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„Hamishim“: An oder Aus?

Hamishim – Fünfzig! Das Leben einer Frau in den Wechseljahren als Serie.
Aus Israel, auf arte. Es gibt einige Gründe, die zu sehen.

Darstellerin Ilanit Ben-Yaakov ist für unsere Rezensentin DIE Entdeckung schlechthin. Foto: @arte.tv

Darum geht es:
Alona (Ilanit Ben-Yaakov), 49, hat sich zwei Ziele gesetzt, die sie vor ihrem nächsten Geburtstag erreichen will:

  1. das Drehbuch ihrer Dramedy-Serie über eine 49-jährige Frau mit drei Kindern und einen alten Vater an eine/n veritable/n Produzent:in verkaufen und
  2. mit einem Mann Sex haben.

Ganz nebenbei hat es die Alleinerziehende tatsächlich mit drei Kindern und einem an Alzheimer erkrankten Vater zu tun. Also nicht nichts. Sie weiß, wovon sie schreibt: Während ihre elfjährige Tochter Shira unter nervösen Ticks und Ordnungswahn leidet, der 17-jährige Sohn Yali mit ADHS-diagnostiziert wird und die 20-jährige Tochter Carmel sich immer noch pubertär von der Mutter abgrenzen muss, leidet die verwitwete Alona nicht nur unter den eigenen Hormonschwankungen, sondern auch unter den familiären Verantwortlichkeiten. Während die potenziellen Käufer:innen ihrer Serie reihenweise abwinken und sich die Realisierung der Serie beispielsweise nur mit einer jüngeren Protagonistin vorstellen können („höchstens Anfang 40 … sonst will das niemand sehen“), sorgt sich die Drehbuchautorin um den vergesslichen Vater und das wenig Essbare im eigenen Kühlschrank.

Ist das gut?
Ja! Denn „Hamishim – Fünfzig“ erzählt tatsächlich – wenn auch serientypisch immer ein wenig überspitzt – aus dem Alltag einer Frau, mitten in den Wechseljahren und im andauernden Chaos des Lebens. Die dargestellten Beziehungen zu den Kindern, dem Vater, der Freundin wirken authentisch. Ihre Annäherungsversuche an die Männerwelt auf der Suche nach Sex werden durch Humor und Tragik gleichermaßen getragen und ihr Serien-Pitch, der die Ebenen von eigenem Leben und fiktionalisierten Darstellungen ständig aufhebt, gerät zum Running Gag der Miniserie. Es bringt Spaß, Ilanit Ben-Yaakov dabei zuzusehen, obwohl ihre tragische Komödie, wie uns ständig durch die in der Serie in Erscheinung tretenden Produzenten beteuert wird, niemanden interessiert.

Alona mit ihren Kindern Yali, Shira und Carmel.

Und tatsächlich scheint die Frage danach, ob eine achtteilige Serie über eine hormongeplagte Frau, konfrontiert mit alten Eltern, pubertierenden Kindern und idiotischen Lovern uns unterhält, durchaus berechtigt. Also?

Will frau das sehen?
Ich habe die Serie, trotz des immer wiederkehrenden Gedankens: „Hoppla – ist das mein Leben?“, auch in schwierigen Szenen, sehr gern gesehen und gut ertragen. Denn das ist eines der Highlights dieser israelischen Produktion: Respekt, ohne den Unterhaltungsfaktor zu vernachlässigen. Die Serie nimmt ihre Figuren ernst und begleitet sie mit intelligentem Humor. Wenn Alona sich mit einem viel zu jungen Tierarzt in dessen Praxis bei sexuellen Annährungen aufgrund eines spontanen Niesers einnässt – verfluchter Schliessmuskel – oder wenn sie auf einer Fahrradtour den Neurologen des Vaters, der zu viel potenzsteigernde Medikamente geschluckt hat, vom inzwischen schmerzenden Dauerständer erlöst, sind solche Szenen die verdrehten Augen wert. Und dennoch mindert solcher Slapstick in keiner Weise die Qualität der Serie.

Das größte Plus:
Ilanit Ben-Yaakov ist eine Entdeckung. Sie ist schön. Sie ist getrieben. Sie hat das verzweifelte Lächeln der wissenden Frau, die nicht aufgibt. Sie ist eine Stilikone. Sie hat den coolsten Blick aller 50-Jährigen, mit einer unermesslichen Stärke und einem Hauch Resignation in den Augen. Sie ist erst 48. Sei’s drum, das ist zu verzeihen, in Anbetracht ihrer Perfomance.

Gibt es einen Haken?
Ja, einen Haken gibt es: Die Serie ist schon seit Wochen on demand bei arte zu sehen und ich bin einfach einen Tick zu spät, um sie Euch als Geheimtipp ans Herz zu legen. Aber, sie ist noch bis Sommer 2022 abrufbar. Ich würde allerdings nicht so lang warten. Ich würde sagen: Schaltet sofort ein und schaut die acht Folgen in einem Stück durch. Es lohnt sich!

Und sonst?

Die Erfinderin und Autorin Yael Hedaya (links im Bild mit ihren Kindern) ist deutlich über 50 (Jahrgang 1964), studierte Philosophin und hat sich nicht nur als Romanautorin etablieren können, sondern auch als Drehbuchautorin immer wieder Erfolge feiern dürfen („In Treatment“  französische Adaption „En théraphie“). „Hamishim – Fünfzig“ scheint eine ihrer persönlicheren Geschichten zu sein. Denn auch Hedaya ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern ähnlichen Alters.

Hedaya zur Seite stand Daphna Levine, die eigentliche Erfinderin der äußerst erfolgreichen Netflix-Adaption „Euphoria“, der Schrecken und das Lehrstück für alle Mütter mit drogenaffinen Töchtern.

Eins steht fest: Israelische Serien sind momentan „the hottest shit“ und die Dänen, einst die Garantie für beste Serienstoffe, sollten sich warm anziehen, in Anbetracht der Konkurrenz aus dem Nahen Osten. Die USA wartet auf jeden Neustart zur Adaption und ich persönlich freue mich auf „Fifty“ made by USA – klar, dass das nicht besser wird – dafür aber MEHR. Und den Kauf eines Dänen- (oder Norweger-)Pullis kann ich sowieso immer nur empfehlen. Hält warm im Winter. Was will frau mehr?

„Hamishim – Fünfzig!“ ist bis Juli 2022 auf arte.tv zu sehen.

Serien-Empfehlung von Annette Scharnberg, die bei uns einen Text zu einer ganz ähnlichen Thematik veröffentlicht hat. Nämlich dazu, als im hormonellen Schleudergang der Wechseljahre befindliche Frau mit zwei sich hormonell im Schleudergang befindlichen pubertierenden Töchtern zusammenzuleben. Hier zu lesen.

Fotos: @arte.tv

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