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My Tipsy Glasses

Alkohol? Unbedingt. Und das gut bebrillt. Silke Burmester lernt das stilvolle Trinken

Wie es mit wenig Aufwand hoch her geht, guckt man sich am besten bei den Briten ab
Fotokunst: Brigitta Jahn



Weihnachtsfeier á la Downingstreet

Bevor das Coronavirus als Brandbeschleuniger für gesellschaftliche Um- und Zusammenbrüche am Horizont erschien, war die Betriebsweihnachtsfeier ein zuverlässiger Partner in Sachen Völkerverständigung, Speed-Dating und Ehe-Aus. Kinder werden hier gezeugt, Karrieren gemacht, andere beendet. Die betriebliche Weihnachtsfeier ist so eine Art Shakespearesches Melodrama in Feierlaune. Ach, was sag ich, sie ist eine Art Mitmachtheater im biblischen Sinne, die Aufführung des Alten Testaments in einer Abendvorstellung.

Nun ist die Feierei in großem Rahmen ja momentan nicht so angesagt und eine Betriebszugehörigkeit kann ich auch nicht vorweisen – da muss ich mal wieder selbst meine beste Gastgeberin sein*. Also, fünf 2G+-Freundinnen und Freunde besorgt und Lose verteilt. Damit es bei so wenig Leuten schnell aus dem Ruder läuft, war das Motto „Downingstreet Number 10“. Also was Britisches mit ordentlich Stock im Po und Doppelmoral. Und natürlich dem Bedürfnis, die Hemmungen mittels Alkohols möglichst rasch zu verlieren und alles mitzunehmen, was kommt. Männer, Frauen, Nagetiere.

Räudig gekleidet aber perfekte Accessoires

Das Konzept ist bestens aufgegangen und die Umsetzung ist ganz einfach. Egal, welche Rolle man als Frau in einem urbanen britischen Setting einnimmt, hiermit liegt man immer richtig: weiße Polyesterbluse mit Rüschen oder Schluppe, ein billiger, leicht zu kurzer Rock, der an den Hüften bereits peelt und hautfarbene Pumps – aber eine gute, sophisticatete und teure Brille. Denn das können die Briten ja selbst in hohen Posten perfekt: sich räudig kleiden, aber in der Wahl ihrer Accessoires großes Stil- und Qualitätsbewusstsein beweisen. Und weil ich in der Downingstreet als Chefin der Krisenkommunikation, als die ich Dank meines Loses zu agieren hatte, nicht wie Elton John 1974 rumlaufen kann, wähle ich ein strengeres, aber feminines Modell. Ich wähle die klassische Schmetterlingsform, lasse den Schmetterling aber ungewöhnlich große Flügel haben. Es ist das Modell „Louvre“, der französischen Designerin Ahlem-Manai Platt, das in der Post-Brexit-Zeit zumindest meine Weltoffenheit symbolisiert. Es hat einen goldplattierten Rahmen, was natürlich super zu Weihnachten passt und nicht so hart in meinem Gesicht steht wie der silberne. Dass ich am Ende des Abends eher aussehe, als arbeitete ich in der Bayerischen Staatskanzlei, ist eine andere Sache. Aber abgesehen von der Wahrscheinlichkeit, mit Lippenstift am Blusenkragen zu enden und der Wahl der Getränks, ist der Unterschied zwischen den beiden Adressen wohlmöglich eh ein geringer. Womit eine perfekte Überleitung zum zentralen Thema gefunden ist: der Wahl des Drinks, dem als Door-Opener eine besondere und auch verantwortungsvolle Bedeutung zukommt.

Easy to mix – auch zu fortgesetzter Stunde

Wiedermal war auf die Barfrau des Vertrauens Betty Kupsa voll Verlass. London – das bedeutet natürlich Gin und unter dem Gin-Comeback der letzten Jahre, hat auch die Schlehe wieder mehr Beachtung gefunden. Der „Sloe-Gin“ der Schlehen-Gin ist recht angesagt. Er ist geschmacklich runder als andere Gins, ganz einfach, weil er süßer und fruchtiger ist. Mitunter trinkt er sich fast wie ein Likör. Weil wir aber nicht zum Bridge verabredet waren, sondern zur Downingstreet-Corona-X-Mas-Party, wird er mit Tonicwasser aufgegossen, plus Eis und Zitrone. Jetzt sieht es aus, als käme es direkt aus der Themse, was an der blau-schwarzen Schlehenbeere liegt, aber egal! Der Drink ist frisch-herb, great süffig und nicht nur ein optimaler Einstieg, er ist – und das ist ja bei so einer Feier nicht unerheblich – so easy to mix, dass man auch bei fortlaufender Steigerung des Rauschzustandes der Herstellung fähig bleibt. Gott, ich weiß, das klingt nach schwerem Suff und Betty Ford Clinic, aber, liebe Damen, wir sind in England, da, wo die Abgründe zuhause sind und ich als Chefin der Krisenkommunikation kann Euch versichern, we have seen worse.

*als diese war ich neulich im Feinschmecker. Zum „Geheiminis des guten Gastgebens“ – und ja, ich strebe Großes an!


So mischt die Betty

Sloe Gin Tonic
5 cl Sloe Gin
Tonicwater
Eiswürfel
Zitronenscheibe

Eis ins Glas, Gin und mit Tonicwater aufgießen.
Mit Zitronenscheibe garnieren.

Betty empfiehlt den englischen Haymans Sloe Gin oder den durch seine Herkunftsbezeichnung geschützten Plymouth Sloe Gin von Hepple.
Quite british aber deutschen Ursprungs ist das Tonicwater von Schweppes – wer sich der Hipness verpflichtet fühlt, greift zur Marke Fever Tree.


The Chug Club heißt die Bar von Betty Kupsa. Betty wurde mit und ohne Bar ausgezeichnet, mit Lorbeer behängt und über den grünen Klee gelobt. Für uns und die Frage, „Welcher Drink passt zur Brille?“, ist Betty ein Geschenk, denn sie hat eine irre Gabe: Sie schmeckt quasi im Kopf vor und schüttet dann zusammen, was bis dahin getrennt war. Jetzt hat sie mit „Lupita“ ihre eigene Margarita-Linie kreiert, die natürlich alsbald im Palais-F*luxx-Shop erhältlich ist.
www.thechugclub.bar

Bellevue Dort, wo Hamburgs Innenstadt am Schicksten ist, hat Karin Stehr ihr Geschäft für exklusive Brillenmanufakturen. Eine Brille ist hier nicht das Gestell, das die notwendigen Gläser hält, sondern ein Designobjekt, über dessen Entstehung, Hintergrund und Material die Mitarbeiter*innen ALLES wissen. Vor allem aber haben sie einen Faible für Gewagtes, da sind wir gerade richtig!

Pia Norberg ist eine Maskenbildnerin für die große Bühne. Ob die Ruhrtriennale, Musikvideos oder das Maskenkonzept für große Shows wie der der Aida-Kreuzfahrtschiffe – von der Stirnlocke bis zum Ziegenbart, vom Lidstrich bis zum blauen Auge kreiert Pia Erscheinungswelten. Ja, und jetzt auch Silkes Erscheinungswelt.

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