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Sag mir, wo … die Bindestriche sind

Bildmontage: Brigitta Jahn

Ob es irgendwo ein Lager gibt? Riesige, grau-weiße Hallen. Wo in meterhohen Industrie-Regalen unter grellem 24-Stunden-Neonlicht säckeweise … Bindestriche lagern.

All die Bindestriche, die seit einigen Jahren vermeintlich aus ästhetischen Gründen auf Buchumschlägen weggelassen werden. Und deren Fehlen nicht nur leidenschaftlichen Belletristik-Leserinnen wie mir auffällt. Um es mal neutral zu formulieren. In Wirklichkeit ärgere ich mich jedes einzelne Mal.

Ganz schlimm war es bei „Marianen graben“ von Jasmin Schreiber, einem Buch, dessen Inhalt mir so gut gefiel, dass ich es zweimal hintereinander gelesen habe.

Ich lese im Jahr über 100 Bücher – in den frühen 2000er-Jahren habe ich sie zu zählen begonnen, da kam ich in einem Jahr sogar auf 144. Die meisten Bücher sind schon bei BookCrossing** registriert, einer weltweiten Bücherei. Dazu muss ich den Buchtitel eingeben. Nur, wie mache ich das? Was muss ich eingeben, damit das Buch gefunden wird? Zumal eines, dessen Titel schlicht falsch geschrieben ist?

Hier im Palais F*luxx wurde neulich das Buch „Sex für Wieder einsteiger“ besprochen. Schreibt sich „wieder“ nicht klein und „Einsteiger“ groß? Ach so, das Buch heißt „Sex für Wiedereinsteiger“!

So würde ich es, hoffentlich, auch bei BookCrossing finden … was sich übrigens schon immer ohne Bindestrich schreibt.

Warum heißt es eigentlich nicht „Wiedereinsteiger:innen“? Wohl weil dann noch eines von diesen angeblich hässlichen typografischen Zeichen dazu käme. Und das geht ja nun wirklich gar nicht.

Mir fehlen sie, die Bindestriche. Dass sie angeblich hässlich sind, müsste ich doch wohl beurteilen können: Ich bin seit über 25 Jahren Grafikerin. Und ich weiß auch von anderen Grafiker:innen, dass sie Augenschmerzen bekommen, wenn sie diese bindestrichlosen, zerstückelten Wörter auf Buchcovern und Verpackungen sehen.

Ja, Verpackungen, denn auch dort fehlen Bindestriche gleich kiloweise. Im Beispiel fehlen nicht nur sie, sondern gleich ALLE Satzzeichen: Punkte, Kommas, Bindestriche. Nur zwei Bulletpoints haben es auf den Karton geschafft.

Liebe Grafik-Kolleg:innen: Bitte lehnt euch auf! Lasst nicht mehr zu, dass euch irgendwelche Product Manager:innen (zwei zusammengehörende englische Wörter schreiben sich ohne Bindestrich) erzählen, was ästhetisch ist und was nicht. Natürlich stören Bindestriche manchmal, dann gilt es, eine Lösung zu finden. Dafür sind wir doch KREATIVe.

Und liebe Leser:innen: Schreibt Briefe und E-Mails an Verlage und Herstellende. Fordert die Befreiung der Bindestriche aus den dunklen Kellerlöchern der Verdammnis! Dann habe ich es auch endlich einfach beim Bücherregistrieren.

Ania Groß


BookCrossing:

Bei BookCrossing registrieren wir Bücher, diese bekommen eine ID und gehen dann auf die Reise. Entweder werden sie wild freigelassen oder über das Forum angeboten. Die Reise der Bücher ist die Hauptsache. Motto: „Regalhaltung von Büchern ist Literaturquälerei“. Jede „Jäger*in/Fänger*in“ eines Buches kann einen Leseeindruck schreiben, muss sie aber nicht.
Manche treffen sich auch zum Bücher tauschen. Aber auch da wird nicht überwiegend über Bücher gesprochen. Viele haben am Anfang die Vorstellung, man könnte mit BookCrossing den eigenen Bücherbestand reduzieren. Das klappt aber nur in Ausnahmefällen, weil immer so viele tolle Bücher angeboten werden.

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