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Blu

Buchvorstellung „Blu“

Es ist wie es ist – sagt die Liebe. Und schreibt Geschichte(n)
Bildmontage: Simone Glöckler

Worum geht es?
Um Fil, die sich in Blu verliebt hat. Und der sich nicht so richtig einlassen will. Ein Wildfang, ein Luftikus, ein Eigenbrötler – ein mittsechzigjähriger Gitarrist. Ein charmanter, charismatischer, brummiger Mann, der zu viel trinkt und sich entzieht. Der seine Ex nicht aus seinem Leben vertreibt und der nur mitspielen möchte, wenn es nach seinen Regeln läuft. Der sich nur kurzzeitig einlassen möchte und nach Laune, Lust und Lattenstand aus seinem Himmel der Unabhängigkeit herabsteigt, um sich bei Fil zu holen, was er jetzt gerade braucht, wenn er denn mal etwas braucht.
Und Fil? Fil ist eine klare, kluge Mittsechzigerin, die diesem Schwarm von früher wiederbegegnet und auf das hofft, was Menschen so hoffen, wenn sie sich binden möchten. Liebe, Nähe, Verbindlichkeit. Miteinander, Sex und ein Frühstück im Bett. Oder wenigstens eines am Küchentisch. Gemeinsame Wochenenden und Verabredungen, die eingehalten werden.

Was kann das Buch?
Einen an die Geschichten im Leben erinnern, in denen man sich auf einen solchen Heini eingelassen hat. Als es sich so anfühlte, als sei man die, die hinterherläuft. Und als wäre man die Dumme. Und es auch war. Die Dumme. Und diejenige, die hinterherläuft. Es kann einen an die Jahre erinnern, die man an einem solchen Idioten gehangen hat. Weil er die große Liebe war. Dieser Mann, mit dem so viel möglich wäre, wenn er es nur zuließe. Dieser Mann, der es eigentlich auch will – das spürt man doch, in diesen Momenten, in denen man sich so nah ist. In denen er diese unglaubliche Nähe zulässt und einem in die Augen blickt und man weiß, dass er liebt, was er in der Tiefe entdeckt. Weil da etwas ist, das nur zwischen uns beiden ist…
Und das Buch kann einen verdammt an Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“ von 1980 erinnern, in dem die Ich-Erzählerin von ihrer Liebe zu irgendeinem Honk erzählt, der diese nicht erwidert. Und der der Doofe ist. Der Böse. Der Unfähige. Er ist nicht derjenige, der leider nicht zurückliebt, und, hupsi, jetzt muss die Autorin mal gucken, wie sie aus dem Schlamassel wieder rauskommt. Nein, in „Der Tod des Märchenprinzen“ muss der Mann dafür fertig gemacht werden, dass er die Frau nicht liebt. Es ist eine Opferinszenierung aufgrund verschmähter Liebe mit dem Anspruch, ein Beispiel für die unterdrückenden Mechanismen und den Frauenhass von Männern zu sein. Schon damals großer Scheiß.

Was hat das mit mir zu tun?
Ha! Eine Menge! Denn natürlich gibt es auch in meinem Leben eine solche Geschichte. Diesen einen Mann, in dessen Bann ich war. Über Jahre. Und der keine Beziehung mit mir wollte und sich nicht einlassen konnte, weil da irgendwas bei ihm nicht stimmte und ihn unfähig sein ließ, eine verbindliche Beziehung einzugehen. Dieser Mann, den ich so viel größer gemacht habe, als er war. Dessen Lebensuntüchtigkeit und dessen Kiffertum ich zur Coolness er- und verklärt habe oder – je nach Notwendigkeit – als traurig-niedliche Untüchtigkeit, die ich locker ausgleichen könne. Dem gegenüber ich in eine Mutterrolle rutschte, weil ich dachte, durch Bekümmerung ließe sich was richten. Wie wir Frauen ständig denken, durch Bekümmerung ließe sich was richten. Am besten: retten. Am besten den ganzen Mann.
Dieser Mann, dessen raue Stimme so herausfordernd charmant an meinem Ohr kratzte und dessen Ironie und Sinn für Humor nicht nur seine Großartigkeit ausgemacht haben, sondern auch das waren, was uns verband. So besonders. So einzig.
Es hat aber auch mit diesem dämlichen Svende Merian-Buch zu tun, das mich mit 15 Jahren schon ärgerte. Weil diese Frau in ihrer Selbstgerechtigkeit und ihrer selbstmitleidigen Opferinszenierung unerträglich war.

Und in dieses manifestierte Ärgernis kommt Hanna Mittelstädt und erzählt die Geschichte noch einmal. Vierzig Jahre später, mit vierzig Jahre älteren Menschen, und endlich kann man die Geschichte so lesen, wie sie ist: eine die Frau leider unglücklich machende Liebeserzählung, die beschreibt, was ist: Frau liebt Mann, der mit ihr spielt, der sie auch sehr mag, aber der sich nicht binden kann oder will.
Und Hanna Mittelstädt tut das Entscheidende: Sie bleibt bei sich bzw. ihrer Figur Fil. Sie hofft, sie leidet, sie verzweifelt, aber sie macht sich nicht zum Opfer. Natürlich ist Blu ein Arsch. Ein Idiot, und man würde ihm sehr gern mindestens ein Glas Bier ins Gesicht kippen. Aber nicht, weil Fil so leidet, sondern weil dieser Mann mit irgendwas um 60 noch immer keine Verantwortung für sich übernimmt. Weil er noch immer wie ein kleiner Junge agiert, anstatt sich mal einem Therapeuten gegenüberzusetzen und seiner Bindungsangst auf den Grund zu gehen.
Und auch das hat das Buch mit mir zu tun: Ich habe auf solche Menschen keine Lust mehr. Vertane Zeit, vertane Energie. Aber ich danke Fil, dass ich noch einmal erleben kann, dass ich mich erinnern kann, wie diese Faszination sich anfühlt. Wie aufregend es ist, mit jemandem Stunden zu verbringen, der so große Magie verströmt, der so eine Wirkung auf einen hat. Dieses Buch hat mir ermöglicht, das noch einmal zu fühlen – aber es hat auch das Scheißgefühl der Ohnmacht wieder lebendig werden lassen, dieses Zappeln am Haken. Nur, dass ich heute den Haken herausziehe, auf den Mann mit der Angel blicke und denke: Sitz du mal ruhig mit deiner Angel da, ich möchte etwas anderes.

Warum ist die Autorin interessant?
Hanna Mittelstädt, 60 Jahre alt, hat 1974 den auf links-politische Schriften fokussierten Verlag „Nautilus“ mitgegründet und geleitet. Auch die deutschen Ausgaben wichtiger feministischer Bücher wie Eve Enslers „VaginaMonologe“ oder Laurie Pennys „Fleischmarkt“ sind dort erschienen. Hanna hat außerdem als Lektorin und Übersetzerin gearbeitet, „Blu“ ist Mittelstädts erster Roman; wenn nicht Corona ist, organisiert sie Lesungen.

Kostprobe:
„Am nächsten Morgen, nach dem grünen Tee, setzte Blu wieder zur Berührung ihrer Brüste an. Als Fil zurückzuckte, fragte er, ob es sich jetzt ausgesext hätte zwischen ihnen. Ihr fiel nicht so recht die passende Antwort ein, da sagte er, vielleicht könne sich etwas lösen dadurch, und sie versuchten es. Aber es löste sich nicht viel.“

Sonst noch was?
Es ist ein kleines Buch. Es ist die leise Stimme einer nicht sehr lauten Frau, die die Buntheit des Lebens möchte. Die seine Farben sehen, riechen, schmecken möchte. Es ist wirklich klein und bescheiden. Ich habe es im Februar gelesen und jetzt, zum Ende des Jahres, schält sich heraus: Es ist mein Lieblingsbuch 2021. Es ist das Buch, das mich am meisten berührt hat.

Ein Geschenk für: alle, die Lust haben, an einer realen, nicht romantisierten Liebesgeschichte teilzuhaben. Für Freundinnen oder Schwestern, die an einem solchen Mann kleben. Und jene, die immer wieder an solche Typen geraten. Und für alle, die sich gern daran erinnern, was alles los war in ihrem Leben und sich freuen, bei all den Fehlern, die noch kommen werden, so manche Wiederholungsschleife nicht mehr drehen zu müssen.

Hanna Mittelstädt: „Blu. Lovestory“, Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 120 Seiten, 12 Euro – hier bestellen

Rezension: Silke Burmester

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