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Lesen oder lassen?

Buchvorstellung

Ein Buch über eine ideenreiche alte Frau, wunderlich und eigenartig, wohlmöglich verrückt. Wie man eben so ist, nach sieben Jahrzehnten Leben

Ottessa Moshfegh, „Der Tod in ihren Händen“

Worum geht es?
Die 72-jährige Ich-Erzählerin Vesta findet bei einem Spaziergang einen Brief. „Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Aber es gibt nur den Brief, keine Leiche, keinen Täter, keine Spuren. Die alleinlebende Witwe spinnt sich eine Geschichte zu diesem Brief zurecht. Aus der unbekannten Toten wird Magda, den Mörder nennt sie Blake und erfindet für beide eine Lebens- und Leidensgeschichte. Auf verschiedenen Wegen versucht Vesta herauszufinden, wer Magda war, wie sie gelebt hat und warum sie sterben musste. Dabei ist Vesta auf sich allein gestellt, denn außer ihrem Hund hat sie in ihrer einsam gelegenen Hütte am See kaum jemanden, mit dem sie reden kann.

Was kann das Buch?
Was wie ein Krimi beginnt, wird zu einer Geschichte über das Geschichtenerfinden, über Einsamkeit im Alter und über späte Einsichten. Begegnet man Vesta anfangs noch mit großer Neugier, bewundert sie für ihre Fantasie und ihren Ideenreichtum, gelangt man mal an einen Punkt, an dem man sich über die alte Frau wundert, mal an einen, an dem sie einem leid tut, dann an einen, an dem sie einem ziemlich verrückt vorkommt. Ottessa Moshfegh hat eine wunderbare Figur kreiert, der man mit Neugierde und Spannung folgt.

Warum sollte mich das interessieren?
Ottessa Moshfegh, kroatisch-persischer Abstammung und 1981 in Boston geboren, lebt in Los Angeles und hat in ihrer Heimat inzwischen eine große Fangemeinde. In Deutschland ist die Autorin noch weitgehend unbekannt. Sie hat viele Kurzgeschichten veröffentlicht, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden. Ihr erster Roman McGlue erschien 2014 (2016 auf deutsch), Eileen ein Jahr später. Auch in diesen Büchern gibt es sehr spezielle Titelfiguren.
Der Tod in ihren Händen ist ihr erster Roman bei Hanser Berlin.

Kostprobe 
„Im tiefsten Innern sind alle Männer Jäger. Waren sie nicht alle Mörder? Das lag ihnen im Blut. Und trotzdem konnten sie so freundlich wirken. Bei Männern konnte man nicht vom Aussehen auf ihr wahres Wesen schließen. Wenn ich irgendwas von Agatha Christie gelernt hatte, dann, dass der Schuldige oft direkt vor der eigenen Nase zu suchen ist. Der Killer könnte hier in der Stadtbücherei arbeiten, irgendwo in einem Hinterzimmer, und unsichtbare Regale einräumen. Hoffen wir nur, dass er nicht gerade dabei ist, die Bibliothekarin zu erwürgen, dachte ich. Dann wäre dieser Fall zu schnell aufgeklärt.“

Ottessa Moshfegh, „Der Tod in ihren Händen, Übersetzung: Anke Caroline Burger, Hanser Berlin, 265 Seiten, 22€

Rezension: Anja Goerz

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