Close

„Tina Mobil“: An oder Aus?

Frau, Mitte 50, aus der Firma geworfen, drei pubertierende Kinder und die Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Alles dabei, damit die ARD was Dämliches daraus macht. Oder?
Vier unbedingte Gründe, die Mini-Serie zu gucken.

Die Familie: Tina (Gabriela Maria Schmeide), Harry (Alexander Hörbe), Caro (Runa Greiner), Felix (David Ali Rashed), Julia (Fine Sendel).
Foto: © rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard

Grund 1: Die Handlung

Tina, Anfang/Mitte 50, verdient das Geld für sich und ihre drei pubertierenden Kinder, indem sie für einen Bäcker über Land fährt und Brot und Kuchen verkauft. Resolut ist sie, zupackend, geradeaus. Etwas zu geradeaus für ihren Chef, der sie, nachdem sie die Arbeitsregeln zum wiederholten Mal etwas großzügig auslegt, rausschmeißt. Als sie überrascht feststellt, dass sein Entschluss endgültig ist und sie sich vom Arbeitsamt hängengelassen fühlt, beschließt Tina, ihrem ehemaligen Arbeitgeber Konkurrenz zu machen und mit einem eigenen Wagen übers Land zu fahren. Während Tina meint, kaum eine andere Wahl zu haben, als als One-Woman-Unternehmung für alles und jeden verantwortlich zu sein, entziehen sich ihre Kinder zusehends ihrer mütterlichen Allmachtszuständigkeitsfantasien.

Grund 2: Die Umsetzung

Wir möchten eine Konfettibombe zünden, weil ein öffentlich-rechtlicher Sender eine Ü50-Frau in den Mittelpunkt einer Erzählung stellt. Und zwar eine, die nicht rattenscharf ist. Und die nicht irgendwie was rettet, das eh schon da war. Das elterliche Gasthaus. Die bankrotte Firma des verstorbenen Mannes. Oder ein marodes Hotel, in das sie sich beim Wandern verliebt hat und dessen altersschwache Betreiber sie vor dem gemeinsamen Selbstmord durch Zyankali bewahrt, das schon in der Sammeltasse im Geschirrschrank parat liegt. Wir zünden die Konfettibombe, weil die Frau nicht Iris Berben ist (die einzige Frau im deutschen Fernsehen, die immer noch 15 Jahre jünger besetzt wird). Und auch keine von diesen anderen „Steh-auf-Frauen“ wie Simone Thomalla oder Anja Kling.

Nein, keine Sozialstudie, ganz normales Leben Foto:© rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard

Nein, das öffentlich-rechtliche Fernsehen schafft es endlich, eine kleine, schwergewichtige Frau mit dünnen Haaren ins Zentrum zu stellen und von ihrem Leben zu erzählen. Ihrem Alltag. Ihrem Alltag zwischen ländlichem Brotverkauf sowie soziophoben und schwangeren Teenagern. Zwischen der Notwendigkeit, in der Wohnung jeden Abend die Schlafcouch auszuklappen, und dem Abwimmeln eines unfähigen, aber bedürftigen Ex-Ehemannes. Zwischen der Herausforderung, den Laden am Laufen zu halten, und sich einzugestehen, dass man für sein Kind nicht die Mutter ist, von der man glaubt, sie zu sein. Kurz: Wir sehen die Geschichte einer Frau, die all das nicht ist, was sich mit viel Gegenlicht und klimperiger Musik zu einer „Powerfrau-meistert-ihr-Leben-Story“ zukleistern lässt, sondern die einer Frau, für die die FDP das Wort „Anschlussverwendung“ erfunden hat, als Frauen wie sie in großer Zahl mit der Schlecker-Pleite ihr Einkommen verloren haben.

Grund 3: Das Nervige

Es dauert ein, zwei Folgen, bis man merkt, dass Tina nicht die tolle Frau ist, für die man sie bis dahin gehalten hat. Zunächst kommt ihre Resolutheit beeindruckend daher, auch unterhaltsam. Man bewundert sie für ihren Mut zu kämpfen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Und schon gar nicht sich unterkriegen zu lassen. Aber nach einer Weile fällt auf, dass sie diese Haltung wie ein Schutzschild benutzt und einsetzt. Und dass sie nicht sieht, was sie nicht sehen will. Vor allem aber, dass sie versucht zu bestimmen, was andere sehen. Vor allem ihren Kindern gegenüber ist sie übergriffig und manipulativ. Obschon fast erwachsen, bestimmt sie das Vorgehen in Konfliktsituationen – ohne die Kinder zu fragen, was sie wollen und für richtig halten. Fast noch schlimmer aber ist, wie sie ein ums andere Mal ihr Umfeld für dumm verkauft. Sie lügt, um ihre Familie vor der Wahrheit, der Realität „zu schützen“. Sie ist der Typ Frau, der sagt, sie müsse wegen einer Kleinigkeit ins Krankenhaus, wenn sie eine Brustkrebs-OP hat und, nachdem rausgekommen ist, dass sie Krebs hat, vorgibt, der Knoten sei aber nur „apfelkerngroß“, wenn er doch schon die Größe einer Walnuss hat. Ihre Unaufrichtigkeit, ihr permanentes Alles-ins-Positive-biegen, um die Kinder „zu schützen“, sind der unaufrichtige Versuch, ihren Anspruch auf Führung zu manifestieren. Sie versucht eine Abhängigkeit aufrechtzuerhalten, die sich längst verflüchtigt hat. Es sind die Ängste einer Frau, deren Angst vor dem Alleinsein ebenso groß ist wie die, sich einzugestehen, dass die Kraft begrenzt ist.

Wo es Brot gibt, gibt es auch Alkohol, die Basis Foto: ©rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmbH/Stefan Erhard

Hat man das entdeckt, hat Tina begonnen, einem mit ihrem Anspruch der Deutungshoheit und Allmacht auf die Nerven zu gehen, die Sympathie für sie lässt nach. Die Hauptfigur zeigt eine Seite, die zu zeigen einer Hauptfigur nicht oft zugesprochen wird. Auch deswegen, für dieses ungewöhnliche Momentum im deutschen Fernsehen, die Hauptakteurin unsympathisch und damit angreifbar zu zeigen, ist ein unbedingtes Plus dieses Formats. Zu verdanken ist dies der vielfach ausgezeichneten Drehbuchautorin und Producerin Laila Stieler. Stieler, 1965 in der DDR geboren, hat u.a. das Drehbuch für „Die Polizistin“ und „Die Friseuse“ geschrieben, in deren Umsetzung Gabriela Maria Schmiede brillierte, außerdem das für den großartigen Kinofilm „Gundermann“.

Grund 4: Gabriela Maria Schmeide

Man kennt Gabriela Maria Schmeide aus Filmen wie Doris Dörries‘ „Die Friseuse“, Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ oder auch „Systemsprenger“. Sie ist eine Schauspielerin, die im Kinofilm die starke Nebenrolle bekommt, nicht diejenige, die die ARD oder das ZDF einsetzen, um dem unterhaltsamen 90-Minüter das Gewicht zu geben, das wir Zuschauer*innen brauchen, um das Gefühl zu haben, unsere Leben, unsere Existenzkämpfe, unser Alltag in prekären Verhältnissen würden ernst genommen. Dass das bislang ein Versäumnis war, wird deutlich, wenn die als Tochter sorbischer Eltern in Bautzen aufgewachsene Darstellerin der Figur „Tina“ ihre Stimme gibt. Ihre Mundart, ihr Lachen, ihren Körper. Ihre Energie und ihre Kraft. Aber auch ihre Verunsicherung, ihre Zweifel, ihre Widersprüchlichkeit. Gabriela Maria Schmeide brilliert in dieser Rolle in einer Art und Weise, die sich am schlichtesten in der Feststellung ausdrücken lässt, dass man das Gefühl hat, der Person Tina beim Leben zuzugucken. Es scheint kein Schauspiel zu geben, sondern ein Sein, das zur Schau getragen wird.

Eröffnung in der Pampa: Tina Sanftleben und ihr Backmobil Foto: © rbb/Stefan Erhard

Egal, ob Tina gut gelaunt ihren Brotwagen durch die Ödnis kutschiert, ob sie auf dem Amt die Geduld verliert, die Palette Joghurt im Kühlschrank unterbringt, die sie bei der Tafel ergattert hat, ob die Tochter ihr ihren Zorn vor den Latz knallt oder Tina ihr Rendezvous vor die Wand fährt – es gibt nicht eine Szene, nicht eine Darstellung, in der Schmeide die Balance von Kraft und Zurückhaltung nicht perfekt beherrschen würde. Ihr gelingt es, eine Frau, die für gewöhnlich nur als Protagonistin einer Sozialreportage die Aufmerksamkeit der Fernsehschaffenden gewinnt, aus dem isolierten Getto der prekären weiblichen Lebensgeschichten herauszuholen und ihr Leben dahin zu bringen, wo es Teil der Gesellschaft wird: in ihre Mitte.
Es ist eine Leistung, die nichts anderes zulässt als den Grimme-Preis respektive den Deutschen Fernsehpreis für die beste Darstellung des Jahres.

Empfehlung von Silke Burmester

Zu sehen in der ARD-Mediathek

Euch gefällt der Beitrag? Dann freuen wir uns über Eure Unterstützung via Steady. Danke!
Close