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I am what I am because of… this book!

Regina Kramer: »weiter leben Eine Jugend« von Ruth Klüger

Das Cover des Buchs »weiter leben Eine Jugend« von Ruth Klüger. Erschienen im dtv-Verlag.
Der abgebildete Band ist jener von Regina Kramer. Er hat, was ein so bedeutsames Buch ausmacht:
deutliche Gebrauchsspuren

Zu meinem Geburtstag 1992 hat mir jemand »weiter leben Eine Jugend« von Ruth Klüger geschenkt. Bis dahin war sie mir unbekannt. Und danach habe ich nie wieder aufgehört, das Buch immer wieder zu lesen. Ich kannte Romane von Überlebenden der Shoa, von Imre Kertesz, Jean Améry, Primo Levi. Etwas war anders bei »weiter leben«. Es war kein Roman und keine klassische Autobiografie. Es war ein Buch aus Erinnerungen, Überlegungen, Nachdenklichkeit und Zorn.

Als 11-jähriges jüdisches Mädchen wird Ruth Klüger 1942 mit ihrer Mutter aus Wien in das KZ Theresienstadt deportiert, später nach Auschwitz und Christianstadt. Während der erneuten Deportation nach Bergen-Belsen gelingen ihr und ihrer Mutter die Flucht. 1948 emigrieren beide in die USA. Ruth Klüger wird Professorin für Germanistik, zuerst in Princeton, dann in Irvine. 1988 kommt sie wegen einer Gastprofessur nach Göttingen. Dort beginnt sie erstmals über ihre Erfahrungen in den Lagern zu schreiben. Und darüber, wie mehr als 40 Jahre später über den Holocaust gedacht wird. 

„Ein Mittagessen, einer berichtet von einem, der in Auschwitz gefangen gewesen war und nun auf die Araber geschimpft hätte, die seien alle schlechte Menschen. Wie kann einer, der in Auschwitz war, so reden, fragt der deutsche Student. Ich erwiderte: Auschwitz sei keine Lehranstalt für irgendetwas gewesen und schon gar nicht für Humanität oder Toleranz. Und ausgerechnet sittliche Läuterung erwarte er von da?“

Hatte ich nicht auch schon mal gedacht, dass Opfer besonders empathisch sein sollten?

Hatte ich nicht auch schon ähnlich gedacht? Warum wünscht man, dass Opfer besonders empathisch sein sollen? Warum soll das Grauen der anderen zu irgendetwas nutze gewesen sein? Ich nahm einen Bleistift und unterstrich Zeile um Zeile. 

Zehn Jahre später hole ich das Buch wieder hervor. Ich bin Journalistin und recherchiere zu Traumata. 2002 war der Begriff in der Öffentlichkeit noch nicht zu einem weitgefächerten Schrecken heruntergeschrumpelt, der nun mal zum Leben gehört. Trauma hing mit dem Überleben in KZs zusammen, mit Gewalt, die nicht auszuhalten ist, die das Vertrauen in die Welt mit einem Schlag vernichtet. Zum ersten Mal tauchte in diesen Jahren der Begriff „Überlebende“ auch für Frauen und Mädchen auf, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Die Trauma-Forschung beschrieb – was feministische Frauengruppen schon lange vermuteten – dass solche Übergriffe die gleichen seelischen und körperlichen Folgen haben können wie Folterungen in Kriegen oder Schockreaktionen bei Katastrophen.

Ruth Klüger schreibt mit einer Unversöhnlichkeit, die mich elektrisiert

Ruth Klüger schreibt in »weiter leben« nicht über sexuelle Gewalt. Aber sie hat eine Unversöhnlichkeit, die mich elektrisiert. „Bei einem Essen mit Uni-Kollegen unterhielt man sich darüber, warum es keinen Widerstand der Opfer, Gefangenen in den Lagern z.B. bei Hinrichtungen gegeben habe. In dieser Frage steckt immer die heimliche Forderung, dass es ihn hätte geben sollen. Ich sagte: ich hätte immer gefunden, es sei eine Unverschämtheit von den Lebenden, von den Ermordeten noch ein bestimmtes Benehmen während des Sterbens zu verlangen.“
Ein bestimmtes Benehmen verlangen. Warum tragen Sie kurze Röcke? Wieso haben Sie sich nicht mehr gewehrt? Und was machen Sie überhaupt um diese Zeit allein auf der Straße?  

In endlosen Diskussionen über Gewalt gegen Frauen habe ich mich vor 20 Jahren verheddert und wollte souverän überzeugen. Unmöglich. Mal war ich zu aggressiv, mal zu zögerlich und oft auch zu ängstlich. Ich fürchtete den Bruch mit Freunden, den Verlust von Liebe, ich fürchtete das Etikett „Du bist so kompliziert“. Wie geht Unversöhnlichkeit? Wie geht das Widerstehen, wenn „Experten“ zum Versöhnen raten, weil es die Seele beruhige? Ich will gar nicht beruhigt werden. Und so wurden mir Ruth Klügers Gedanken zu viel mehr als nur Literatur.

Wie komme ich dazu, leere KZ-Gelände zu fotografieren? Damals waren die Lager nicht leer

18 Jahre später, 2020. Im Rahmen eines Fotoprojekts mache ich Bilder von KZ-Gedenkstätten. Ich fahre nach Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen. Ich suche und weiß nicht genau was. Da hole ich wieder das Buch aus den inzwischen hinteren Reihen meines Bücherregals. Gedenkstätten, schreibt Ruth Klüger, sind „Gespensterorte, die von Auflösung reden: der Ort so konkret, das Geschehen nur noch der Phantasie zugänglich. Und wer weiß, was die daraus macht.“
Ich weiß es. Ich habe Galgen im Nebel fotografiert. Ich habe die Weite und Leere eines KZ-Geländes fotografiert, obwohl damals kein Lager leer war. Wie komme ich dazu?
Ruth Klüger nennt es die „Selbstbespiegelung der Gefühle“: Ich bin gekränkt. Ich fand mich so sensibel. Ich streite in Gedanken mit Ruth Klüger. Und am Ende des Jahres habe ich anders fotografiert. Ich fotografiere, was ich sehe, und nicht, was die Betrachterin fühlen soll. Ich fotografiere einen Appellplatz und keine Mahnung. Ich fotografiere ein Krematorium und keine Anklage. Jede soll selber nachdenken dürfen, was sie in den Bildern sieht.

»weiter leben Eine Jugend« hat mittlerweile Gebrauchsspuren. Ich habe, was Ruth Klüger aufgeschrieben hat, gebraucht, um zu lernen, um präziser zu denken, um genauer hinzuschauen und klüger zu werden. Mit Sicherheit werde ich es immer weiter brauchen.
Neulich hat der Regisseur Milo Rau gesagt, dass »weiter leben« das wichtigste Buch überhaupt sei. Ja!

Ruth Klüger ist am 6. Oktober 2020 in Irvine, USA, gestorben. 

Regina Kramer hat als Journalistin für die erste feministische Zeitschrift geschrieben, Courage. Sie hat für den Rundfunk gearbeitet und Erzählungen veröffentlicht. Sie ließ sich zur Schul-Mediatorin ausbilden und hat heute ständig ihre Kamera im Anschlag. Ihre Bilder sind auf Instagram zu betrachten.

Bildmontage: Brigitta Jahn


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