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Palais F*luxx

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Freibad – an oder aus?

Doris Dörrie hat einen neuen Kinofilm gedreht. Im Frauenfreibad „Melosine“ clashed aufeinander, was im Frauenkosmos aufeinander clashen kann. Silke Burmester findet das spritzig und recht gelungen.

Sieht im Angesicht von Ganzkörperschwimmanzügen und Verhüllung ihren feministischen Kampf den Bach runtergehen, außerdem kommt sie schon immer ins Freibad: Andrea Sawatzki als Eva.
Foto: Constantin Film Verleih, Mathias Bothor



Worum geht es?
Um ein Freibad, in dem ausschließlich Frauen Zutritt haben. Vor dem Hintergrund heißer Sommertage werden die Ereignisse im „Melusine-Bad“ geschildert, in dem die unterschiedlichsten Frauen aufeinandertreffen. Die Geschichte der alteingesessenen Besucherinnen Eva (Andrea Sawatzki) und Gaby (Maria Happel), ebenso wie die der Muslima Yasemin, die im Ganzkörperschwimmanzug ihre Bahnen zieht. Es ist die Geschichte von Yasmins geschiedener Mutter und den anderen weiblichen Familienangehörigen, die das Freibad für sich entdecken, und die Geschichte eines ganzen Pulks reicher Araberinnen, die aus der benachbarten Schweiz anreisen, ebenso wie die der von Rocky Balboa begeisterten Bademeisterin, der Trans-Person Kim und von den Schwierigkeiten, eine Bademeisterin zu finden.

Was kann der Film?

Er kann sehr unterhaltsam den Clash der Kulturen, der Gewohnheiten und der Ansprüche, in der Atmosphäre sommerlicher Hitze verpackt, darstellen. Zunächst geschickt, später etwas plakativ greift Doris Dörrie mit „Freibad“ die aktuellen Sprünge und Veränderungen innerhalb der Gesellschaft auf und lässt sie im Kosmos von Sommerwiese und Pool genüsslich eskalieren.

Aber Doris Dörrie wäre nicht Doris Dörrie, wenn ihre Figuren, so fremd sie zunächst auch erscheinen mögen, am Ende das offenbaren, was uns alle vereint: die Sehnsucht nach Nähe und Anerkennung und die, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein.

Kommen, weil´s so schön ist, auch im „echten Leben“ aus der Schweiz ins Frauenbad angereist: Araberinnen. Foto: Constantin Film Verleih, Mathias Bothor

Was ist das Besondere?
Das Besondere ist die Stärke der Figuren. Mit leichter Hand hat Dörrie den Facettenreichtum weiblichen Daseins im Cast und damit im Film sichtbar gemacht.

Jede Einzelne der Frauen, ob die von Rocky Balboa besessene Bademeisterin Rocky (Lisa Wagner), die Muslima Yasemin (Nilam Farooq), die queere Person Kim (Nico Stank), die etwas irre Bademeisterin Steffi (Melodie Wakivuamina), Yasemins nach Emanzipation und der Fähigkeit, schwimmen zu können, strebende Mutter (Ilknur Boyraz), die hartnäckige Paula (Julia Jedroßek) und die markenversessene Gaby mit ihrer Freidenker-Freundin Eva, sie alle sind mit Liebe zur Figur, aber auch mit großem Respekt vor der Individualität angelegt.

Das ist, und Kennerinnen der Filme von Doris Dörrie wissen das, die große Stärke der Regisseurin und Autorin. Dörrie versteht es wie kaum eine andere Filmemacher*in in Deutschland, ihre Protagonist*innen zutiefst menschlich, und damit auch in ihren negativen Seiten, liebevoll und voller Respekt für das Individuum zu zeichnen. Das ist auch dieses Mal eine große Freude. Besonders Andrea Sawatzki zieht als feministische Kämpferin die Wurst vom Teller, wenn sie sich nicht scheut, in diversen Szenen barbusig zu agieren und ihre Brüste als Waffe gegen die Unterdrückung, die sie im Freibad ausmacht, einzusetzen.

So ist der Film ganz nebenbei mit seinen tollen Frauenfiguren 47+ nicht nur ein Statement für die Sichtbarkeit von uns in Film und Fernsehen, sondern auch für die Vielfalt an Geschichten, die wir zu erzählen haben.

Gibt es was zu meckern?
Ja, das gibt es. Für eine so erfahrene Regisseurin wie Dörrie beginnt der Film erstaunlich schwach. In einer sehr albernen Szene stürmt eine sehr alberne Polizei das Schwimmbad und verhält sich dort dümmer, als diese es für gewöhnlich erlaubt. Diese Schwäche bleibt unverständlich, und auch wenn der Film an Relevanz gewinnt, gerät manche Szene im weiteren Verlauf, gerät manche Auseinandersetzung zu plakativ.
Für eine große Filmemacherin ist dies ein kleiner Film. Er wirkt wie eine Fingerübung.
Immerhin aber eine schöne Fingerübung. Man trauert dem ausklingenden Sommer hinterher, möchte SOFORT ins Freibad gehen und bedauert einmal mehr, dass es so etwas wie ein „Damenbad“ nur noch einmal in Deutschland gibt. Das Lorettobad in Freiburg.

Jetzt im Kino, Trailer hier

Besprechung: Silke Burmester

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