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I am what I am because of…this book

Ute Remus über »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« von Irmtraud Morgner

Über die Ironie und das Selbstbewusstsein der Frauen im Osten staunten die Westlerinnen, als 1974 Morgners maßgebliches Buch erschien.
Bildmontage: Brigitta Jahn

Eine Trobadora erwacht in der Provence aus 800-jährigem Schlaf, schüttelt den Staub ab und macht sich nach ein paar Sexszenen mit Bauarbeitern auf nach Paris, in die Mai-Unruhen der 68er. In ihren mittelalterlichen Klamotten mischen sich Rotweinschwaden mit Politik und freier Liebe.
Das gefiel mir schon bei meiner ersten Begegnung mit dem Buch, Ende der 70er-Jahre. Die 687 Seiten sind nach 40 Jahren vergilbt und rissig. Nicht so der Inhalt. Der amüsiert mich noch immer und verpasst mir neue Einsichten. Irmtraud Morgner bringt mir in ihrer unverblümten Sprache, die voller Phantasmen steckt, die DDR als Hoffnungsträger und Illusionsmaschine nahe. Das war möglich hinter der Mauer?
Wir – einige Westfeministinnen – stritten damals heftig über das Buch. Feminismus und Emanzipation war doch unser Ding! Immerhin waren wir bereit, den Ostfrauen in dieser Angelegenheit zu helfen.

„Der Himmel“ so heißt es, „ist für Frauen da!“

Die Autorin wandte zur Überwindung der realsozialistischen Misere ein paar Tricks an: allen voran die Überwindung von Raum und Zeit. Die reiselustige Trobadora Beatriz, deren Job der Minnegesang ist, und ihre Spielfrau Laura, von Beruf Triebwagenführerin, bestehen Abenteuer im Alltag und teilen sich bei Bedarf und nach Begutachtung schon mal einen Mann. Das war magisch und realistisch zugleich, wobei die Sehnsuchtskonstruktion in mythologische Frauengestalten einfließt, wie etwa die der schönen Melusine, die samt Drachenschwanz durch Kamine saust. Abgesetzte Göttinnen wie Persephone und Demeter singen von der Wiedereinführung des Matriarchats und rufen dazu auf, etwas „gegen die Alleinherrschaft von Herrn Gott zu tun, denn der Himmel ist für Frauen da“. Über soviel Ironie und Selbstbewusstsein haben wir damals nicht schlecht gestaunt. Nichtsdestotrotz kam uns einiges bekannt vor. Auch wir ließen uns scheiden, lebten allein oder in Wohngemeinschaften und waren froh, unsere Kinder mit wechselndem männlichen Beistand großzukriegen. Raus aus der bürgerlichen Ehe wollten wir sowieso! Auch machten wir Ausflüge in magische Welten, in denen weise Frauen herrschten und standen andächtig vor der Dame mit dem Einhorn auf den Wandteppichen im Pariser Cluny-Museum. Die Dame Morgner war da wohl auch und erkannte: „Extreme Zustände bringen extreme Utopien hervor.“ Diesen Satz habe ich damals unterstrichen, und ich unterstreiche ihn heute wieder.

Die emanzipierte Laura Salman war in der FDJ und trug das „Abzeichen für gutes Wissen“. Da waren wir im Westen doch ganz anders, oder? 
1974 war ich in einer kreativen Phase, erfand eine Sendereihe, für die ich einen Preis erhielt, der mich heute noch stolz macht. Ich war in der Frauenbewegung, fuhr auf Kongresse, lernte mich zu behaupten, entdeckte meinen Körper und verliebte mich in andere Frauen.
„Mein Raum ist ein Leib, ich belebe ihn“, singt die Trobadora.

Die Ost-Frauen sagten uns: „Wir müssen gar nichts!“

Zwei Systeme, denen wir kritisch gegenüberstanden. Was wussten wir denn wirklich von der Opposition im Schwesterland? So gut wie nichts. Ich kann mich an einen Bundesfrauenkongress in Ostberlin, gleich nach der Wende, erinnern. Da wehrten sich die Ostfrauen gegen die Bevormundung der Westfrauen mit dem Ruf: „Wir müssen gar nichts!“

Die Morgner glaubte an eine sozialistische Zukunft. Wir an eine anti-autoritäre, herrschaftsfreie, losgelöst von überholten Rollenzuschreibungen. Wobei eben auch das angedacht war im Osten. Damit rückt Irmtraud Morgner erst am Ende ihres Montageromans heraus. Aus einer Frau, einer Wissenschaftlerin, wird ganz ohne Hormone und ohne Messer ein Mann. Dieser Mann namens Valeska findet nach einer Moskau-Reise wieder zum alten Liebhaber zurück, der sie resp. ihn genauso liebt wie vorher.
Vielleicht finden Ost- und Westfeministinnen ja wieder zueinander, an neuen runden Tischen. Wo sie endlich Klartext reden können und kapieren, was sie aneinander haben.



Ute Remus gehört, wie sich aus dem Text herauslesen lässt, der zweiten Welle der Frauenbewegung an. Einen kleinen Einblick auch in ihre Verdienste im Hörfunk gibt ihr Wikipedia-Eintrag. Ihr erreicht Ute unter: sumer31@gmx.de


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