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My Tipsy Hat

Alkohol? Unbedingt. Und dabei gut behütet. Silke Burmester lernt das stilvolle Trinken

Diesmal: Jägermeisterin von Welt
(Foto + Montage: Brigitta Jahn)

Einladung zum Reh essen

So alles gut geht, werde ich in 30 Jahren schwach aber fröhlich ins Grab kippen. Ich frage mich, ob ich zufrieden sein werde. Und stelle fest: Ich werde Lücken in meinem Sexleben ausmachen und mich ärgern, so viele schöne Anlässe in zu gewöhnlicher Kleidung verbracht zu haben. Überhaupt bedaure ich, dass das anlassbezogene Kleiden so in den Hintergrund getreten ist. Eine Hochzeit lässt sich beim Blick auf die Gäste oft kaum mehr von einem Besuch im Tierheim unterscheiden, dabei ist es ja nicht nur eine Frage des Respekts sich herauszuputzen, sondern auch eine der Freude.

Wenn ich also mit Mitte 80 auf meinem Perserteppich zusammensinke und mein Leben an mir vorbeizieht, möchte ich, dass meine schönen Blusen aufleuchten, neben figurbetonenden Röcken und Tuchhosen im Marlene-Schnitt. Zu so einem Auftritt gehört auch ein gewisser Benimm. Mikadostäbchendünne Zigaretten zu rauchen etwa, und vielleicht auch, das Wort „entzückend“ in den Wortschatz einzubauen. In jedem Fall aber sollte man das passende Getränk zu seinem Outfit kennen beziehungsweise zum Anlass. Und wenn man es nicht kennt, danach fragen – es gibt kaum etwas Unangenehmeres als Frauen, die zu jedem Anlass Aperol Spritz bestellen, nur weil man das auf Malle auch zu jeder Gelegenheit kippt.

Die Einladung

Nun also ich. Eingeladen zum Reh-Essen. Eingeladen in ein Restaurant, dessen Wirt noch selbst schießt und nur serviert, was im Knall gestorben ist. Also, getroffen und tot das Tier. Nicht noch elendig mit dem Humpelbein durchs Gestrüpp gehetzt. Nein, schießen, treffen, umfallen. Ansonsten ist das Fleisch nicht gut. Die Stresshormone – ist ja nicht so schwierig, zu verstehen.

Der Mann von Adel in meinem Leben hat mich eingeladen und noch dazu ein paar Freunde, das tut man so in diesen Kreisen; man lädt ein und isst, was jemand im Knall erlegt hat, sofern man nicht selbst erlegt. Ich möchte da nicht nachstehen, auch ich, das möchte ich zeigen, bin eine Frau von Jagd. Ich weiß, welches das adäquate Outfit ist und mit welcher Drink-Bestellung ich mein Understatement als Frau, die auf ihrem Sterbebett nichts außer ungelebter Sexabenteuer bereuen wird, unterstreiche.

Einen Bloody Deer, bitte!

Die Hutmacherin, die in dem von der städtischen Tourismuszentrale als „lebendig“ charakterisierten Stadtteil in dem ich wohne, ihren Laden hat, weiß sofort, was gefragt ist. Sie kreiert ein entzückendes kleines Filzkäppchen mit schwingenden, wippenden, an der Zimmerdecke kitzelnden Fasanenfedern. Und einer vornehm funkelnden Brosche. Und die Barfrau meines Vertrauens weiß, was eine Jägermeisterin von Stil zum Reh ordert, so sie denn nicht auf schwere Rotweine steht. „Du brauchst einen Bloody Deer!“ ruft sie aus. „Einen Rotwein-Cocktail. Der hat wunderbare Wacholdernoten und eine schöne Fruchtigkeit, den kannst Du gut zum Essen trinken und bist nicht gleich nach dem zweiten Glas duhn.“ Den blutigen Hirsch hat sie selbst kreiert – und daran gedacht, den kräftigen Kirschnoten eines guten, trockenen französischen Rotweins die Lockerheit von Cranberries zu verpassen. Leichtfüßig kommt das Huftier um die Ecke, etwas Pfeffer hat Betty ihm aufs Haupt gestreut und der hallt leicht beißend nach. Die Schärfe passt perfekt zur nächsten Gabel Reh, und während die Menschen rechts und links von mir in ihrem Burgunderdusel immer näher an die Tischkante sacken, sitz ich da und strahle in die Welt.


So mischt die Betty

Bloody Deer
4 cl Rotwein
4 cl Cranberrysaft
1cl Gin
1cl Zucker
1 cl Zitrone (frisch!)

Alles shaken und mit frischem Pfeffer garnieren
Statt Cranberrysaft können auch andere rote Fruchtsäfte wie Kirsch oder Preiselbeere verwendet werden. Der Gin sollte kräftig sein und eine deutliche Wacholdernote haben, wie z.B. Tanqueray. Der Wein hingegen über beerige und kirschige Noten verfügen, Betty Kupsa wählt an dieser Stelle einen Franzosen


Rotkäppchen-Designs Vor zwölf Jahren hat Ulla Anna Machalett ihr Hutgeschäft in Hamburg eröffnet und seither zieren die tollsten und die dollsten Kreationen die Schaufenster. Ihre Kund*innen kommen von weither und ordern mitunter telefonisch – so sehr vertrauen sie den Fähigkeiten der Modistin. Für „My Tipsy Hat“ stellt sie ihre Stücke zur Verfügung.
rotkaeppchen-designs.de

The Chug Club heißt die Bar von Betty Kupsa. Betty wurde mit und ohne Bar ausgezeichnet, mit Lorbeer behängt und über den grünen Klee gelobt. Für uns und die Frage, „Welcher Drink passt zum Hut?“ ist Betty ein Geschenk, denn sie hat eine irre Gabe: Sie schmeckt quasi im Kopf vor und schüttet dann zusammen, was bis dahin getrennt war. Jetzt hat sie mit „Lupita“ ihre eigene Margarita-Linie kreiert, die natürlich alsbald im Palais-F*luxx-Shop erhältlich ist.
www.thechugclub.bar

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