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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: Schön roh

Wenn keine Axt für den Racheakt zur Hand ist, kann auch ein Hammer verwendet werden

Obacht, es wird rabiat. Ich mache versehentlich viel kaputt, schon immer. Meistens Geschirr, aber auch Autos und alle möglichen anderen Sachen. Früher habe ich mich deswegen gegrämt, heute denke ich: „Ach, sei’s drum, ich besitze ja noch drei weitere Desserttellerchen mit Goldrand, da wird es um eines weniger nicht groß schade sein.“ Wann immer möglich, zertrümmere ich gerne auch ganz bewusst etwas, zum Beispiel mit einer Axt. Eine meiner Äxte ist sehr scharf, die nehme ich zum Holzspalten. Die andere ist stumpf geworden, sie steht jetzt in meinem Schlafzimmer, falls mal ein gewaltbereiter Einbrecher auftauchen sollte. Ich habe meine Neigung aber gut unter Kontrolle, seitdem ich einmal einer Freundin erzählte, dass ich einem gewissen Idioten gerne die Nase blutig schlagen würde. Die Freundin, an und für sich ein ausgesprochen wildes Ding, war aufrichtig entsetzt. Nur Göttinnen, und die auch nur in Filmen, dürfen noch Sachen sagen wie: „Du hast den Kampf an meine Haustür gebracht. Ich kann nur weiter Köpfe kürzen, Blut trinken und Seelen befreien.“ Jetzt spreche ich privat nicht mehr über meine brachialen Neigungen. Aber ich habe kurz überlegt, sie zu Geld zu machen und ein Rache-Institut zu eröffnen. Die Idee ist prinzipiell sehr gut, jede*r sehnt sich ja irgendwann einmal im Leben nach Rache, möchte dabei jedoch nicht erwischt werden. Ich übernehme die Vergeltung und ruckel damit das psychische Gleichgewicht meiner Auftraggeber*innen zurecht. Wieder einmal wurde meine Idee natürlich schon von anderen umgesetzt. Vertrauenserweckender Satz eines Profis : „Unsere Agentur verfügt über sehr, sehr weitreichende Kontakte.“ Der Kollege arbeitet seriös, im Rahmen bestehender Gesetze, alles, was er in die Wege leitet, ist legal. Ich selber hatte mir eher vorgestellt, mit freundlichen Kleinkriminellen zusammenzuarbeiten – aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Ich stelle mir vor, wie ich in den Armen des Lockführers liege und von seinen Abenteuergeschichten scharf werde

Zurzeit habe ich nur einen friedliebenden Lokführer zur Hand. Er hat endlich alle Prüfungen bestanden und trägt nun Uniform. Ich war ein bisschen aufgeregt vor unserem ersten Telefonat, Lokführer sind ja sozusagen fast Piloten. Ich würde demnächst, stellte ich mir vor, im Arm des Lokführers liegen und von seinen Abenteuergeschichten scharf werden. Jetzt weiß ich: Der Lokführer träumt davon, bald einen hochmodernen ICE zu fahren. Vor der Fahrt wird der Bordcomputer mit Daten gefüttert, danach rollt der Zug alleine und der Mann im Triebwagen guckt Sonnenauf- und -untergänge und springende Rehe. Mein eigenes kleines Träumchen ist damit zwar zerbröselt, aber sei’s drum: Musik!

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