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I am what I am because of…this book

Dorothea Heintze über »Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen« von Maja Langsdorff

Nicht nur Lebensveränderung – das Buch war schlicht die Rettung. Bildmontage: Brigitta Jahn

Der Sessel, auf dem ich in dieser Nacht fast unbeweglich festgesaugt saß und las und las und las … der steht jetzt vor mir. Mit einem anderen Bezug, aber immer noch dieser Sessel, in den ich mich so hineinfalten konnte, dass nichts mehr existierte außer mir und dem Buch. Ich schaue auf den Sessel und bin wieder zurück.


Ich war 25 Jahre alt, Studentin. Seit gut sechs Jahren verbrachte ich einen großen Teil des Tages damit, NICHT daran zu denken: nicht ans Essen zu denken. Nicht an den Joghurt am Morgen; das Brötchen am Mittag; ein Stück Kuchen; Schokolade, womöglich Nudeln am Abend. Denn wenn ich einmal anfing, konnte ich es nicht stoppen. Ich stopfte in mich rein, was es gab – und es endete an einem Klo mit dem Finger im Hals und einem laufenden Wasserhahn, damit niemand was hörte. Einmal kurz reingesteckt, zack, kam der Haufen raus. Spuren mit der Klobürste beseitigen, Fenster auf, Mund ausspülen, kaltes Wasser ins Gesicht und wieder raus. In meiner WG vor der Tür war vielleicht grad eine Party im Gang. Alles in Ordnung? Klaro, alles prima. Wo waren wir stehen geblieben?

Wenn das Essen und Nicht-Essen dein Leben bestimmt

Wo und welches Essen? Wo und welches Klo? Nach so vielen Jahren der kompletten Eigen-Entwürdigung vollkommen egal. Ich kotzte Pizza ins Restaurant-Klo; Nudeln bei Freunden; Eis im Elternhaus (wo mit 19 alles begonnen hatte); Quiche ins stinkdreckige Gemeinschaftsklo im Billig-Wohnheim in Paris und Tonnen an billigem Toastbrotmansch von Penny ins WG-Klo zu Hause. An schlimmen Tagen dreimal; an guten nur einmal … sehr selten nicht. Und natürlich war ich die einzige in der Welt, die SO was machte. Ich mein‘: sich mit Essen vollstopfen und dann auskotzen? In einer Welt, in der Kinder hungern? Nie in all den Jahren hatte mich irgendjemand angesprochen. Wie auch. Das konnte ja niemand ahnen, was ich tatsächlich war. Einfach nur abstoßend. Irgendwann stand ich in der Wohnung in Hamburg Eppendorf, 3. Stock, auf dem Balkon. Runterspringen.

Das Buch ist der Anfang vom Ende der Sucht

Dann kam die Nacht im Jahr 1985, auf dem Sessel, mit diesem Buch: »Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen.« Von Maja Langsdorff. Am Nachmittag hatte mir das meine Schwester geschenkt. Ihr hatte ich alles erzählt. „Es“, das Unsagbare. Sie war erschüttert, aber nicht fassungslos. Und sie schenkte mir dieses Buch. Es war gerade erschienen, Erstauflage. Laut Klappentext das erste populäre Sachbuch überhaupt zu diesem Thema. Und jetzt saß ich zusammengerollt in meinem Sessel und las und las und las, die halbe Nacht, von der ersten bis zur letzten Seite.
B-u-l-i-m-i-e … bitte was? Stierhunger? Ich las von Griechen, die „das“ schon gemacht hatten, und von Untersuchungen in den USA, dass vermutlich gerade jetzt, in diesem Moment, tausende, vor allem junge Frauen, genau das machten wie ich: Essen und Kotzen. Was ich las, war mein Leben. Gekotzt wird hauptsächlich billiges Essen; beim Kotzen die Klospülung an; den Mund ausspülen; nächtliche Putzanfälle haben; ein nicht geklärtes Verhältnis zu den Eltern haben; sich immer zu dick fühlen. Und … und … und … alles wie bei mir. Unfassbar! In dieser Nacht wurde mir zum ersten Mal klar: Vielleicht war ich KRANK!! Nicht pervers, nicht widerlich, abstoßend, einzigartig ekelhaft … ,sondern psychisch krank. So wie viele, viele, viele andere auch. Es war in Worte nicht zu fassen. Es war: meine Rettung


P.S.: Das war der Anfang – die wahre Heilung dauerte noch ein paar Jahre. Und: Ich habe die Autorin Maja Langsdorff viele Jahre später wegen eines anderen Themas interviewt und ihr erzählt, dass sie und ihr Buch mich gerettet haben. Auch da war ich nicht die Einzige! Gott sei Dank.

Dorothea Heintze, freie Autorin, hat schon genetzwerkt, als sie selbst noch nicht genau wusste, was das eigentlich ist und ist Teil unseres leuchtenden Palast-Kollektivs.


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