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Palais F*luxx

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Borgen – an oder aus?

Die Serie über den Aufstieg einer Politikerin zur Premierminsterin ist weltweit erfolgreich. Jetzt in der vierten Staffel wird es besonders interessant. Birgitte Nyborg ist in den Wechseljahren. Silke Burmester über Machtwillen und Menopause

Große Gesten müssen her beim Versuch, die enttäuschten Parteigenoss*innen wieder einzufangen. Sidse Babette Knudsen als Birgitte Nyborg Foto: Mike Kollöffel



Hätte Shakespeare nicht Hamlet erdacht, den tragischen dänischen Prinzen, der stellvertretend für die nimmer versiegende Schar der Lebensüberdrüssigen sein Ringen mit den Worten „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ auf den Punkt brachte – wer würde schon Dänemark kennen?
Lakritz, das „Hundepups“ heißt, leuchtend rote Würste, mit denen man die Landebahnen der Flughäfen markieren könnte, und irgendwo in der flachen Öde ein Königshaus, das so aufregend ist wie Mini Milk Vanille.

Aber dann kam „Borgen“. Die dänische Fernsehserie um die Politikerin Birgitte Nyborg, die zur ersten Premierministerin des Landes aufsteigt – und die all jene Attribute verkörpert, die Idealisten sich von den Mächtigen erträumen: Aufrichtig, offen, ehrlich ist sie und von der Idee getrieben, mit diesen Werten das Land zu einem liebens- und lebenswerten Ort zu machen.

Nicht nur die Gesichtshaut hat die Spannkraft verloren

Birgitte Nyborg dabei zuzugucken, zu sehen, wie ihre Widersacher ihr ins Handwerk pfuschen, vor allem aber, wie es ihr immer wieder gelingt, durch geschicktes Agieren ihre Ziele umzusetzen und dabei zu großen Teilen die authentische Frau zu bleiben, die mit einem kaputten Familienleben einen hohen Preis zahlt, haben die Serie ungemein erfolgreich gemacht. Und ihr international diverse Preise eingebracht. Drei Staffeln sind in den Jahren 2010 bis 2013 erst in Dänemark, dann auch in Deutschland auf arte und Netflix ausgestrahlt worden. Jetzt hat man entgegen der dänischen Gepflogenheit, maximal drei Staffeln zu produzieren, eine vierte gesendet. Und die interessiert uns.
Birgitte Nyborg ist jetzt nicht mehr die dynamische Anfang-Vierzigerin, die ihren Ehrgeiz in Energie umwandeln kann, auf dass sie jeden hinterhältigen Schachzug pariert und geschickt die Menschen in ihrem Umfeld zu lenken versteht. Birgitte Nyborg ist jetzt eine müde Frau. Sie ist 53 Jahre alt und wenn ihr auch die Puste noch nicht ausgegangen ist, so schleppt sie sich mehr durch das Geschehen, als dass sie es gestaltet.

Ein großer politischer Konflikt mit Grönland fordert sie, jetzt als Außenministerin, heraus und in den neun Jahren, die seit dem Ende der dritten Staffel, also zwischen der Gründung und Etablierung ihrer neuen Partei und Fund von Öl in Grönland liegen, ist mehr erschlafft als nur die Spannkraft ihrer Gesichtshaut.

Machtgier essen Seele auf

Birgitte Nyborg hat ihre Prinzipien geopfert, ihre Ideale, ihren Anstand. Sie ist Pragmatikerin geworden wie viele der Menschen, die uns – ob in der SPD, der FDP, CDU/CSU oder auch bei den Grünen – mit ihrem Machtanspruch konfrontieren. Ziele, Notwendigkeiten, selbst das Gemeinwohl werden dem eigenen Machterhalt untergeordnet. Und dafür scheint kein Preis zu hoch. Nicht einmal der, den ideologischen Kern der eigenen Politik – im Fall von Birgitte Nyborg das Ende der fossilen Brennstoffe einzuleiten – aufzugeben. Ja, mehr noch, die Förderung des Öls, das in Grönland gefunden wurde, bekommt von Nyborg das Label „grüne Energie“. Hauptsache, sie bleibt im Amt.
Birgitte Nyborg ist eine freudlose, spröde, kalte Frau geworden. Eine Frau, die ihr Alleinsein, womöglich auch ihre Einsamkeit durch ihre Arbeit kompensiert. Eine Frau, die nicht einmal mehr merkt, wie sehr sie sich aus der Gemeinschaft mit anderen verabschiedet hat, wie singulär sie in ihrem Universum kreist, in dem es einzig darum geht, weiterhin die Fäden in der Hand zu halten. Selbst, wenn sie das, was am Ende der Fäden hängt, nicht mehr interessiert.
Das allein ist spannend und gut erzählt und der Grönland-Konflikt ist als Stellvertreter für aktuelle und mögliche reale Geschehnisse erschreckend gut geeignet.
Was diese Staffel aber so besonders macht, ist der Umstand, dass endlich einmal das erzählt wird, was sonst so selten gezeigt wird: eine Frau in ihren Wechseljahren. Mit dem gesamten Kaleidoskop möglicher Begleiterscheinungen.

Schlaflos, schwitzend und erschöpft die Chinesen in Schach halten

Wir sehen eine Außenministerin, die wichtige Gesprächsrunden verlassen muss, um Wasser über die Innenseite der Handgelenke laufen zu lassen. Die versucht, unauffällig den Schweiß von der Stirn zu tupfen, und sich beklagt, dass sie drei Mal am Tag die Bluse wechseln muss. Die mit den Mächtigsten der Welt verhandeln muss und zu erschöpft ist. Die nicht mehr schlafen kann. Die ihre Mitarbeiter anbrüllt. Die erst ihre Tampons wegwirft und dann völlig unvermittelt zu bluten beginnt.
Kurz, wir sehen eine Frau, der es so geht wie den meisten von uns. Und endlich, endlich ist genau das, dieser Teil unseres Lebens, von dem nie einer etwas wissen will, den wir mit uns allein abmachen sollen und selbst hoffen, keiner möge etwas mitbekommen, Teil der Handlung. Nicht als Witz und auch nicht als Drangsal. Sondern einfach als das, was er ist, Teil des Lebens von Frauen.

Das ist wohltuend und befreiend. Und ein guter Schritt. Und wieder einmal mehr der Beweis, wie gut, wie vielfältig, lebensnah und interessant sich das Leben von Frauen erzählen lässt, wenn man die ganze Geschichte erzählt.

„Die Zukunft ist weiblich“ wird die Premierministerin Signe Kragh (Johanne Louise Schmidt) nicht müde, zu posten. Kooperation zwischen ihr und der Außenministerin Birgitte Nyborg ist aber erst im Zuge von deren Scheitern möglich. Foto: Mike Kollöffel

Borgen: Staffel 1 bis 3 bei arte, Staffel 1 bis 4 bei Netflix, Tailer hier

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