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Ein erhabenes Königreich

Buchvorstellung: „Ein erhabenes Königreich“

Bildmontage: Simone Glöckler

Worum es geht
Gifty, eine junge Neurowissenschaftlerin, nimmt ihre depressive Mutter bei sich auf. Sie, die sich die Aufgabe gestellt hat, die Gründe für Depression und Drogensucht im Gehirn zu suchen, wird durch die Anwesenheit der ständig im Bett liegenden Mutter an ihre Kindheit erinnert. An den früh verschwundenen Vater, den frühen Drogentod des Bruders und eben eine Mutter, die versuchte, die Hürden im weißen Amerika mit ihrem starken christlichen Glauben zu überwinden. Und an Depression erkrankte. Es stellt sich Gifty die Frage: Was kann der Mutter helfen, die Wissenschaft oder die Religion?

Warum sollte mich das interessieren
Dieser Roman beschreibt das Leben im vom gesellschaftlich tolerierten Alltagsrassismus geprägten Amerika. Die aus Ghana stammende Familie ist in ihrer Kleinstadt in Alabama nur deswegen akzeptiert, weil Giftys Bruder ein sportliches Ass ist und so zum Ruhm der Gemeinde beiträgt. Als dieser sich schwer verletzt und in den Drogenrausch flüchtet, erlebt die Familie wieder Schmach und Rassismus. Der Vater verzieht sich wieder nach Ghana, nachdem er in den Vereinigten Staaten nicht festen Fuß fassen konnte. Die Mutter holt sich Trost im Glauben und hält an den Plänen Gottes für die Menschen fest. Doch als der Sohn stirbt, erkrankt sie an Depression, und Gifty ist auf sich allein gestellt. Das Mädchen, später die junge Frau, hält sich an Wissen und Intelligenz fest und verliert den christlichen Glauben, den sie als Kind fast schon fanatisch gepflegt hatte. Sie verschreibt sich der Rettung depressiver Menschen – um auch die Mutter retten zu können.

Völlig unsentimental und doch liebevoll beschreibt Yaa Gyasi den Lebensweg der Wissenschaftlerin, die ihren Glauben abgelegt hat, sich durch Distanz zu anderen Menschen vor Verletzungen schützt, und die am Unwillen der Mutter aufzustehen fast scheitert. Es ist ein Roman über die Frage: Wissenschaft oder Religion – was von beidem tröstet den Menschen im Leid? An Giftys Geschichte zeigt sich, dass beides schwer nebeneinander existieren kann. Gyasi beschreibt eine Familie, die Verluste erleidet und ihre Liebe füreinander kaum aufrechterhalten kann, mit einer schnörkellosen Klarheit und Kraft, die mich trotz des Leids, das sie auch schildert, nie verzweifeln ließ.
Und wir werden mit leisen, aber kraftvollen und niemals jammernden oder anklagenden Worten daran erinnert, dass auch im 21. Jahrhundert noch immer nicht alle Menschen gleichgestellt sind.

Über die Autorin
Yaa Gyasi, 1989 in Ghana geboren, stand 2016 mit ihrem Debüt „Heimkehren“ wochenlang auf den Bestsellerlisten der USA und England. Der Roman wurde in über 20 Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Kostprobe
„Manchmal steht mein jetziges Leben so sehr im Widerspruch zu den religiösen Lehren meiner Kindheit, dass ich mich frage, was das kleine Mädchen, das ich einst war, von der Frau halten würde, zu der ich geworden bin – einer Neurowissenschaftlerin, die bisweilen das, was Psychologen das Gemüt und Christen die Seele nennen, mit der Funktionsweise des Gehirns gleichsetzt. Ich schreibe diesem Organ in der Tat eine Art Überlegenheit zu und glaube und hoffe, dass es alle Antworten auf alle nur erdenklichen Fragen, die ich habe, enthalten kann und muss. Doch tatsächlich habe ich mich kaum verändert. Noch immer stelle ich die gleichen Fragen wie zum Beispiel „Können wir unsere Gedanken kontrollieren?“, aber auf der Suche nach einer Antwort gehe ich jetzt ganz andere Wege. Ich suche nach neuen Bezeichnungen für alte Gefühle. Meine Seele ist immer noch meine Seele, auch wenn ich sie nur selten so nenne.“

Ein Geschenk für Töchter, Schwestern, Mütter, Freundinnen und Kolleginnen, die am Leben und auch Leiden anderer Frauen interessiert sind, deren Welt so anders als die unsere ist.

Yaa Gyasi: „Ein erhabenes Königreich“, übersetzt von Anette Grube, DuMont Verlag, 304 Seiten, 22 Euro

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Rezension: Simone Glöckler

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