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Lesen oder Lassen?

Buchvorstellung

Margarita Liberaki »Drei Sommer«
Montage: Brigitta Jahn



Worum geht es?

Erzählt wird die Geschichte dreier heranwachsender Schwestern in Griechenland in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.
Die Erzählperspektive ist größtenteils die der jüngsten Schwester Katerina. Sie steckt zu Beginn des Buches inmitten ihrer Pubertät und blickt noch mit kindlichem Staunen und Unverständnis auf das Tun der älteren Schwestern, bei denen sich vieles um Jungs und Liebe dreht und um das stets mitsurrende Dunkel dessen, was es mit Männern und Frauen als Paare auf sich hat. Es geht um die mütterliche Linie der Herkunft, die Suche nach Verbindung, die Befürchtung von zu viel Verbindung und die Lösung von der Mutter, die – anders als heute – hier vor allem ein innerer Prozess ist, in dem, als äußerster Ausdruck der Aggression, der Mutter ein geheimes Doppelleben unterstellt wird.
Wie der Titel nahelegt, werden die Beobachtungen an drei Sommern entlang erzählt, in denen die jungen Frauen immer mehr ins Erwachsenenleben und die daran hängende Verantwortung hineingleiten.

Erstaunlicherweise passiert in diesem Buch nicht viel. Könnte man wie bei den großen lateinamerikanischen Familien-Erzählern große, lebensentscheidende Einbrüche und Geschehnisse erwarten, sind die Heirat der ältesten Schwester und ein großer Waldbrand bereits alles. Was aber alles andere als langweilig ist.

Was kann es?

Es kann, was ein Buch im besten Fall kann: an die Hand nehmen, an einen anderen Ort führen und diesen erlebbar und spürbar machen. Die Verwurzelung der Erzählerin in ihre Heimat ist für ihr Leben so entscheidend und so mit Liebe verbunden, dass die Beschreibungen der Landschaften, der Bäume und Sträucher, der Berge und Wälder nicht nur dazu dienen, die Szenerie zu verdeutlichen, sondern das Wesen der Protagonist*innen zu erklären. Wir verstehen sehr schnell, dass das beschriebene Leben der Menschen auf der Insel gar nicht anders sein kann, als es hier gezeichnet wird. Bestimmt und geleitet von der Hitze und den Düften, dem Wind, der über das Land weht, den Aprikosenbäumen, die sich unter dem Gewicht der Früchte biegen.

Was hat das mit mir zu tun?

Erst einmal sehr wenig. Zumal die Charaktere auch aufgrund einer deutlich strengeren Erziehung wenig Identitätsmöglichkeit bieten. Aber ich bin in dieses Buch hineingefallen. Wie selten war ich „woanders“ und es war einfach nur schön. Es war ein absoluter Genuss, im Sommer auf einer griechischen Insel sein zu können, am frühen Morgen, wenn alle noch schlafen und das Gras noch feucht ist, die Vögel zwitschern zu hören und mittags beim Gang durch den Ort vom Duft des Thymians angeweht zu werden. Die Hitze zu spüren, in der man nur noch flach herumliegen kann und zu fühlen, wie das trockene Gras an der Wade kratzt und kitzelt, wenn man sich mit einem Jungen im vermeintlich nicht einsehbaren Garten trifft.

Ich habe mich gefragt, ob es jetzt soweit ist. Ob ich jetzt in dem Alter bin, in dem man sich an Landschaftsbeschreibungen ergötzt und mit ihnen glücklich ist, statt von Literatur die Lust am Aufbruch vermittelt zu bekommen. Natürlich könnte das sein. Viel entscheidender aber scheint mir die Erklärung des Ausgehungert-seins nach einem Jahr Corona. Nach dieser Beschränkung auf die Wohnung und ein in der Regel kleines Umfeld.
Dieses Buch ist der Ausbruch daraus. Es ist die Reise, die derzeit nicht angesagt ist. Es ist das andere Erleben. Das Erleben von Sommer und Wärme, Ruhe und den Abläufen der Natur, die man als rhythmusgebend wahrnimmt, anstatt sich gegen sie zu stellen.
Aber auch von einer Welt und Zeit, in der die Menschen weniger getrieben sind. In der sie Ruhe im Sein finden, anstatt die ganze Zeit im außen ihre Zufriedenheit zu suchen.

Warum sollte mich das interessieren?

Das Buch ist 1945 in Griechenland erschienen und galt damals als Aufbruch in die moderne Literatur. Heute ist es ein Klassiker. Es wurde jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt.
Vor diesem Hintergrund taucht die Frage auf, wie früher in Griechenland geschrieben wurde und ich stelle fest, ich habe keine Ahnung. Und denke mir: Das wird vielen so gehen. Wir kennen französische und britische Literat*innen, US-amerikanische, dänische, spanische und italienische Autor*innen aus der Zeit vor 1945, aber wer kennt denn schon griechische? Und die Rede ist jetzt nicht von Homer & Co.

Kostprobe 

„Obwohl ich dem Teufel ins Auge geblickt hatte, fühlte ich keine Angst mehr. Ich ging sogar so weit, mein Nachthemd über die Schulter nach unten zu ziehen, um die Kontur meines Halses zu erkennen, die ich so sehr mochte und die genauso aussah wie bei der polnischen Großmama. Ich lächelte. Mich überkam der Wunsch, vor dem Spiegel zu tanzen, und ich gab ihm nach. Das Nachthemd rutschte mir von den Schultern, glitt zu Boden, beim Tanzen trat ich darauf und hob es mit dem Fuß hoch. Fast hätte ich es aus purem Übermut aus dem Fenster geschleudert.“

„Drei Sommer“ Margarita Liberaki, aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger, 388 Seiten, Arche Verlag, 24€


Rezension: Silke Burmester

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