Close

My Tipsy Glasses

Venedig – jetzt bloß nicht an Ost-Westfalen denken
Fotokunst: Brigitta Jahn




Gepflegtes Sonnensitzen

Es bleibt einem dieser Tage ja nicht viel anderes zu tun, als sich an einem schönen Ort in die spätsommerliche Sonne zu setzen und sich zu freuen, dass man noch da ist. Glücklicherweise sind auch die Orte noch da. Zwischenzeitig hatte der üble Virus mein Hirn so eingefroren, dass ich mir nicht sicher war, ob die Welt außerhalb meiner vier Wände und des dazu gehörigen Hofes noch existierte. Aber, der Göttin sei es gedankt, sie tut es! Und weil nicht nur das dumme Virus die Sicht trübt, sondern auch mein Alter mir meinen Blick auf die Welt zu verengen droht, habe ich beschlossen, nicht länger über Alkohol in Kombination mit Hüten zu schreiben, sondern auf Brillen umzusteigen und alles einer neu zu gewinnenden Weitsicht, Einsicht, Umsicht und Übersicht zuzuordnen. Von der Aussicht ganz zu schweigen.

Dieses mit dem gepflegten Genuss stilvollen Alkohols zu verbinden, scheint mir eine ganz wunderbare Kombi, denn zu den oben aufgeführten Annehmlichkeiten, die so eine Brille mit sich bringt, bringt der tropfende Geist aus der Flasche auch noch Klarsicht und Erkenntnis. Was gibt es Besseres?! Ja, allein auf diese Kombination zu kommen: Brille und Alkohol! Wenn das an sich nicht schon der Beweis für große Erleuchtung ist, dann weiß ich auch nicht!

Wer will schon Christo in Paris?

Also, zurück zu den Sonnentagen. Stilvoll gilt es sie zu verbringen und eine Dame von Welt wie ich führt die Reise dieses Jahr in die Stadt der ewigen Plätscherness, nach Venedig! Aber, was sage ich! Nicht nur ich hatte diesen Riecher, tout le monde hatte sich im September aufgemacht. Gut, die eine Hälfte der Reisewilligen ist dieser Tage in Paris, um sich Christos Verpackungskitsch als Kunst verkaufen zu lassen, aber wer mehr so in Sachen Film, Filmatmosphäre und Filmriss unterwegs ist, der zieht es vor, seine Spätsommertage in der Sonne Venedigs zu verbringen.

Ein Glas mit Stiel und ein Schmetterling im Gesicht

Einst stieg ich hier im Hotel Bauer ab und hatte das sagenhafteste, dunkelste Hotelzimmer aller Zeiten. Ein mit tiefgrüner, in Kroko-Struktur geprägter Tapete ausgekleideter Raum. Am Kanal. Ich fühlte mich, als sei ich mit Oscar Wilde auf eine Opiumpfeife verabredet. Das war, bevor ich meine Reise im Orient-Express antrat. Aber das ist eine andere Geschichte. Momentan habe ich kein Geld und wo ich abgestiegen bin, möchte ich nicht sagen, das ist auch egal, denn es geht ja um den Drink. Aktuell ­– das hatte mir die Bar-Expertin meines Vertrauens, Betty Kupsa, mit auf den Weg gegeben – ist in Venedig der Limoncello Spritz angesagt. Aber allein das Wort „Spritz“ – das klingt mir doch zu sehr nach Ost-Westfalen, als dass ich als Dame von Welt nicht lieber einen venezianischen Klassiker trinken möchte, der mir schon dank seiner vielen Vokale die Zunge runterrinnt, einen Bellini. Der wurde hier, in Harry´s legendärer Bar erfunden, und während er dort in einer Art italienischem Humpen serviert wird, also ohne Stiel, bevorzuge ich durchaus ein Glas mit Stil. Das ist wichtig, wenn man auch nach dreieinhalb Stunden lässig in seinem Korbstuhl auf der Piazza rumsitzt und nur leicht angeschickert wirken möchte. Jene Art von Angeschickertsein, die Männer denken lässt, sie hätten ein leichtes Spiel und sie verkennen lässt, dass man, ganz im Gegenteil, unter seiner Sonnenbrille alles unter Kontrolle hat. Was natürlich eine wunderbare Überleitung zu meiner Brille ist. Dem Modell „Butterfly“ von Oliver Goldsmith aus den 70er-Jahren, das die perfekte Wahl für diesen Aufenthalt ist, weil es einfach völlig unklar lässt, seit wie vielen Stunden man schon sitzt und trinkt. Oder seit wie vielen Tagen. However, wie der Italiener sagt, ich hatte eine wunderbare Zeit.

So mischt die Betty
„Kann man machen“, so einen Bellini, sagt die Fachfrau. „Aber wenn Du mal was mit nem Bisschen mehr Feuer willst, dann machst Du die mexikanische Variante“. Und die geht so:

Bellini Travels to Mexico

3 cl Tequila Blanco
5 cl Weinbergpfirsichpürre
1cl Limette
2 Spritzer Pfirsich Bitters
mit Champagner auffüllen

The Chug Club heißt die Bar von Betty Kupsa. Betty wurde mit und ohne Bar ausgezeichnet, mit Lorbeer behängt und über den grünen Klee gelobt. Für uns und die Frage, „Welcher Drink passt zum Hut?“ ist Betty ein Geschenk, denn sie hat eine irre Gabe: Sie schmeckt quasi im Kopf vor und schüttet dann zusammen, was bis dahin getrennt war. Jetzt hat sie mit „Lupita“ ihre eigene Margarita-Linie kreiert, die natürlich alsbald im Palais-F*luxx-Shop erhältlich ist.
www.thechugclub.bar

Bellevue Dort, wo Hamburgs Innenstadt am Schicksten ist, hat Karin Stehr ihr Geschäft für exklusive Brillenmanufakturen. Eine Brille ist hier nicht das Gestell, das die notwendigen Gläser hält, sondern ein Designobjekt, über dessen Entstehung, Hintergrund und Material die Mitarbeiter*innen ALLES wissen. Vor allem aber haben sie einen Faible für Gewagtes, da sind wir gerade richtig!

Close