und New York das Leben zu leben, von dem sie meinte, dass es ihr zu stand: das dekadente Bohème-Leben eines Genies.
Soll heißen: Dranbleiben. „Was de willst, das kannste auch“ (aus der Kindersendung „Rappelkiste“)

Kostprobe:

„Ich bin bezaubernd originell. Ich bin herrlich erfrischend. Ich bin eine schockierende Bohèmienne. Ich kann mich auf goldige Weise interessant geben – während ich in meinen Ärmel hineinlächle – und ich bin ein Bösewicht. Ich kann ein Zimmer voller Langweiler unterhalten und ihr Interesse, ihre Bewunderung und ihr Erstaunen auf mich ziehen. Ich tue das manchmal zu meiner eigenen Unterhaltung. Wie gesagt, ich habe nicht sonderlich außergewöhnliche Züge, ich bin als Genie diskret, habe aber eine anmutige Persönlichkeit. Meine Figur ist hübsch. Ich bin gut ausgestattet. Und wenn es mir beliebt, auf meine charmante, originelle Art zu sprechen, wenn ich meine Unterhaltung mit vielen drolligen Lügen spicke, habe ich eine bestimmte, sehr auffallende Art, ein „Auftreten.“

Mary MacLane „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“, Übersetzung: Ann Cotten, Reclam, 208 Seiten, 18€

Rezension: Silke Burmester

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