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Lesen oder Lassen?

Buchempfehlung

Bildmontage: SImone Glöckler

Olga Tokarczuk »Gesang der Fledermäuse«

Worum geht es?

Um eine Frau, die als schrullig belächelt wird, tatsächlich aber sehr scharfsinnig ist – wenn auch mit einem recht eigenen Blick auf das Leben ihrer Mitmenschen rundum. Die Heldin lebt alleine auf einem Hochplateau im polnisch-tschechischen Grenzgebiet, wo die Männer zu ihrer großen Verachtung jagen gehen und plötzlich reihenweise tot im Schnee oder Brunnen liegen. Sie vermutet Rache der Tiere, was ihre Anerkennung seitens der Dorfgemeinschaft und der Polizei nicht gerade steigert. Je länger die Leserin ihr Leben mitverfolgt, desto mehr fragt sie sich allerdings, wer hier eigentlich genau seltsam ist – die alterslos-ältliche Frau oder die Dorfgemeinschaft, von der sie wegen ihrer ausgeprägten Liebe zu Tieren belächelt wird. Und dann, ganz zum Schluss, ist plötzlich alles ganz anders als über 300 Seiten gedacht.

Was kann das Buch?

Bilder im Kopf hervorrufen, die eine kauzig-sympathische Frau zeigen, die abends am Küchentisch die Sterne liest, die die Spuren der Tiere verfolgt und sich immer mehr davon freischwimmt, ernst genommen werden zu wollen. Dann macht sie eben ihr eigenes Ding. Und noch etwas kann das Buch: innerlich entschleunigen. Man braucht ein bisschen, sich darauf einzulassen, weil das ruhige Tempo des Buches ungefähr dem Lebensrhythmus auf dem Hochplateau entspricht und doch etwas unter dem eigenen liegt. Aber dann ist es wie ein Urlaub auf dem heimischen Sofa, in dem eben alles etwas langsamer ist.

Warum sollte mich das interessieren?

Weil es in einer wunderbaren Sprache geschrieben ist, die ebenso poetisch wie lustig ist.  Und weil wir in dem Buch eine Frau kennenlernen, die sich nur wenig um die Meinung anderer schert und gerade durch ihre Eigenwilligkeit große Stärke ausstrahlt. Eine Feministin in unerwartbarem Gewand. Und dann hat das Buch auch noch ein wirklich schönes Cover.

Warum ist die Autorin interessant?

Olga Tokarczuk hat 2019 wie aus dem Nichts den Literaturnobelpreis erhalten. Sie galt als Kandidatin, die gewählt wurde, weil an ihr kaum jemand Anstoß nehmen würde. Sie wurde nämlich rückwirkend für das Jahr 2018 ausgezeichnet, in dem wegen des „MeToo“-Skandals an der schwedischen Akademie kein Literaturnobelpreis verliehen worden war. Und dann bekam sie den auch noch neben dem skandalträchtigen Peter Handke. Doch was als Friedensangebot daherkam, hat dazu geführt, dass diese wirklich tolle Autorin endlich auch in Deutschland gebührend wahrgenommen wird.

Kostprobe:

„Nein, es ist nichts. Ich warte auf meinen … Mann“. Auf ihren Mann? Hier? Ich verstand die Szenerie überhaupt nicht, in die ich unfreiwillig  hineingeraten war. Argwöhnisch sah ich mich um, und da erblickte ich diesen ihren Mann. Er kam aus dem Gebüsch und sah ziemlich komisch aus, sonderbar. Gekleidet war er in so etwas wie eine Uniform, ein grünbrauner Tarnanzug (…) In der Hand hielt er eine Flinte und ein Fernglas, und er sah aus, als hätte er sich für den Krieg der Sterne bewaffnet. „Heilige Mutter Gottes“ flüsterte ich unwillkürlich. Einen Moment konnte ich keinen menschlichen Ton von mir geben, ich starrte diesen Spinner an, staunend und erschrocken, bis die Frau ihre Kippe auf den Weg schnippte und ziemlich ironisch bemerkte: „Da ist er ja.“

Olga Tokarczuk, »Gesang der Fledermäuse«, übersetzt von Doreen Daume, Kampa Verlag Taschenbücher, 306 Seiten, 13

Rezension: Elke Spanner

An dieser Stelle erweitern wir unsere Bibliothek um zeitlos gute Bücher, die Jahre nach Erscheinen ein „Ach ja, das wollte ich auch noch lesen!“ hervorrufen.

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