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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Bildmontage: Brigitta Jahn

Worum geht es?
Erzählt wird die Geschichte von vier Frauen im Palais F*luxx-Alter, die sich für den Kurs „Sex für Wiedereinsteiger“ bei der Volkshochschule anmelden. Sie alle sind an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie ihre eingeschlafene Sexualität bedauern und nach Erweckung suchen. Ihre Kursleiterin, die freigeistig lebende Tilda, konfrontiert sie mit ihrer Sprachlosigkeit ihrem Geschlecht und ihren Bedürfnissen gegenüber, ihrer Scham und Verwundung. Mit der neuen Perspektive auf ihren Körper und ihre Wünsche erwächst auch eine neue Perspektive dieser Frauen auf ihr Leben und der Mut, den Ist-Zustand zu überdenken.

Was kann es?
Es wäre interessant, zu erfahren, wie viele Frauen zwischen Ende Vierzig und Mitte 50 ähnlich empfinden wie die Protagonistinnen. 80 Prozent? Und das ist genau das, was das Buch vermag: Ins Bewusstsein zu bringen, dass es keinen Grund gibt, seine Sexualität im Dornröschenschlaf weiterdämmern zu lassen oder sich mit einem Elftel dessen zufriedenzugeben, was gehen könnte oder was wir vor Jahren erlebt haben. Das Buch erinnert daran, dass erfüllte Sexualität nicht nur ein „Nice to have“ ist und der Gesundheit förderlich, sondern es bringt ins Bewusstsein zurück, dass wir uns um einen Teil unserer Lebensqualität bringen, wenn wir den Wunsch danach und den Anspruch daran verdrängen. Oder durch Basteln und Handarbeiten kompensieren.
Gerade jetzt, in einem Alter, in dem wir oft genug die letzten zwei oder drei Jahrzehnte in den Dienst anderer gestellt haben, meist der Familie und / oder des Berufes, steht die Frage im Raum, ob nicht der Zeitpunkt gekommen ist, sich eine solche Qualität ins Leben zurückzuholen.

Wie ist es geschrieben?
Mit dieser Frage kommen wir zum Haken des Buches, denn die unterhaltsame Geschichte ist weit davon entfernt, literarisch anspruchsvoll zu sein. Was an sich kein Manko ist, nur leider ist sie schlicht zu „frauenzeitschriftig“. Was bedeutet, dass der Roman auf einer ungemein schablonenartigen und klischeebehafteten Zeichnung von Orten und Figuren fußt. Der Fairness halber muss man sagen, ein Klischee ist das Ergebnis einer Realität. Klischees sind das Konzentrat unserer Welt, ihrer Typen und ihres Verhaltens. Dennoch ist es schade, dass die beiden Autorinnen Karina Lübke und Claudia Thesenfitz, die sich hinter dem Pseudonym „Mila Paulsen“ zusammengefunden haben, so scherenschnittartig agieren und dem Vagen, dem Vielleicht, den Zwischentönen keinen Platz lassen. Das ist vielleicht der Punkt, der das Frauenzeitschriftenhafte am deutlichsten ausdrückt: Alles ist bis ins Kleinste benannt, da ist ein Couchtisch ein „flacher schwarzer Glastisch aus den 70ern“, die Haartolle „wild“ und ein Foodtruck „malerisch“. Nichts bleibt im Ungefähren, nichts der Fantasie der Leserin überlassen. Manchmal klingt es, als schreiben die Autorinnen nebenbei noch einen Reiseführer: „In der Strandperle tobte erwartungsgemäß das Leben. Wie immer in Hamburg lockten sommerwarme Tage die wintermüden Hanseaten in Massen nach draußen.“  

Lübke und Thesenfitz sind Vollprofis. Beide haben sich als Journalistin und Autorin durch die Magazinlandschaft der Republik geschrieben – unterhaltsam, pointiert, souverän. Sie wissen genau um Witz und Wirkung und picken gekonnt die Komik aus den Banalitäten unseres Alltags heraus. In diesem Sinne ist „Sex für Wiedereinsteiger“ gelungene Unterhaltung, mit manch nettem Verkehr der Geschlechter und dem Mehrwert, angestoßen zu werden, ins Denken zu kommen – und womöglich zu gucken, ob die heimische VHS einen flotten Sex-Kurs im Angebot hat.

Und sonst?
Sonst fragt man sich, wer in den Verlagen eigentlich die Cover macht? Goofy?
Nochmal für Denkeinsteiger*innen: Zwei Frauen Mitte 50 schreiben ein Buch für Frauen ihres Alters und etwas darunter, in dem es darum geht, dass Frauen ihres Alters und etwas darunter ein ausgedörrtes Sexleben haben. Was diese – selbstbewusst, wie sie sind – ändern möchten. Ihr ausgedörrtes  Sexleben rührt daher, dass die Frauen die letzten zwanzig Jahre viel zu tun hatten. Familien und Haushalte zu organisieren etwa, Firmen aufzubauen, zu regieren vielleicht und obendrein ihrem Partner zu sagen, welches Geschenk er für den Geburtstag seiner Mutter besorgen sollen. Diese Frauen sind erfahren. Sie sind wissend und kompetent. Sie sind in the middle of their lives and their beauty – und bekommen ein Buchcover vorgelegt, gestaltet wie für eine 15-Jährige, die lustig an die bunte Welt der Tampons herangeführt werden soll?!

Rosafarben und garniert mit einer Schrift, deren Buchstaben eben noch dafür verwendet wurden, auf ein Kalenderblatt neben eine Kaffeetasse „Carpe Diem“ zu schreiben. Dazu zwei … Tiere. Pandabären? Ameisenbären? Robben mit Armen?… die in einem Bett liegen, wovon einer eine Augenmaske mit Ohren trägt. Fehlt nur noch, dass da steht „Sex für Dummies“. Denn das scheint man von Frauen in ihren Vierzigern, Fünfzigern zu halten – lustige, dumme Dinger.

Man muss vom Goldmann Verlag generell nicht allzu viel erwarten. Und auch andere Verlage schaffen es zuverlässig, gute Bücher von sehr gestandenen Frauen aussehen zu lassen, als bewegte sich die Hirnaktivität der Schreiberin und die der potentiellen Leserin zwischen Cupcake und Zuckerguss. Es bleibt ein Rätsel, warum sich Verlage dagegen wehren, ihre Autorinnen ebenso wie ihre Leserinnen ernst zu nehmen. Welche Angst haben Verlage vor Frauen, die nicht mehr 30 sind? Warum können sie nur mit ihnen umgehen, wenn sie unsere Adoleszenz negieren? Wenn Alter und Reife unsichtbar, ja, sogar versteckt werden?
Ich jedenfalls möchte mit so einem Buch nicht gesehen werden. „Sex für Wiedereinsteiger“ könnte in meinen Händen ganz interessant aussehen. Man könnte mich in der Bahn oder im Park das Buch lesen sehen und denken: „Ach, guck an! Vielleicht würde sie sich über ein wenig Unterstützung beim Wiedereinstieg freuen!?“ So aber, mit diesem rosafarbenen Tierbuch in den Händen, auf dem groß das Wort „Sex“ steht und eines der Viecher eine Augenmaske mit großen Ohren trägt, würde ich jedoch sofort als sehr, sehr bemitleidenswertes Wesen wahrgenommen werden, obendrein wahrscheinlich mit einer Macke. Das wünscht man niemandem. Außer der oder dem Verlagsleiter. Es würde meinen Ärger unbedingt besänftigen, wenn die Verantwortlichen dieser Titel einen Tag lang mit ihrem verhunzten Buch in der Hand unterwegs sein müssten. In der Bahn, im Café, auf dem Wochenmarkt, im Meeting. Ich nehme an, das Thema würde sich sehr schnell erledigen.

Kostprobe 
„Und nun möchte ich euch bitten, auf den Zettel die Anzahl von Sexualpartnern zu schreiben, die ihr bislang hattet.“
Einige der Frauen schauten Tilda überrascht und irritiert an.
„Nur die Zahl bitte“, fügte sie erklärend hinzu, „anonym, ohne Namensnennung. Und natürlich freiwillig. Ich vermute mal, dass das Ergebnis ziemlich interessant für euch ist. Ihr werdet dabei auch euren eigenen Urteilen und Vorurteilen auf die Schliche kommen, wie viele Partner eine ,normale‘ Frau so haben darf. Na, was denkt ihr, ist die maximale Zahl?“
Die Frauen lächelten verlegen. Sie überlegten und kritzelten verstohlen Ziffern auf ihre Zettel. Einige zählten heimlich an den Fingern ab und runzelten nachdenklich die Stirn, etliche hielten ihren Arm vor das Blatt, damit die Frau neben ihr keine Einsicht bekam.
„Haben die Sorge, man könnte bei ihnen abschreiben? Ist ja wie früher in der Schule“,­­ flüsterte Maren Andrea, die neben ihr saß, zu.

Mila Paulsen, »Sex für Wiedereinsteiger«, Goldmann Verlag, 352 Seiten, 10 Euro

Rezension: Silke Burmester

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