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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Das Leben ist auch nur ein Film

Frau Heinlein fährt auf eine Insel. Mit ihrem Bruder. Und ihrem Vater. Sie sind allesamt halsstarrig. Zwei von ihnen möchten nicht über Emotionen reden.

Meine Luder, heute müssen wir ein wenig hetzen und es kurz machen, denn ich bin in Aufregung wegen einer abenteuerlichen Unternehmung und vor der muss ich schnell noch den irre langen Text anfangen und zu Ende schreiben, den ich seit zwei Monaten vor mir herschiebe. Die Erregung jedenfalls kommt, weil ich in wenigen Tagen für eine Woche in den Urlaub fahren werde, gemeinsam mit meinem Vater und meinem Bruder. Mein Bruder ist ein liebenswerter und halsstarriger Mensch. Er will immer Bestimmer sein. Mein Vater hält es nicht länger als eine Stunde am Stück mit mehr als einem Menschen aus. Ein halsstarriger Bestimmer ist er außerdem. Beide Männer hassen es, über Probleme zu sprechen. Ich spreche gerne über Probleme. Und natürlich bin auch ich halsstarrig und bestimme gerne. Wir verreisen dennoch gemeinsam, weil wir versuchen, zusammenzuhalten, so wie in französischen Filmen. In denen trifft stets eine Reihe neurotischer, verletzlicher Menschen aufeinander, durch offenherzige, tiefsinnige Unterhaltungen wird aber alles schließlich gut, und wenn nicht, haben alle am Ende zumindest Hoffnung.

In Amerika macht man Barbecue oder erschießt sich

Ich weiß nicht, ob die Dinge auch gut werden, wenn drei empfindsame Neurotiker eine Woche gemeinsam in einem Haus verleben, ohne irgendein emotionales Thema anzusprechen. Aber es wird ohnehin kein französischer Film werden und auch kein deutscher, sondern ein amerikanischer. Mein Bruder lebt seit langem in den USA und ist ein echter Amerikaner geworden. Amerikaner wissen, wo es langgeht. Da wird nicht lange gequatscht, da macht man ein Barbecue und der Film hat ein Happy End. Oder alle erschießen sich gegenseitig. Ich habe aus einer sehr kritischen Phase meines Lebens aber noch zwei wahnsinnig wirkungsvolle Beruhigungspillen, die nehme ich mit.
Ich melde mich in zwei Wochen, meine Luder. Oder nicht. Ihr wisst Bescheid.


Weil Frau Heinlein auf Reisen geht, wird die Kolumne nächste Woche entfallen. Wir setzen darauf, dass am 16. Juni Neues aus ihrem Leben auf uns niederprasselt

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