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»Arabellinnen«: An oder Aus?

Fünf Gründe, warum die arte Web-Serie sehenswert ist

„Arabellinnen“ von Nadja Frenz, Foto: arte.tv

Darum geht es:

Die arte Web-Serie stellt Frauen aus verschiedenen arabischen Ländern vor, die sich in der Politik, mit ihren Unternehmen oder in der Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Frauen sprechen mit Autorin Nadja Frenz in kurzen Folgen über ihr Leben, ihre Heimat, ihre Arbeit und ihren Glauben. 

Die fünf Gründe, die Reihe zu empfehlen, sind schlicht und ergreifend die fünf Folgen von je elf bis 15 Minuten Länge, in denen die Autorin Nadja Frenz uns mit klugen, entschlossenen und mutigen Frauen zusammenbringt. 

In der ersten Folge Frauen und Politik hören wir „Frauen haben viele Herausforderungen, Männer nur eine: den Job“. Trotz der vielfach höheren Belastung bekleidet beispielsweise Dales Tlig in einer tunesischen Stadt das Amt der Bürgermeisterin. Sie erzählt von ihrem wahrlich steinigen Weg und den anfänglichen Boykotten der Männer, mit ihr zusammenzuarbeiten. 

Paula Yacoubian leidet noch heute unter einer Verleumdungskampagne. Foto ©Tilo Gummel

Die ehemalige libanesische Parlamentsabgeordnete Paula Yacoubian sieht die Politik als Teil des täglichen Lebens im Libanon und fügt hinzu: „Politik ruiniert unser Leben”. Sie weiß, wovon sie spricht, und doch kämpft sie weiter gegen die korrupte Politik – nur ohne Amt. In gerade einmal 13 Minuten Film begegnet uns die geballte Ladung weiblicher Kompetenz und Klugheit. Vom Mut ganz zu schweigen. 

Die zweite Folge berichtet über Frauen im Chefsessel. Wir erfahren, dass in Ägypten die Lohngleichheit zwar rechtlich verankert ist, doch gelebt wird diese keineswegs. So besinnen sich auch dort die Bürgerinnen ihrer Expertise und gründen Firmen. Und bringen zum Beispiel eine Dating-App auf den Markt, die es den Nutzer*innen ermöglicht, sich für den ersten Austausch im Chat eine Vertrauensperson an die Seite zu holen. Es gilt: „Wir können konservativ zusammenleben, das heißt jedoch nicht, dass die Arbeit von Frauen als zweitrangig angesehen werden muss.“

In der dritten Folge Die Kunst der Revolution erzählen vier Künstlerinnen, wie sie durch ihre Arbeit die Themen in den Vordergrund rücken, die ihnen wichtig sind. Allen voran die Rechte der Frau, doch auch Freiheit und Würde an sich sind Treibstoff für ihre Kreativität. Wie etwa bei der Fernsehmoderatorin Joumana Haddad, die in ihren Shows über sogenannte Ehrenmorde spricht und die Rückschritte des Libanon in Sachen Freiheit und Würde anprangert. Wir bekommen deutlich vor Augen geführt, ohne dass die Frauen es aussprechen müssen: Es bedarf mehrerer Rucksäcke Mut, um die Kunst frei auszuleben. 

Moderatorin und Atuorin Joumana Haddad auf einer Demonstration. Foto ©Myriam El Hajj

Nachdem wir in den ersten Folgen einige Frauen kennengelernt haben, stößt in Modern, muslimisch, feministisch? Betty aus Marokko dazu und macht schnell deutlich, dass Religion und Feminismus für sie nicht zusammengehen. Dieser Aussage schließen sich nicht alle Interviewpartnerinnen an und so ist diese Folge die persönlichste der fünf. Die Frauen erzählen, wie sie die Tradition sehen, etwa, dass darin Potenzial verborgen sei. Die ägyptische Karikaturistin Doaa El-Adl sieht keinen Gegensatz darin, gläubig zu sein und zugleich den Islam in ihrer Arbeit zu kritisieren. Es ist die Vielfalt der Meinungen, die verschiedenen Ansätze mit den Wurzeln, die ihre Heimat bietet, zu leben oder sich gegen die Traditionen auszusprechen. Es wird mal wieder klar – viele von uns West-Frauen sehen die Freiheit, in der wir leben, als gegeben an. Man kann nur erneut den Hut ziehen vor denen, für die „Freiheit“ ein Wagnis ist, das erkämpft werden muss. 

„Es ist verboten über Sex nachzudenken, als Frau.“ In der fünften Folge Der weibliche Körper sorgen manche Aussagen für Beklemmung, Respekt und Kopfschütteln. Seien es die LGBTQ+-Aktivisti*innen, die sich von der dominanten Kultur nicht stoppen lassen wollen, oder die Feststellung einer Journalistin, dass für sie sexuelle Freiheit nichts mit Freizügigkeit oder Verhüllung zu tun hat. Die abschließende Episode der Web-Serie könnte auch die erste sein – die Reihenfolge ist nicht zwingend.

Dank der fünf Folgen lernen wir mehr als zehn Frauen kennen, deren Kultur der unseren so fern ist. Und erfahren, wie nah wir doch in unseren Wünschen, Sehnsüchten und Kämpfen sind. Der Besuch bei den »Arabellinnen« lohnt sich und macht deutlich – ohne diese Frauen wäre der arabische Frühling niemals so laut gewesen. 

Ein kleiner Wermutstropfen: Durch die Kürze der Episoden fehlt es teils an Tiefe. Ich hätte gern einigen Frauen länger zugehört. 

Die Web-Serie von Nadja Frenz ist auf arte.tv zu sehen. 

Serien-Empfehlung von Simone Glöckler


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