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Erinnerung an Milena Jesenská

Die tschechische Publizistin und Journalistin Milena Jesenská wurde vor 125 Jahren, am 10. August 1896 geboren. Anne Lehnert über die Frau, die vielen in Zusammenhang mit Franz Kafka bekannt ist, doch nur wenigen durch ihr eigenes Werk.

Journalistin und Publizistin Milena Jesenská (1896 – 1944). Foto: gemeinfrei/Wikipedia

Nachteile der Nähe ‒ Philosophie des Alltags

Mir begegnete Milena Jesenská zum ersten Mal Anfang der neunziger Jahre auf der Frankfurter Buchmesse: als hübsche, etwas verträumte junge Frau auf einer Postkarte am Stand des Verlags Neue Kritik. Ich erstand nicht nur die Postkarte, sondern auch die Edition ihrer Feuilletons und Reportagen mit dem Titel „Alles ist Leben“, die Dorothea Rein erstmals 1984 herausgegeben hatte. Besonders gefielen mir damals, als junge Frau, Jesenskás kurze Skizzen, die ausgehend von genauen Beobachtungen des alltäglichen Lebens philosophische Fragen und Erkenntnisse entwickeln.

„Eine Ameise unter dem Schuh eines Menschen hat nie eine Vorstellung davon, wie ein Gesicht aussieht. Und wir vor dem Gesicht eines Menschen wissen ebenfalls nicht, wie das menschliche Herz aussieht“,

so das Fazit des Essays „Nachteile der Nähe“ (1927), der das Kennenlernen eines Menschen mit einer Bahnfahrt ins Gebirge vergleicht: Wie das Gebirge aus der Ferne majestätisch wirkt, von Nahem aber nicht mehr in seiner Pracht zu erkennen ist, kann die Bekanntschaft mit den störenden Eigenschaften eines Menschen im alltäglichen Zusammenleben den Blick für seine Größe trüben. Ähnliche Erfahrungen machte ich in Liebesbeziehungen auch, in Jesenskás Texten fand ich treffende Worte dafür.


Direktzug Prag-Wien: Die Beziehung zu Franz Kafka

In den Artikeln über Liebeswirren klingt die Beziehung Milena Jesenskás zu Franz Kafka an. Als Jesenská dessen Erzählung „Der Heizer“ übersetzte, entspann sich zwischen den beiden Anfang der 1920er Jahre ein reger Briefwechsel, eine Liebesbeziehung per Post. Getroffen haben sie sich einmal für vier Tage in Wien, und dann für einen Nachmittag in Gmünd, auf halber Strecke zwischen Prag und Wien. Als Adressatin der Briefe Kafkas wurde Jesenská später, in den 1950er Jahren, bekannt. Nach der Veröffentlichung durch Willy Haas unter dem Titel „Briefe an Milena“ im Jahr 1952 waren diese Gegenstand zahlreicher Artikel und Studien. Auch Biografien Jesenskás trugen allein ihren Vornamen im Titel: „Kafkas Freundin Milena“ heißt die von ihrer Freundin Margarete Buber-Neumann verfasste Biografie (1963), die ihrer Tochter Jana Černá trägt auf Englisch den Titel „Kafka’s Milena“ (1969) und Vera Belmont nannte ihre Filmbiografie Jesenskás „Geliebte Milena“ (1991). Dass Milena Jesenskás eigenes Werk aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand, lag auch daran, dass sie aufgrund ihres Widerspruchs gegen den Stalinismus während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei als Trotzkistin geächtet war.

Reklame des Elends ‒ Sozialkritische Artikel aus Wien

Zu Beginn ihrer Arbeit als Journalistin, von 1919 bis 1924, lebte Milena Jesenská mit ihrem ersten Mann, dem österreichischen Literaturkritiker Ernst Pollak, in Wien. Von dort aus schrieb sie für die tschechischen Zeitungen Tribuna und Národní listy. Themen ihrer Artikel aus dieser Zeit sind, neben der Wiener Mode, Skizzen aus dem Alltagsleben im Wien der Nachkriegszeit und sozialkritische Reportagen über Armut und Elend nach dem Zusammenbruch der Monarchie. „Die Kinder in Wien“ (1920) beobachtet die Kinder der Vorstädte, die „vor der Zeit gealterten kleinen Bürger“ und ihr harte Lebensrealität, wie sie frühmorgens um Lebensmittel anstehen, dann den Haushalt und die Geschwister versorgen und nachmittags Holz holen und mit verfrorenen Händen und Füßen heimkehren.

Im genauen und schonungslosen Blick auf die Beziehungen zwischen Menschen zeigt sich Jesenskás Hellsichtigkeit und Unabhängigkeit von Konventionen. Die unsentimentale Betrachtung sowie die Wertschätzung der Sorge für andere sind heute so wichtig und aktuell wie damals – und zugleich so prekär.

Prager Hinterhöfe im Frühling ‒ Die tschechische Avantgarde

Zurück in Prag fand Milena Jesenská ihre geistige Heimat in der tschechischen Avantgarde. Begeistert war sie von der internationalen Werkbundausstellung „Die Wohnung“ auf der Weißenhofsiedlung in Stuttgart 1927. In dieser Zeit war sie in zweiter Ehe verheiratet mit dem Architekten Jaromír Krejcar, mit dem sie 1928 ihre Tochter Jana bekam.
Auch wenn sie bei der Zeitung lange die Frauenseite verantworten und über Mode schreiben musste, vertrat Jesenska ein modernes Frauenbild. Der Artikel „Ein dekorativer Gegenstand?“ (1925) wehrt sich gegen die „Pflicht (der Frauen), dekorativ zu sein“ und sich zu schminken:

„Ich weiß nicht, wie wir uns als Dekoration im Leben ausnehmen würden, ich denke, es stünde uns nicht zu Gesicht. Wir würden uns dabei auch fürchterlich langweilen. […] Da ist es besser, nach der erstbesten Arbeit zu greifen, die einem unter die Finger gerät, dann nach einer anderen und wieder einer neuen und lieber auf menschliche Weise und im Wirbel des Lebens altern und ein Gesicht voller Falten und Fältchen bekommen, die sich so fröhlich zu einem Lächeln fächern wie ein gestärkter Fältelkragen und uns dereinst zu einer rührigen und vielleicht ja auch heiteren und modernen Großmutter machen!“

Die Folgen der Geburt ihrer Tochter Jana beeinträchtigten Jesenská körperlich und psychisch, und auch ihre wirtschaftliche Situation verschlechterte sich. Doch sie blieb kämpferisch. Für die kommunistische Kulturzeitschrift Tvorba übersetzte sie Autoren wie Bertolt Brecht, Ilja Ehrenburg und Elisabeth Hauptmann, bis sie die Zeitschrift, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Evžen Klinger, wegen politischer Differenzen verließ.

Die Kunst stehenzubleiben: Politische Reportagen und politisches Engagement

In den letzten beiden Jahren ihres Schaffens, von 1937 bis 1939, bekam Milena Jesenska die Gelegenheit, für die unabhängige politische Wochenzeitschrift Přítomnost (Gegenwart) gründlich recherchierte Reportagen zu politischen Themen zu schreiben. Befreit von der Last, für Frauenseiten Artikel über Mode schreiben zu müssen, fand sie hier Raum für engagierte und brillant geschriebene politische Artikel. Sie berichtete so engagiert wie differenziert über die Situation in den sudetendeutschen Gebieten Tschechiens sowie über die Schicksale der Emigranten, zum Beispiel mit der Reportage „Gestrandete Menschen“ (1937) über das Schicksal deutscher Emigranten in Prag sowie mit der zweiteiligen Artikelserie „Es wird keinen Anschluss geben“ (1938).

Als die Zeitschrift Přítomnost eingestellt wurde, schrieb sie für die illegale Zeitung V Boy (Auf zum Kampf), und sie war Mitglied einer Gruppe, die gefährdeten Menschen zur Flucht nach Polen verhalf.

Was bleibt, ist ihr Werk

Im November 1939 wurde Jesenská verhaftet. Der Gestapo-Spitzel Jaroslav Nachtmann stellte ihr eine Falle, indem er eine konspirative Wohnung überwachen ließ, zu der Milena Jesenskás Tochter Jana als Botin geschickt wurde. Daraufhin verhaftete er Jesenská in ihrer eigenen Wohnung zusammen mit dem Englischlehrer der Tochter. Zwar konnte man ihr bei der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof in Dresden nichts nachweisen, doch wurde sie in sogenannte Schutzhaft genommen und 1940 ins KZ Ravensbrück gebracht. Mitgefangene wie Margarete Buber-Neumann und Anička Kvapilová berichteten später von Jesenskás Unbeugsamkeit, ihrer praktischen Logik und ihrer scharfen Kritikfähigkeit, die sie auch dort bewies. Schon von der Untersuchungshaft geschwächt, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand durch die schlechten Bedingungen im Lager noch mehr. Sie starb am 17. Mai 1944 an Nierenversagen.

Überlebt hat ihr Werk. Milena Jesenskás feuilletonistische Skizzen und politischen Reportagen bestechen durch ihre oft schonungslose und zugleich mitfühlende Beschreibung, ihre gedankliche Klarheit und ihre Aufrichtigkeit. Sie haben bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren.

Weiterlesen: Gedanken zu Geistesgegenwart, Care und Notwendigkeit bei Milena Jesenská auf bzw-weiterdenken.de


Buchvorstellung:
„Milena Jesenská. Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919-1939“
von Alena Wagnerová am Mittwoch, 13. Oktober 2021, um 19:00 Uhr in der FrauenGenderBibliothek Saar, Großherzog-Friedrich-Straße 111, 66121 Saarbrücken und online (Hybrid-Veranstaltung)
Veranstalterinnen: FrauenGenderBibliothek Saar und Heinrich-Böll-Stiftung Saar
Veranstaltungsform: Eine begrenzte Personenzahl kann den Vortrag vor Ort in der FrauenGenderBibliothek Saar anhören. Alle weiteren Interessierten können sich digital per Zoom einwählen. Anmeldung für beide Varianten an info@frauengenderbibliothek-saar.de
Eintritt: frei

Zitate:
(1) Milena Jesenska: Alles ist Leben. Feuilletons und Reportagen 1919-1939. Herausgegeben und mit einer biografischen Skizze versehen von Dorothea Rein, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main (5) 2008, 304 Seiten, ISBN 978-3-8015-0192-1, 22,50 Euro.
(2) Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919–1939. Herausgegeben von Alena Wagnerová, aus dem Tschechischen von Kristina Kallert, Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 416 Seiten, ISBN 978-3-8353-3827-2, 32,00 Euro.

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