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Palais F*luxx

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„Der Trauerschwindler“ – An oder aus?

Die ARD erzählt in einem True-Crime-Format eine besonders perfide Betrugsmasche: die, eines Bestatters. Seine Opfer sind Frauen, die den schlimmsten Moment ihres Lebens erleben. Der Dreiteiler „Der Trauerschwindler“ von Nicole Rosenbach aber blickt weiter und hebt die besondere Gemeinschaft dieser Frauen hervor. Warum das gut ist, sagt Silke Burmester

Nein, der Darsteller des Herrn B. ist nicht Markus Lanz. Aber schon der Typ Mann, den viele Frauen sich wünschen. Auch der echte „Herr B.“ besticht durch Charme und Charisma – leider.
Foto:© WDR/Fritz Gnad/Frank Bochtle


Anfang des Jahres sorgte eine Serie auf Netflix für Aufsehen: „Der Tinder-Schwindler“ heißt sie, und sie erzählt die Geschichte eines Mannes, der es bestens versteht, Frauen für sich einzunehmen und sie an sich zu binden – um sie finanziell auszunehmen. Gleichzeitig ist die Serie aber auch die Geschichte der Frauen, regelrechter Opfer, die versuchten, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und irgendwie einen Umgang damit zu finden, dass sie nicht nur um ihr Geld gebracht wurden, sondern dass sie sich in einem Mann getäuscht haben, dem sie unendlich vertrauten. Einem Mann, der ihnen das Gefühl gegeben hatte, die eine Frau in seinem Leben zu sein und bei dem sie nicht daran gedacht hätten, dass sie eine von zehn, von 20 oder von 100 sind, die er auf die gleiche Art und Weise betrügen würde. Oder vielleicht auch nur eine von Fünfen, mit denen er gleichzeitig eine Beziehung hatte.
Die ARD hat jetzt mit ihrer dreiteiligen Reihe „Der Trauerschwindler“ das deutsche Pendant im Programm. Eine True-Crime-Story, in der die Geschichte des „Herrn B.“ erzählt wird, der Frauen mit seinem Charme, seiner Zuwendung und seinem Verständnis quasi einbalsamierte.
Um sie um große Summen Geldes zu bringen.
Das alles könnte man unter „dumm gelaufen“ verbuchen, ergänzt um ein „ja, so sind sie eben, die Heiratsschwindler, die Beziehungsschwindler, selbst schuld, wer darauf reinfällt“, wenn die Perfidie nicht darin bestünde, dass B. Bestatter ist und die Frauen in dem Moment ihres Lebens abfing, in dem sie am schwächsten waren. Vielleicht sogar in dem Moment, der der schlimmste ihres Lebens war. Ein – oft lang anhaltender – Moment des Schocks, der Starre, der Unfähigkeit, klare Gedanken zu fassen.

Die Opfer: Frauen, im emotionalen Ausnahmezustand

So beginnt die Dokumentation mit einer Frau, deren kleines Kind stirbt und zu der Herr B. von der Polizei in die Wohnung gerufen wird. Bei einer anderen Frau ist von jetzt auf eben der Mann gestorben, bei einer weiteren hat er sich erschossen, bei einer anderen ist sehr überraschend die Mutter tot. Alles Frauen, die sich kaum Schlimmeres zu erleben vorstellen können.
Aber Herr B. ist da. In vielen Fällen – dank eines Vertrags mit der Polizei von ebendieser gerufen – taucht dieser sensible, verständnisvolle Bestatter auf, der die Hand auf den Arm legt und mit seiner sonoren, warmen Stimme die oft einzig warmen Worte findet. Und die Situation der Frauen ausnutzt. Der zunächst Trost zuspricht, da ist, sich kümmert und bald schon die Vision eines gemeinsamen Lebens an die Wand malt.

In der Auswahl der Frauen ist Herr B. nicht wählerisch. Jung, alt, dick, dünn, hübsch, nicht so attraktiv, alles egal, Hauptsache bedürftig.
Es ist die Mutter des gestorbenen Kleinkindes, die irgendwann zu begreifen beginnt, dass sie betrogen wurde und auch, dass sie nicht die einzige ist. Sie beginnt zu recherchieren. Sie sucht im Netz nach weiteren Opfern und trifft auf eine große Anzahl von Menschen, die sich durch Herrn B. betrogen fühlen. Nicht alle sind dies Frauen, die er um ihr Geld gebracht hat, manchmal sind es Kunden seines Geschäfts, die feststellen, dass Dinge aus der Wohnung der oder des Verstorbenen verschwunden sind, dass Schmuck fehlt, dass er horrende Summen für die Bestattung abgerechnet hat. Nach und nach offenbart sich ein Flickenteppich des Betrugs, der Pietätlosigkeit und der Skrupellosigkeit und es wird offensichtlich, dass B. keine Beziehung und keine Lage eines Menschen heilig ist.

Aus den Opfern wird eine Gemeinschaft von Frauen

Die Filmemacherin Nicole Rosenbach versucht, das weite Netz seiner Betrügereien offenzulegen und den Frauen eine Stimme zu geben, die vor allem eines wollen: andere Frauen vor ihm bewahren.
Es ist ein wenig schade, dass weder ergründet wird, vor welchem Hintergrund die Anzeigen gegen ihn immer wieder im Sande verlaufen, noch, welche Kontakte es in die Polizei hinein gibt, mit der er einen Vertrag hatte, so dass er bei Unfällen und Verbrechen gerufen wurde – aber von der er eben wohl auch geschützt wurde. Dies zu beleuchten, hätte den Dreiteiler gut abgerundet.
Dafür hat der Film aber eine Stärke, die dieses Manko fast wettmacht: Er erzählt auch die Geschichte dieser sehr unterschiedlichen Frauen, die von B. betrogen wurden, und die sich jetzt gefunden und zu einer Gemeinschaft zusammengetan haben. Einer Gemeinschaft, in der die Frau nicht länger Opfer ist, sondern zusammen mit anderen zur Handelnden wird.
Zur Handelnden gegen B., aber auch gegen das Gefühl des individuellen Versagens, gegen die Scham und die Selbstanschuldigungen.

Nicole Rosenbach zeigt uns eine Gemeinschaft, die nicht nur sehr besonders ist, sondern die in ihrer Kraft auch an das erinnert, was wir hier bei Palais F*luxx erleben: dass Frauen, die vollkommen unterschiedlich sind, ungeachtet all der üblichen gesellschaftlichen Maßstäbe, die wir häufig im Kontakt anlegen, zusammenkommen und sich begegnen. Begegnungen von ganz eigener Qualität, bei denen Offenheit und Wertschätzung der Schlüssel sind und sich etwas eröffnet, das man nicht erwartet hätte. 

So sitzen in der Schlussszene die unterschiedlichsten Frauen am Strand beieinander, Hinterbliebene, seine Angestellte, seine Langzeitlebensgefährtin, geeint in dieser speziellen Freundschaft und dem Wunsch, dass B. in seinem Handeln gestoppt wird. Ein schwieriges Unterfangen. Denn weder ist der Beruf des Bestatters ein geschützter, aus dessen Kreisen man ihn hinauswerfen könnte, noch ist klar, ob seine Betrügereien rechtlich gesehen Betrügereien sind. So bleibt ihnen wie auch den jungen Frauen der Netflix-Doku die einzige Möglichkeit zu versuchen, andere Frauen zu warnen. Über die sozialen Medien, übers Fernsehen.

Was wollen die Frauen, was will der Film: vor B. warnen

Auch deshalb steht dieser Text hier, damit Frauen gewarnt sind. Oder, so sie denn vielleicht schon Opfer geworden sind, wissen, dass sie nicht die einzigen sind, sondern dass es sehr viele Frauen gibt, die auf B. hereingefallen sind. Und dass sie wissen, wie hilfreich es ist, sich mit anderen zusammenzutun.

Heute, am 16. Dezember um 21.45 Uhr in der ARD oder in der ARD Mediathek

Der MDR hat auch einen Podcast zu dem Fall produziert. Den haben wir noch nicht gehört, wissen also nicht, ob er gut ist. Aber das könnt Ihr ja selbst rausfinden. Hier!

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