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My Tipsy Glasses

Alkohol? Unbedingt. Und das gut bebrillt. Silke Burmester lernt das stilvolle Trinken

Zum Geburtstag mit Andy Warhol auf die Rollschuhbahn
Fotokunst: Brigitta Jahn



Y Not?!

Ich gehöre zu den geschätzten 17 Prozent der Menschen, die sich auf ihren Geburtstag freuen. Ich finde Geburtstag haben toll. Und ich überlege mir schon zu Beginn des Dezembers, in welchem Rahmen ich diesen großen Tag Anfang Januar feiern will. Außerdem überlege ich mir, welches tolle Gefühl ich im kommenden Lebensjahr erleben möchte. Dieses Mal werde ich 56 Jahre alt und ich finde das eine überraschende Anzahl an Jahren. Und so überraschend viele es sind, so wenig überraschend finde ich mich selbst. Ich habe eine bestimmte Ausgabe meiner selbst kultiviert und muss feststellen: Es gibt dafür keinen Anlass. Ich könnte eigentlich auch mal eine andere sein als die, die ich die letzten Jahre war.

In mir juckt die Welt

Für eine Typveränderung gibt es zwei Möglichkeiten: Haare ab oder eine neue Brille. Nun habe ich Haare von Menge und Struktur, dass nicht nur meine Freundin mich „das Haarwunder von Hamburg“ nennt und der Friseur neulich meinte: „Na langsam müssten die aber mal weniger werden!“, sondern ich es an guten Tagen liebe, sie wie Miss Piggy mit erhobenem Kopfschwung von Schulter zu Schulter zu werfen und auszurufen: „C´est moi!“

Also eine Brille. Ich zu Karin Stehr geradelt und ihr die Situation geschildert: Ich klebe seit Jahren in dieser langweiligen Stadt fest. Ich werde keine Umschulung machen und auch keine Yogaausbildung. Ich möchte keinen SUV kaufen und auch keinen Hund. Ich habe keine Lust, meine Wände farbig zu streichen und bin zu allem Überfluss auch noch treu. Und wenn ich losgehe, um was Neues zum Anziehen zu kaufen, komme ich mit der x-ten roten Bluse zurück. Dabei juckt in mir eine andere! In mir juckt die Welt!

Mein Freund heißt Oliver Goldsmith

Karin Stehr ist eine ruhige Frau. Eine klare. Von innerer Stärke. Sie sagt: „Ich hab da was“, und kommt mit diesem Ding zurück. Mit diesem 80er-Jahre-Riesending, bei dessen Anblick man sofort denken muss, Andy Warhol habe es schon auf der Nase balanciert. Oder Peggy Guggenheim. Und ich denke, na das ist doch aber ein bisschen „Knall“!
Aber natürlich setze ich auf, was Karin mir bringt – und ich sehe augenblicklich nach „New York“ aus. Nach Aufregung und Abenteuer. Nach Vernisage in Tribeca, bei der Jared Leto in den Eiskübel göbelt.
Karin sagt: „Du bist ein Goldsmith-Typ. Seine Brillen stehen Dir einfach!“ Und weil ich weiß, dass Oliver Goldsmith den Brillenlook der 60er-Jahre geprägt hat, Audrey Hepburn und John Lennon seine Brillen trugen, spüre ich als ewiges 60ies-Fangirl, wie das Kompliment ermutigend an den Rändern meiner Gewohnheit kitzelt. Und dann sehe ich, dass mein Freund Goldsmith das Gestell nicht nur in meinem Geburtsjahr 1966 geformt hat, er hat ihm auch noch den Namen „Y Not“ mit auf den Weg gegeben. Seither ist es Teil seiner Kollektion und jetzt halt mal in durchgeschossen Blau mit Leo. Und ich denke, ja, genau! Y Not!?! Ich werde das jetzt machen! Ich werde diese Brille nehmen und eine andere sein. Mit 56 werde ich von mir selbst überrascht sein. Von dem, was möglich ist. Was in mir steckt. Und weil ich wegen des scheiß Corona nicht nach New York kann, rufe ich Pia Norberg an und sage: „Ich habe eine neue Brille, jetzt brauche ich neue Haare!“
Pia ist Maskenbildnerin und ihr Koffer gleicht einem Baumarkt. Nachdem sie meine Mähne von einem schwarzen Gerät einsaugen lässt, das in seinem früheren Leben eine Winde zum Herausziehen schwerer Segelboote gewesen sein wird, sehe ich aus wie ein Roller Girl. Und ich entscheide: Ich feiere meinen Geburtstag als Roller-Party. Rollschuhlaufen ist ja aus irgendeinem crazy Grund wieder total angesagt. Frauen in meinem Alter buchen Rollerdance-Kurse und Mitra Kassai hat mit ihrem Rollschuhverleih hier in Planten un Blomen letzten Sommer einen wahren Boomer-Roll-Hype ausgelöst. Für die Wintermonate hat sie eine Indoor-Bahn eröffnet und jetzt tu ich mal so, als wenn das Ding wegen Corona nicht schon wieder schließen musste und rufe die Barfrau meines Vertrauens an, Betty Kupsa.

Ein Drink wie quietschende Reifen und fliegendes Haar

„Betty“, sage ich, „the girls and me on the Rollschuhbahn – was soll ich zu trinken servieren?” Und Betty denkt: Frauen, Hamburg, Rollschuhe, Freiheit. Sie denkt an unsere quietschenden Reifen und unser fliegendes Haar und sie sagt: „Lupita Paloma!“ Ein Longdrink, den sie auf Basis ihrer großartigen fruchtig-schlemmerigen Eigenkreation, der Margarita „Lupita“, mixt, und dem sie Grapefruitlimonade und etwas Salz beigibt. Und der in seinem bunten, auf gute Art fast brausigen Geschmack genau das Richtige für uns ist: fruchtig und leicht süß, prickelnd und erhitzte Frauen erfrischend kühlend. Und der mit jeder Runde an Fahrt gewinnt. Der Drink ist spritzig wie wir selbst und das ist an so einem Tag nie verkehrt.

Und das ist vielleicht das Tolle am Älterwerden, selbst, wenn der Rücken es nicht mehr zulässt, dass man mit Rollen unter den Füßen durch die Gegend zischt, ein neues oder auch nur ein erweitertes Ich gibt es immer zu entdecken. Im Zweifel durch eine neue Brille. Oder dank des richtigen Drinks.



So mischt die Betty

Lupita Paloma
5 cl Lupita Margarita
15 cl Pink Grapefruitlimonade
Salz
Eiswürfel
Limettenscheibe

Longdrinkglas mit Eis füllen, Lupita Margarita dazu und mit Pink Grapefruitlimonade auffüllen.
Salz darüberstreuen und mit einer Limettenspalte garnieren

Bettys Lupita Margarita kann man hier beziehen: https://lupita-margarita.shop
Ihre Empfehlung für Grapefruitlimonade findet Ihr hier https://www.aromas-of-mexico.com/shop/three-cents-grapefruit-soda/ und auch diese steht bei Betty hoch im Kurs https://trinkabenteuer.de/collections/filler-tonics-bitterlimonaden/products/thomas-henry-pink-grapefruit


The Chug Club heißt die Bar von Betty Kupsa. Betty wurde mit und ohne Bar ausgezeichnet, mit Lorbeer behängt und über den grünen Klee gelobt. Für uns und die Frage, „Welcher Drink passt zur Brille?“, ist Betty ein Geschenk, denn sie hat eine irre Gabe: Sie schmeckt quasi im Kopf vor und schüttet dann zusammen, was bis dahin getrennt war. Jetzt hat sie mit „Lupita“ ihre eigene Margarita-Linie kreiert, die natürlich alsbald im Palais-F*luxx-Shop erhältlich ist.
www.thechugclub.bar

Bellevue Dort, wo Hamburgs Innenstadt am Schicksten ist, hat Karin Stehr ihr Geschäft für exklusive Brillenmanufakturen. Eine Brille ist hier nicht das Gestell, das die notwendigen Gläser hält, sondern ein Designobjekt, über dessen Entstehung, Hintergrund und Material die Mitarbeiter*innen ALLES wissen. Vor allem aber haben sie einen Faible für Gewagtes, da sind wir gerade richtig!

Pia Norberg ist eine Maskenbildnerin für die große Bühne. Ob die Ruhrtriennale, Musikvideos oder das Maskenkonzept für große Shows wie der der Aida-Kreuzfahrtschiffe – von der Stirnlocke bis zum Ziegenbart, vom Lidstrich bis zum blauen Auge kreiert Pia Erscheinungswelten. Ja, und jetzt auch Silkes Erscheinungswelt.

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