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I am what I am because of… this book!

Simone Bülscher: »Frauen« von Marilyn French

Das Buch zum Aufbruch der Frauen in den 1970-er Jahren
Montage: Brigitta Jahn


Ich habe mich schon früh mit den Heldinnen meiner Bücher identifiziert. Zuerst war es „Försters Pucki“ – eine reaktionäre Figur, wie ich bei späterer Lektüre erschrocken feststellte. Aber „Pucki“ war blond und wohnte wie ich am Waldrand. Das musste mit sechs oder sieben für eine Identifikation reichen. Dabei ging ich gar nicht gerne in den Wald. Später war es Enid Blytons „Dolly“. Dabei wollte ich nie ins Internat. Schließlich kam Kay aus Mary McCarthys  „Die Clique“. Auch keine gute Wahl, wie ich merkte: Kay nahm sich im Lauf der Geschichte das Leben.
Als ich 18 oder 19 war, entdeckte ich „Frauen“ von Marylin French und es wurde MEIN Buch. Das war sofort klar. Jede meiner Freundinnen musste es lesen. Und natürlich auch mein (späterer) Mann.

Das Buch kam von meiner Mutter. Ich war sofort wie elektrisiert

Ich komme aus einem konservativen Elternhaus in einer Kleinstadt, mein Vater war autoritär, meine Mutter zehn Jahre jünger als er, gefangen in ihrem Bedürfnis nach finanzieller und gesellschaftlicher Sicherheit, begehrte kaum gegen ihn auf. Und wenn, dann im Geheimen („Das sagen wir Papi lieber nicht.“). Das alles erkannte ich früh und mit völliger Klarheit.
In zwei Bereichen erarbeitete sich meine Mutter Freiheiten: Der eine war Sport. Sie spielte Tennis und ging joggen, als das noch „Waldlauf“ hieß. Der zweite waren Bücher. Sie las, wann immer sie eine ruhige Minute fand, und als ich aus der Mädchenbuch-Phase herausgewachsen war, gab sie mir nach und nach Romane, die sie für geeignet hielt: ein Sammelsurium aus Pearl S. Buck, Johannes Mario Simmel und Simone de Beauvoir. Die meisten Bücher stammten aus dem Bertelsmann Leseclub, den sicher viele von uns zu Hause hatten.
Irgendwann gab mir meine Mutter „Frauen“. Ich war sofort wie elektrisiert von diesem Buch und habe es im Laufe der Jahre sicher dreimal gelesen.

Frauen halten fest zusammen – gleichzeitig versucht jede, den Schein zu wahren

Es zeichnet die miteinander verwobenen Lebenswege einer Gruppe von Frauen auf, die in den prüden 1950er Jahren aufwachsen, studieren, heiraten, Kinder bekommen, verlassen werden, sich endlich mehr oder weniger emanzipieren und lernen (müssen), ihren eigenen Weg zu gehen. Die Hauptfigur ist Mira, die ihr Studium abbricht, als sie schwanger wird, und mit ihrer Familie in eine dieser typischen amerikanischen Vorstädte zieht. Fortan spielt sich ihr Leben zwischen Treffen mit Freundinnen, Dinnerpartys und Versuchen, es ihrem Mann recht zu machen, ab. Einerseits halten die Frauen in Miras Siedlung fest zusammen, offenbaren einander intime Geheimnisse, gleichzeitig wird um jeden Preis der äußere Schein gewahrt. Es gibt Affären, Streit, Eifersucht, Intrigen, aber auch große Solidarität.

Im Grunde war die erste Hälfte von „Frauen“ ein Spiegel des Lebens meiner Mutter. Nur ohne Miras späteren Ausbruch. Den hatte ich mir immer nur für sie gewünscht. Aber als Heranwachsende verfolgte ich fasziniert die Dramen im elterlichen Freundeskreis: Die schöne Freundin meiner Mutter, die nur geheiratet hatte, um „versorgt“ zu sein, weil sie als Kind in der Nachkriegszeit so gehungert hatte, wie meine Mutter mir erzählte. In Wirklichkeit liebte sie den Mann einer anderen. Das wussten „alle“, so wie auch alle von der Alkoholsucht zweier anderer wussten. Aber auch darüber wurde nicht offen gesprochen.

Für Entwicklung, das entnahm ich dem Buch, sind Frauenfreundschaften elemetar

Irritierend und, ja, fast etwas peinlich finde ich, dass mir der zweite Teil von „Frauen“ trotz mehrmaliger Lektüre nur noch höchst verschwommen in Erinnerung ist. Miras Emanzipation und ihr spätes Studium scheinen bei mir weit weniger Eindruck hinterlassen zu haben als der „Desperate Housewives“-Teil. Was mich aber tief geprägt hat, ist die Darstellung der konservativen Familienstrukturen in „Frauen“, das Erkennen, das Aufbrechen, die Befreiung daraus und die Frauenfreundschaften, ohne die diese Entwicklung nicht möglich gewesen wäre. Das sprach mir aus der Seele, das berührte mich tief, das wollte ich leben.
Hat zum Glück geklappt.



Simone Bülscher ist nicht der richtige Name der Frau, die hier über ihr lebensentscheidendes Buch spricht. Aber weil sie in der Öffentlichkeit steht, bat sie darum, anonym bleiben zu können.


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