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I am what I am because of… this book!

Marlies Hesse: „Häutungen“ von Verena Stefan

Erschienen 1975

                                                                                     

Die Überlegung, welches Buch mein Leben beeinflusste und meine Einstellungen veränderte, bedurfte keines langen Nachdenkens. Auf Anhieb kamen mir die biografischen Aufzeichnungen von Verena Stefan – „Häutungen“ – in den Sinn. Die Münchner Verlegerin der Frauenoffensive, die ich vor langer Zeit persönlich kennengelernt habe, veröffentlichte 1975 ihr literarisches Debüt in ihrem von Frauen für Frauen gegründeten Verlag. Schnell entwickelte es sich zu einem „Kultbuch“, das frau seinerzeit gelesen haben musste, sofern sie an feministischer Literatur interessiert war. Innerhalb eines Jahres erreichte der Bestseller eine Auflage von 300.000 gedruckten Exemplaren. Längst hatte ich vergessen, dass ich davon sogar mehrere Ausgaben im Bücherregal stehen habe. Als ich das Buch das erste Mal las, war ich bereits 40 Jahre alt. Und noch gar nicht lange engagierte ich mich in der Frauenbewegung. In der Biografie der Autorin entdeckte ich, dass wir beide an einem 3. Oktober geboren wurden. Ein schöner Zufall, wenngleich mit einem Altersunterschied von zwölf Jahren. Trotzdem sah ich darin ein Verbindungsglied zwischen uns.

Schon eine Weile auf dem Weg der Selbstfindung, faszinierten mich Verenas Denkmuster sowie ihr weibliches Körperbewusstsein. Von ihren erzählten Erfahrungen und sprachlichen Tast-Versuchen über einen anderen Umgang zwischen Männern und Frauen ließ ich mich total einfangen. Damit eröffnete sie mir erstmals neue Möglichkeiten, eine Anpassung an männliche Wünsche und Bedürfnisse künftig zu vermeiden. Ihre Devise „der mensch meines lebens bin ich“ übertrug ich auf meine eigene Identitätssuche. Statt wie üblich selbst eine Buchbesprechung zu schreiben, sammelte ich Rezensionen, zum Beispiel von der Schriftstellerin Christa Reinig (SZ 7.4. 1976) und  der Matriarchatsforscherin Gerda Weiler (FR 1976, Nr. 167) und wertete sie im Hinblick auf die eigene Sichtweise aus. Entlang am Inhalt einzelner Buchkapitel von „Häutungen“ hielt ich daraus auf zehn Seiten alle mir wichtigen Passagen, Zitate und Interpretationen fest, um die thematisierte Problematik für später im Auge zu behalten. Mit Kopien dieser Zusammenstellung versorgte ich den Freundinnenkreis.

Als ich jetzt nach mehr als 40 Jahren das Original suchte und wiederfand, sah das Papier des Skripts schon fast vergilbt aus. Höchst erstaunt und zugleich nachdenklich gestimmt, betrachtete ich die Niederschrift von einstigen Herausforderungen. Viele davon sind bis heute keineswegs überwunden. Wenngleich mir die Wiederbegegnung mit den „Häutungen“ das Gefühl vermittelte, selbst zwischenzeitlich viel Haut abgestreift zu haben, überraschte es mich, wie wenig sich allgemein an den gegenwärtigen Machtverhältnissen in der Gesellschaft geändert hat.  Allein die Rollenzuweisung der Frauen – wie es die Corona-Krise zuletzt wieder zeigt – bleibt nach wie vor eine ungelöste Problematik.                                       

Marlies Hesse, 85, Journalistin, ist eine der maßgeblichen Feministinnen, die die zweite Frauenbewegung hervorbrachte. Sie erhielt für ihr Engagement u.a. das Bundesverdienstkreuz. Bei Palais F*luxx ist sie von Beginn an unterstützende Stimme und Mitwirkende https://palais-fluxx.de/wer-wir-sind/


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