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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Obacht! Mütter!

Wenn Dein Kind plötzlich und kurzzeitg freundlich ist, ist wahrscheinlich Muttertag

TRIGGERWARNUNG: Mütter, Muttertag

Ich suchte nach einer weiblichen Entsprechung für „my Dudes“, weil ich mich meinen Leserinnen lässig und herzlich verbunden fühle und sie auch dementsprechend ansprechen möchte. „Meine Kerle“ ist leider schon besetzt, ein junger Instagramer hat es für seine Follower erfunden. Sehr schade, denn einen feinen Kerl tragen wir ja alle in uns. Na, dann eben „meine Luder“.

Vergangene Woche, meine Luder, habe ich auf Instagram etwas über Empfindsamkeiten gelernt. Oder besser: Ich hatte die Sache schon länger irgendwo in meinem Hinterkopf vorrätig, nun ist sie aber nach vorne geplumpst und ich weiß nicht mehr weiter. Folgende Geschichte: Eine zur Hälfte vom Balkan stammende Comedienne aus Wien deutet in einem Video eine Backpfeife an, um die teils rustikalen Erziehungsmethoden ihrer zweiten Heimat zu verdeutlichen. In den Kommentaren wurde sie schnell darauf hingewiesen, dass vor so ein Posting eine Triggerwarnung gehöre und „richtig, sorry, mein Fehler, kommt nicht mehr vor“ antwortete die Spaßmacherin. Es ist wichtig, verstehe ich, bei problematischen Themen vorweg Bescheid zu geben, um angeschlagene Personen vor unangenehmen Erinnerungen und Gefühlen zu schützen. Mein Problem jetzt, und zwar ernsthaft: Welche Themen genau brauchen eine Warnung? Und gehört der Muttertag dazu?

Ich habe nach einem Gin Tonic und einigen Verzweiflungs-Zigaretten so entschieden: Puh, na kommt, Bagalutinnen*, stürzen wir uns einfach mal rein in die Sache, gewarnt habe ich ja schon. Neulich also fiel mir ein altes Pixi-Buch in die Hände, „Teddy und die Anderen“.  Es ist von 1981, die x-te Auflage, erstmals erschien es 1944. Der Text wurde im Laufe der Jahrzehnte nur behutsam geändert, ich habe das recherchiert. Es war jedenfalls ein erfolgreiches Heftchen mit gleich drei Geschichten, die beste und seltsamste heißt: „Die Hühnermutter hat 10 Küken.“ Ich darf sie ungekürzt zum Vortrag bringen:

Die Hühnermutter hat 10 Küken

Arme Hühnermama! Sie hat viele Sorgen mit ihren 10 Kükenkindern. Sie konnte sie nämlich nicht voneinander unterscheiden. So sehr ähnelten sie sich. War eines weggelaufen, wusste sie nicht, wer es war. Da musste sie alle 10 auf einmal rufen. Das macht mich ganz hühnerwild!, sagte sie. Aber sie hatte sie trotzdem alle lieb. Eines schönen Tages waren die 10 Küken groß genug, um auf sich selbst aufzupassen. Aber sie besuchten ihre Mutter jeden Tag.

Diese Art Geschichten las man lange Zeit Kinderchen vor, zu Recht, denn es geht um etwas Schönes, das heute in Vergessenheit zu geraten droht: Vergiss Dein Mütterlein nicht, wenn Du nicht mehr zu Hause wohnst. Besuche es regelmäßig und bringe ihr zumindest ein staubiges Blümlein vom Straßenrand mit. Vorm Muttertag können wir ein beliebiges Kind unserer Wahl anrufen und ihm die Geschichte am Telefon vorlesen.

* „Bagalutin“ kommt aus der norddeutschen Umgangssprache und bedeutet so viel wie „Radauschwester“, „Schurkin“ oder „Kleinkriminelle“, jedoch mit derb-kameradschaftlicher Note. 

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