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My Tipsy Hat

Alkohol? Unbedingt. Und dabei gut behütet. Silke Burmester lernt das stilvolle Trinken

Diesmal: Den Geist von Mrs. Parker aus der Flasche lassen
(Foto + Montage: Brigitta Jahn)

Mein Martini Monat

Aus einem nicht näher bekannten Grund gibt es den Monat November. Keiner weiß, wieso der in die hübsche Aufzählung von Januar bis Dezember hineingerutscht ist, denn er bringt, zumindest in Deutschland nur Usseligkeiten. Es ist grau, feucht und kalt. Die Menschen, die in seinen Tagen geboren sind, tragen überwiegend das Sternzeichen „Skorpion“, womit die Zumutung des Monats hinlänglich benannt sind.
30 Tage gilt es hinter sich zu bringen. So schnell wie möglich. Normalerweise. Jetzt ist auch noch der olle Virus in Luft und Lunge und nicht einmal die übliche Dorothy-Parker-Strategie, den Monat gepflegt zu ertränken, greift. 

Dorothy Parker war eine Schriftstellerin, Kritikerin, Drehbuch- und Theaterautorin im New York einer Zeit, als eine Frau das Haus nicht ohne Hut verließ. Das Wahlrecht für Frauen war in den USA noch nicht eingeführt, als sie 1919 zusammen mit ein paar geistreichen – männlichen – Köpfen ihrer Stadt den „Round Table“ begründete. Ein Kreis, der sich mittags zum Essen im Algonquin Hotel traf. Jeden Mittag. Frau Parker immer perfekt in Schale. Vornehmlich in Schwarz. Es haben sich ihre Auftritte aus späteren Jahren in die Hirne gebrannt, etwa, wenn sie auf einer Bühne eine Auszeichnung entgegennahm und zu betrunken war, um stehen zu bleiben. Stets aber, so heißt es, fiel sie perfekt gekleidet.

All dressed up and nowhere to go

So eine Frau könnte im Kontext des unbedingten Anspruchs suchtfreier Lebensführung natürlich nur bedingt ein Vorbild sein – wäre da nicht ihre überragende geistige Brillanz, dass Vorbehalte gegenüber einem zerstörerischen Lebenswandel zur Seite geschoben gehören. Mrs. Parker hat nämlich nicht nur extrem scharfsinnig und scharfzüngig ihre Gesellschaftsbeobachtungen in Artikel und Erzählungen gegossen, nein, sie hat auch Bonmots hinterlassen, die unbedingt in die geistige Handtasche einer Frau von Welt gehören. Mein Lieblingssatz: „Noch ein Martini und ich lieg‘ unterm Gastgeber!“. Aber auch „Wenn Sie wissen wollen, was Gott von Geld hält, dann schauen Sie sich die Leute an, denen er es gegeben hat.“, mag einem langweiligen Stehrümchen im Segelclub Drive geben. Der Kern der Feststellung hingegen „Katharine Hepburn beherrscht die ganze Bandbreite der Emotionen. Von A nach B.“, lässt sich ganz wunderbar adaptieren. Und schließt jedes Gespräch über Iris Berben ab, noch bevor es anfangen konnte, zu langweilen.

Nun also der November. All dressed up and nowhere to go. Denn natürlich wäre eine Hotelbar der geeignete Ort, um im Sinne der großen Dame, dem Novembergrau den Bewusstseinsschleier überzuwerfen. Nicht mittags schon, aber vielleicht mit dem frühen Abend. Gibt es etwas Besseres, als um 17.10 Uhr den Hocker einer leeren Bar zu erklimmen, dem Mann in der gestärkten weißen Servicejacke ein „Einen Dry Martini, bitte!“ zuzuwerfen und dann Schluck für Schluck in ein neues Bewusstsein zu tröpfeln? Zu beobachten, wie er die Macadamia-Nüsse in eine kleine silberne Schale füllt, die Gläser poliert und zwischendurch jemand vom Zimmerservice einen Eimer Eiswürfel holt? Wie sich nach und nach andere in die Bar flüchten, mit dem Ausatmen der Erleichterung ihren feuchten Mantel an den Haken hängen und sich in die Ledersessel plumpsen lassen? Wie der Barceeper beim Zubereiten des Getränks für den neuen Gast die Verbindung zwischen uns stärkt? Durch einen Blick, ein kleines Gespräch oder die Frage, ob es noch ein Drink sein darf? Denn er und ich, wir kommen nicht erst mit dem Schwarm, mit denen, die jetzt aus den Büros kullern oder vor dem Theater noch einen Drink nehmen. Er und ich, wir sind die Lebensflüchtlinge. Ich auf der Seite der Flüchtenden, er, der Schleuser. Der für die Überfahrt ins gelobte Land bereithält, was andernorts ein marodes Schlauchboot ist.

Er, ich und mein Dorothy-Parker-Hütchen

Ja, es hätte so schön werden können. Er, ich, mein Dorothy-Parker-Hütchen, der Dry Martini und der November wäre Geschichte gewesen! Nun aber will der Monat anderes. Das Virus tanzt und um ihm den Garaus zu machen, sollen wir zuhause bleiben. Da bleibt nur, eine neue Fototapete auf der Wohnzimmerwand aufzuziehen, sich in Dorothy-Erinnerungs-Schale zu werfen und Barfrau Betty per Whatsapp zuzurufen: „Ich brauche Rettung! Ein Rezept für einen Special Dry Martini, bitte!“

Was der einen ihre Anlageberaterin, ist mir eine Barfrau, die mich versteht. Frau Kupsa reagiert prompt. „Viole(n)t Parker“ nennt sie den Martini, für den sie den Wodka lila einfärbt (ja, ich bin mehr so der Wodka-Typ, was Martini angeht. Für Gin gibt es andere Gelegenheiten) und die schwarzen Oliven auf einen Picker mit funkelndem Glitzer aufreiht. Der Cocchi Ameriano, den sie dem Wodka zugibt, treibt das Getränk in eine fast süffig zu nennende Richtung und bewahrt es vor zu viel Trockenheit.

Aber auch für Viole(n)t Parker gilt: zwei und dann ist Schluss. Ich möchte ja nicht wie Dorothy Parker über mich sagen müssen: „Ich bin keine Schreiberin mit einem Alkoholproblem. Ich bin eine Alkoholikerin mit einem Schreibproblem.“


So mischt die Betty

Viole(n)t Parker
5 cl Butterfly Pea Tea infused Vodka
5 cl Cocchi Americano

Auf Eis im Rührglas kaltrühren und in ein gekühtles Martiniglas geben
Drei schwarze Oliven (ohne Stein) auf einen Cocktailpicker schieben und auf den Glasrand legen


Für die Infusion: 500 ml Vodka mit 5 Esslöffel Butterfly Pea Tea ca. 30 Minuten ziehen lassen und abseihen
Funfact: In Verbindung mit Citrus ändert der Tee seine Farbe
Für diesen Martini wählt Betty Kupsa Wodka der Marke BAZIC
Ihr Tipp: Cocchi Americano lässt sich auch wunderbar auf Eis mit einer Scheibe Orange genießen!


Rotkäppchen-Designs Vor zwölf Jahren hat Ulla Anna Machalett ihr Hutgeschäft in Hamburg eröffnet und seither zieren die tollsten und die dollsten Kreationen die Schaufenster. Ihre Kund*innen kommen von weither und ordern mitunter telefonisch – so sehr vertrauen sie den Fähigkeiten der Modistin. Für „My Tipsy Hat“ stellt sie ihre Stücke zur Verfügung.
rotkaeppchen-designs.de

The Chug Club heißt die Bar von Betty Kupsa. Betty wurde mit und ohne Bar ausgezeichnet, mit Lorbeer behängt und über den grünen Klee gelobt. Für uns und die Frage, „Welcher Drink passt zum Hut?“ ist Betty ein Geschenk, denn sie hat eine irre Gabe: Sie schmeckt quasi im Kopf vor und schüttet dann zusammen, was bis dahin getrennt war. Jetzt hat sie mit „Lupita“ ihre eigene Margarita-Linie kreiert, die natürlich alsbald im Palais-F*luxx-Shop erhältlich ist.

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