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In der Schwebe

Auf der einen Seite der Vater, der meint, alles besser zu wissen – auf der anderen der Sohn, der es tut. Sylvia Heinlein sucht ihre Position.

Am Parkteich im November - nach Bearbeitung durch Brigitta Jahn,

November-Spaziergang

Vor dem Sonntagstee machen mein Vater und ich jedes Mal einen Gang durch die Kleingärten um seine Reihenhaussiedlung herum. Manchmal schlage ich vor, woanders zu spazieren. „Wir könnten in den Stadtpark“, sage ich zum Beispiel. „Park? Was soll ich im Park?“, fragt mein Vater. „Ich hab‘ genug Grün und Bäume hier.“ „Ich weiß“, antworte ich, „ich dachte nur, damit Du eine Abwechslung hast. Und weil es schön dort ist.“ Da lacht mein Vater, Stadtpark, hahaha! Er kenne den Stadtpark, da sei er quasi täglich marschiert, jede Mittagspause, damals vor 30 Jahren, als er dort um die Ecke bei den Elektrizitätswerken gearbeitet hat. „Naja, wir könnten gucken, was sich seitdem verändert hat“, sage ich. „Pah!“, macht mein Vater, „lächerlich.“ Dann gehen wir den gleichen Weg wie immer und die Gespräche laufen nach dem gewohnten Muster ab. Manchmal erzähle ich über etwas, an dem ich gerade arbeite, dann erklärt mein Vater mir, dass ich noch sehen würde, wo das hinführen würde mit meiner Rente und dass ich einen ordentlichen Beruf hätte ergreifen sollen. Als Nächstes sage ich, dass er ja gerne Zeitung lesen würde und es Journalisten sind, Leute wie ich, die da schreiben würden. Mein Vater antwortet, dass das ja wohl etwas ganz Anderes sei und danach erzählt er, wie die Blumen auf dem Grab meiner Mutter stehen.  

Friedhofsbesuch und Friedhofsgemurre

Im November gehen wir gemeinsam auf den Friedhof. Ich knie vor dem Stein auf dem Boden, zerpflücke Tannenzweige und decke sorgfältig die Erde mit ihnen ab. Mein Vater steht dicht hinter mir und gibt Anweisungen, weil er fürchtet, dass ich es sonst nicht richtig mache. Ich möchte nicht vor meiner Mutter streiten, also murre ich still in mich hinein. Wenn ich doch einmal lauter werde, wendet mein Vater sich an den Grabstein. „Sag Deiner Tochter, dass sie sehr unartig ist!“, ruft er ihm zu. Meine Mutter antwortet natürlich nicht, sie hält zu mir, mein Vater weiß das auch. 

Es ist grundsätzlich blöd, wenn mein Vater auf dem Friedhof dabei ist, weil ich dann nicht laut mit den Frauen der Familie sprechen kann. Im Grab nebenan liegen meine Urgroßmutter, meine Oma und meine Tante, ich unterhalte mich gerne mit ihnen. Die Männer der Familie liegen auch da, aber sie hören nicht zu. Sie sitzen im Wohnzimmer, wie auf den Familienfesten früher, und wir Frauen stehen in der Küche. Manchmal frage ich sie, wie alles weitergehen soll, jetzt, wo ich die Erwachsene bin und sie alle nicht mehr da sind und mein Vater mir auf die Nerven geht. „Einfach ist es nicht“, sagen sie dann, „aber Du schaffst das.“ Ich hätte gerne konkretere Ratschläge, aber man will auch seine Ruhe haben, wenn man tot ist, ich respektiere das. 

Eine Krone fürs Lebenswerk bitte!

Nach einer Friedhofstunde mit meinem Vater schaffe ich es zuhause noch den Müll rauszubringen. Zwei richtige Dinge habe ich also an diesem Tag erledigt, immerhin. Mein Sohn macht etwa 20 Dinge pro Tag, er kommt immer von irgendwo her und muss danach noch irgendwohin und wirkt nie gehetzt dabei. Wenn er mich besucht, hilft er zwischendurch noch im Garten oder verschiebt das Haus um drei Zentimeter nach rechts, wenn mir danach ist. Abends zieht er mit zwei Freunden in den Stadtpark, sie haben sieben Thomas Gottschalk-Autogrammkarten aus den 80er-Jahren dabei und eine aufblasbare Krone. Die Karten werden versteckt, wer sie am schnellsten findet, ist König. Etwas Anderes wünscht mein Vater sich eigentlich auch nicht: eine Krone dafür, dass er die Aufgaben des Lebens einwandfrei erledigt hat.



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