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My Tipsy Glasses

Alkohol? Unbedingt. Und das gut bebrillt. Silke Burmester lernt das stilvolle Trinken

Kontemplation und Klarsicht – darauf einen „Sartre Sour“
Fotokunst: Brigitta Jahn



Der dreifache Sartre und ich

Ich habe ein neues Lieblingswort. Es ist mein Menopausenwort des Jahres, „Kontemplation“. Es ist alt, lateinisch und beschreibt das einzig Sinnvolle, was es an diesen zwischen BRD-Telefongrau, Mausgrau und Asphalt mäandernden Tagen mit Erkältungssymptomen zu tun gibt: „in sich gekehrte, keine Tat auslösende Betrachtung“. Ich verbringe diese Zeit starrend. Diese Tage sind Tage des Aufräumens. Innere und des äußere Kehrwochen. Kurz vor Jahresschluss wird der Toten gedacht, das sommerliche Gestrüpp vom Grab gefegt und durch neues trockenes Zeug ersetzt. Wer keine Toten zu bekümmern hat, macht die Steuererklärung. Es geht um die großen Themen. Sein und Haben. Tod und Leben. Liebe und Leid. Diese graue Zeit ist eindeutig der Franzose unter den Jahreszeiten. Voll kultiviert anstrengend. Immer die großen Themen am Wickel haben und auf wichtig machen. Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Dinge angenehmer werden, wenn man sich als Stöckchen im Wasser in Richtung Strömung legt, als ständig Widerstand zu leisten.
Ich will auch Französin sein.
Existenzialistin will ich werden, die Klarheit in Worte gießen. Schwarz auf Weiß malen. Worte sagen wie: Morgen ist ein neuer Tag. Oder: Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Bahnbrechende Erkenntnisse, für die ich mit Lorbeeren bekränzt werde, wie der große Franzose, Sartre.

Belgier oder Franzose – egal. Hauptsache was mit Tragik

Sartre ist der Klassiker des Schwarz-Weiß, da kann ein Michel Houellebecq seine ostentative Misanthropie mit Pastis düngen, so viel er will, diese Klarsicht erlangt er nicht. Auch ich brauche eine neue Brille. Nicht nur für die geistige Erkenntnis, auch für die am Bildschirm. Es ist alles sehr unscharf neuerdings. Strenge soll die Brille ausstrahlen, Ernsthaftigkeit. Denn ich habe beschlossen, die Zeit des Aufräumens dafür zu nutzen, auch einen Roman von existenzieller Klugheit zu schreiben. Mein erstes Buch hieß „Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“, immerhin aber was mit Französisch – trotzdem, da ist noch Luft nach oben. Einen schwarzen Rollkragenpulli habe ich bereits, für die Brille radle ich zu Karin Stehr. Siegessicher greift sie das passende Modell aus dem Regal – ich bin augenblicklich zufrieden.

Die Gedanken sollen frei sein. Französich frei. Also quasi oben ohne

„Der Teufel und der liebe Gott“, „Die Fliegen“, „Das Spiel ist aus“ – Dank meiner Brille sehe aus, als hätte ich alle diese Romane geschrieben. Tatsächlich bin ich weit davon entfernt, mich zu erinnern, welchen klugen Gedanken ich neulich hatte. Ich lege Jaques Brel auf. Der ist zwar Belgier, aber so tragisch gestorben, da kann man auch so tun, als sei er Franzose gewesen, und ich radle bei Betty Kupsa vorbei. Betty betreibt den „Chug-Club“ auf dem Hamburger Kiez und ist die Bar-Frau meines Vertrauens. Ich frage sie, was mittig rein muss, damit es oben fließt. Die Gedanken meine ich. Die sollen nicht nur frei sein, sondern frei-frei. Französisch frei. Oben ohne, quasi. Betty ermittelt, was der überaus unattraktive, fast als hässlich zu bezeichnende Mega-Philosoph mit dem Wahnsinnschlag bei Frauen gern trank – Whisky zum einen, Rotwein zum anderen – und kippt es zusammen. Sie schüttelt und rüttelt und spießt eingelegte Kirschen auf einen Halm und serviert mit den kleinen Worten einer großen Mixerin: „Et voilà! Dein Sartre-Sour!“, einen Drink, den langsam und genüsslich zu trinken unmöglich ist. Er ist schlicht zu schmackhaft. Ich kann nicht anders, als ihn völlig unphilosophisch und ohne den klugen Gedanken Zeit zum Erscheinen zu geben, wegzuschlürfen. Was hat Betty getan? Sie hat einen Whisky Sour gemixt, der fein-herb aber ohne dieses übertrieben Moorige oder den drängenden Tabakgeschmack eines Whiskys daherkommt und auf den sie dann – Frevel sei gepriesen! – einen sehr trockenen französischen Wein gibt. Dazu der Kirsch-Stick – das klingt nach „La Boom – Die Fete, Teil 7“ ist aber saumäßig gut, weil die trockene Frucht des Rotweins mit dem Whisky quasi ein Part de deux eingeht und zwei für sich genommene, ganz okaye Getränke im Zusammenspiel ungeahnte Kräfte freisetzen, die eine Frau in der Phase der postmenopausalen Kontemplation gar nicht in Worte fassen kann.

Und weil eine solche Frau auf einem Sartre nicht stehen kann, hat Betty mir dann noch einen zweiten eingeschenkt. Und einen dritten.
Als der dreifache Sartre und ich zuhause ankommen, stellte ich fest, dass uns unterwegs die Klugheit verloren gegangen ist. Egal, denke ich, man muss sich nur zu helfen wissen! Ich habe immerhin schon einmal ein Buch geschrieben, das kann also so schwer nicht sein. Mal sehen, denke ich, welchen klugen Gedanken ich Carla Bruni mitgegeben hatte, und schlage das Buch auf. Es beginnt mit den schönen Worten: „Donnerstag, 15. November. Mein Gott, hab ich einen Schädel.“


So mischt die Betty

Sartre Sour
5 cl Blended Scotch z.B. Monkey Shoulder
2 cl Zuckersirup 
3 cl Zitronensaft 
1 Eigelb
3 cl französicher Rotwein (trocken)

Alle Zutaten bis auf dem Wein in einem Shaker mit viel Eis kalt schütteln, abgießen und nochmal ohne Eis schaumig shaken. 
In einen Tumbler mit Eis geben und vorsichtig mit dem Rotwein floaten. 
Mit einem Kirschstick garnieren.


The Chug Club heißt die Bar von Betty Kupsa. Betty wurde mit und ohne Bar ausgezeichnet, mit Lorbeer behängt und über den grünen Klee gelobt. Für uns und die Frage, „Welcher Drink passt zur Brille?“, ist Betty ein Geschenk, denn sie hat eine irre Gabe: Sie schmeckt quasi im Kopf vor und schüttet dann zusammen, was bis dahin getrennt war. Jetzt hat sie mit „Lupita“ ihre eigene Margarita-Linie kreiert, die natürlich alsbald im Palais-F*luxx-Shop erhältlich ist.
www.thechugclub.bar

Bellevue Dort, wo Hamburgs Innenstadt am Schicksten ist, hat Karin Stehr ihr Geschäft für exklusive Brillenmanufakturen. Eine Brille ist hier nicht das Gestell, das die notwendigen Gläser hält, sondern ein Designobjekt, über dessen Entstehung, Hintergrund und Material die Mitarbeiter*innen ALLES wissen. Vor allem aber haben sie einen Faible für Gewagtes, da sind wir gerade richtig!

Pia Norberg ist eine Maskenbildnerin für die große Bühne. Ob die Ruhrtriennale, Musikvideos oder das Maskenkonzept für große Shows wie der der Aida-Kreuzfahrtschiffe – von der Stirnlocke bis zum Ziegenbart, vom Lidstrich bis zum blauen Auge kreiert Pia Erscheinungswelten. Ja, und jetzt auch Silkes Erscheinungswelt.

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