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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Falke im Sturm

Das junge Gemüse, unerfahren und töricht, hält das O-Wort für uns bereit. Dabei fühlt zumindest Frau Heinlein sich wie „ein Falke im Sturm“

Vier Stunden sind es mit dem Auto von mir bis zu einem der Nester an der dänischen Nordseeküste. Ich habe mir vorgenommen, während der Fahrt in möglichst viele unterschiedliche Podcasts reinzuhören, denn ich hänge seit über einem Jahr auf „Fest und Flauschig“ bei Oli Schulz und Jan Böhmermann fest. Die Jungs verstehen ihr Geschäft – legere, manchmal etwas derbe Unterhaltung mit drolligem Verstand – aber, dachte ich mir, da muss es ja noch andere geben. Frauen meines Alters scheiden aus, das habe ich bereits herausgefunden; sie sprechen nur über ernsthaftes Zeug und das interessieret mich nicht, leider, sehr schade. Die lustigen Sachen kommen alle von jungen Podcaster*innen. Start also auf der Autobahn bei Kilometer 57, vorher picknicke ich konzentriert, denn auf Reisen ist mir immer erst mal nach hartgekochten Eiern und einem Käsebrot. Ich kann auch beim Fahren picknicken, ich war quasi bei der ersten Rallye Paris-Dakar dabei, da habe ich einiges gelernt. Jetzt aber: Influencerin Sandra und Kollege Luca sind „Dick und Doof“ und beide um die Zwanzig; Sandra kommt gleich schon mal abgehetzt ins Studio, boah, uff, fast zu spät und völlig fertig, weil ihr Taxi vor jeder grünen Ampel abgebremst hatte, um bloß die Gelbphase nicht zu verpassen. Am Steuer, klaro, saß „so ‘ne Oma. Also, ‘ne Frau zwischen 50 und 60.“ WTF?! Fräulein, es gibt immer noch Regeln, show some Respect! Ich habe schon in Mikrofone gesprochen, als die noch groß wie Blumenkohl waren und mein erstes Auto hatte keine Bremsen, wenn wir damals überhaupt mal gebremst haben, haben wir Wackersteine vor die Vorderräder geworfen, vom Steuer aus, denn Windschutzscheiben hatten wir auch nicht. 

Herrjeh, warum so aufgeregt?, mag nun Jemand fragen. Nun, tatsächlich ist es das allererste Mal, dass ich von jemand Fremden als „Oma“ bezeichnet werde, wenn auch nur indirekt, und da werde ich wohl einige Wochen lang erbost sein dürfen, richtig? Grünzeug! Mameluckin! Rotznase! Abends an der See lasse ich – immer noch aufgebracht, aber betont lässig, denn am Strand sind einige flotte Surfer zugange – einen Stein siebenmal übers Wasser springen. Das nennt man Ditschen und es hat mich einige Jahre gekostet, das so hinzukriegen. Um das ganze Geraffel zusammenzufassen: Ich bin durchaus im fortgeschrittenen Zustand innerer Freiheit und gerne mal bei einer Narretei dabei, aber beim O-Wort hört mein Sinn für Humor auf. Ich schreibe dies, meine Luder, um Mitternacht im Freien. Im Ferienhaus ist Rauchen nicht erlaubt, also glimmt meine Zigarette tapfer im heulenden Wind. Andere mögen in Taxen zu ihren warmen Studios fahren, aber ich schwebe, wenn ich es mir recht überlege, über den Dingen, wie ein Falke im Sturm.

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