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Hormone in Hülle und Fülle

Annette Scharnberg, Journalistin, mitten in den Wechseljahren und gebeutelt von den Begleiterscheinungen, lebt mit ihren beiden Töchtern (18 und 13 Jahre) in einem von Hormonen strotzendem Haushalt. Über die täglichen Herausforderungen des aufgeladenen Zusammenlebens.

Meine Arbeitskollegin Anna, ca. 18 Jahre jünger als ich, schrieb mir neulich von Homeoffice zu Homeoffice: „Wäre ich kein ‚happy pregnant girl‘, würde ich mich grad‘ über sehr viele Dinge aufregen.“

„Happy pregnant girl“, schrieb ich zurück, „Du bist Anfang 30. Von den Schwangerschaftsbeschwerden, die Dich sehr bald plagen werden – oder bereits plagen? (Sodbrennen, Verstopfungen, Hämorrhoiden, Schlaflosigkeit, Krampfadern, Panikattacken aufgrund der plötzlichen Erkenntnis, dass das Ding da auch wieder raus muss) – einmal abgesehen, wirst Du es spätestens in 18 Jahren bereuen, in Deinem jetzigen Alter Kinder bekommen zu haben!“

Keine Ahnung, ob die Botschaft ankam. Und ändern kann sie es sicher nicht mehr. Ich selbst gehöre nämlich leider zu jenen, die sich komplett verrechnet haben. Und dieser „Denkfehler“ rächt sich täglich. 

Kaum Verschnaufpausen im Hormon gefüllten Haushalt

Das Problem sind die Hormone. Wovon ich plötzlich zu wenig habe, und was ich mit Östrogen-Gels und Progesteron-Kapseln zu kompensieren versuche, haben meine beiden pubertierenden Töchter (18 und 13 Jahre) zu viel. Und das ebenso plötzlich und unerwartet – trotzdem es Generationen vor ihnen und auch vor mir genau gleich erging. Wechseljahre versus Pubertät: Das bedeutet Vorwürfe, Unverständnis, Gereizt- und Genervtheit. Gefühlt immer. Kaum Verschnaufpausen. 

Die Pubertät lässt alles scheiße erscheinen. Und Schuld daran hat die Mutter – an den zu großen Brüsten genauso wie an den Pickeln, am zu häufigen Cannabiskonsum oder an der Dummheit der Lehrer. Alle Schuld liegt bei mir. Eigentlich stimmt das ja auch, zumindest, was den Rechenfehler angeht. Denn schließlich geht es mir ganz ähnlich. In den Wechseljahren gibt es ebenfalls vieles, was einem Scheiße erscheint. Nur fällt es mir schwer, meiner 75-jährigen Mutter die Schuld daran zu geben. 

Vor einem Jahr hätte ich noch milde gelächelt, die Kinder vielleicht getröstet. Aber jetzt? In den Wechseljahren werde ich zur Furie. Verständnis für die anderen war gestern.

Und wer tröstet die Mutter in den Wechseljahren?

Um doch noch ein wenig Anteilnahme für meine Töchter zugewinnen, lese ich hin und wieder in meinen Tagebüchern aus der Zeit, in der ich mich zwischen der Sehnsucht nach dem ersten Kuss und dem Abitur befand. Das stärkt mein Einfühlungsvermögen aber nur bedingt, denn ich stelle einfach nur fest: Ich war als Pubertierende ziemlich nervtötend!

Eine andere Methode, das teuflische Spiel der Hormone etwas humorvoller zu ergründen, bietet die Zeichentrick-Netflix-Serie Big Mouth. Hier treten die Hormone als Monster auf, die den Jugendlichen Flausen in den Kopf setzten. In Folge Nummer fünf der dritten Staffel bekommt schließlich auch eine Mutter Besuch von der Hormon-Hexe »Menopause-Todesfee« – klingt zunächst nicht sehr vielversprechend, erweist sich im Laufe der Serie aber immer wieder mal als Glücksfee. Zumindest hier ein bisschen Trost.

Wer lieber hört: Sprecherin Meike Graf liest »Hormone in Hülle und Fülle«.

Und doch, der Lockdown verschärft die Situation. Da hilft auch Netflix nur bedingt. Die Jugend soll, entgegen meinen Wünschen, das Haus kaum noch verlassen. Partys sind verboten, Abreagieren funktioniert nur noch bei der Mutter. Die hingegen sieht sich damit konfrontiert, das Doppelte an Haushalt erledigen zu müssen: Seit März 2020 werden täglich drei Mahlzeiten bei mir eingenommen, Müll in Form von Coladosen, Chipstüten, Abschminkpads türmt sich. Selbst der Wäscheberg scheint schneller zu wachsen, obwohl das kaum sein kann. Wer zu Hause ist, macht zu Hause Dreck. 

Immerhin einer hat seine Hormone im Griff!

Der Freund der Älteren ist nun auch noch eingezogen. Im Lockdown muss man sich halt für einen Standort entscheiden. Vielleicht ist es bei ihm zu Hause hormonell noch angespannter. Vielleicht ist er auch einfach besonders mutig, seine Zeit mit drei hormonschwankenden Frauen zu verbringen. Jedenfalls trägt er sein überflüssiges Testosteron nicht ständig zur Schau und er tut der Tochter sichtbar gut. Vielleicht formiert sich da eine neue Generation von Männern, die selbst in der Pubertät wissen, was sich gehört. In unserem Haushalt hat er seine Hormone, verglichen mit den anderen, jedenfalls im Griff.

Selbstverständlich halte ich die Halbstarken dazu an, mir zu helfen und mit anzupacken. Selbst damit habe ich beim männlichen Mitbewohner mehr Erfolg als bei den Töchtern. Der Freund kocht hin und wieder und putzt sogar, wenn ich es verlange. Er kauft ein und seit er bemerkt hat, dass sogar ich in der Lage bin, in ganzen Sätzen zu sprechen, ohne zu schreien, fragt er mich morgens Dinge wie: „Alles klar?“. Wahrscheinlich ist er viel besser erzogen als meine Mädchen.

Die Ältere ist vor Kurzem 18 Jahre alt geworden. Sie selbst mochte das gar nicht: Die Vorstellung erwachsen und womöglich selbst verantwortlich zu sein, empfand sie als Zumutung. Wer hatte Schuld? Klar – Mama. 

Hurra! Es ist Entspannung in Sicht

Und dann, hoppla: Seit der Volljährigkeit hat sich bei ihr plötzlich ein Schalter umgelegt. Sie fragt nach meinem Wohlbefinden, ob sie mir helfen könne und bedankt sich, wenn ich etwas für sie tue. In einem fast liebevollen Ton. Ich kann mein Glück kaum fassen, komme dann aber schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn ich in das genervte Gesicht der 13-Jährigen schaue. Ich hoffe einfach, dass ich bis zu ihrem 15. Geburtstag aus dem Gröbsten raus bin. Und sie selbst dann ganz schnell 18 wird.


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