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Ein Mann namens Martin | 4

Vor ein paar Jahren hatte der Großschriftsteller Martin Walser sein Reisetagebuch im Zug liegen lassen. Silke Burmester hatte es in Gedanken gefunden. Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Weltbetrachtungskonglomerat des schusseligen Literaten.

Vielen Dank für die Reisen, Herr Walser, es hat mir große Freude gemacht. Ich hoffe, Ihnen auch.
Ihre Silke Burmester



Oktober Frankfurt, Hotelzimmer
Ach, diese Messen! Welch Teufelswerk! All dies Geschnatter um die angebliche Literatur und die hohe Kunst! Welch hohe Kunst, will man wissen, wo doch alle nur noch Kochbücher machen und man gar nicht mehr erkannt wird! „Heuchler!“, möchte ich ihnen zurufen. Königsmörder! Doch in dem Krach hört einen ja keiner. Denke mit Wonne an die Zeiten, als einem wie mir eine Hostess an die Seite gestellt wurde. Oder zwei. Da musste man nur das Lid heben, und sie wussten ein Wasser zu bringen oder Luft zu fächeln. Oder … Nein, die Zeiten sind andere, und es sind keine guten.
Wenigstens ist das Hotel anständig, wenn ich auch ausdrücklich um stilles Wasser gebeten habe und erneut eine Flasche „Medium“ auf dem Tische steht. Heute Abend Essen mit Marlene Streeruwitz. Ausgerechnet! Dem Schreck die Schraube. Muss zuvor noch etwas ruhen. Wieder der Magen …


November, Chicago, Hancock Building, 95. Stock
Die Sonne blinzt für einen Moment in das Fenster hinein, Café überfüllt. Man spricht amerikanisch. Hatte Blueberry-Muffin und ein Café Caramel, unsägliches Zeug. Verklebt den Magen. Kein Wunder, dass die in diesem Land immer auf die größten Bluffer reinfallen, bei der Ernährung! Kein Vitamin, nirgends!
Aber der Ausblick! Welch Wonne für die Sinne, trotz der Perlenschnüre Regens. Blick auf ein müde dämmerndes Tier. Der Nebel drückt die Dächer schwer. Und dieses Colorit! All Shades of Grey: Taubengrau, Stadtgrau, Silbergrau, Mausgrau, Mauergrau, Todgrau, Seelengrau, Wie-mein-Haar-Grau, Graugrau, Hundstagegrau.
Sollte Novelle schreiben: „Chicago Grey“. Könnte von Mann handeln, in der letzten Periode seines Lebens, der in der vor ihm liegenden Stadt sein Leben erkennt. Jedes erleuchtete Fenster eine Episode. Oder eine Frau. Aber der Magen. Muss mich dringend niederlegen. Hoffe, die Fahrt mit dem Aufzug tut nicht das Ihrige.


Chicago, Peninsula Hotel
Morgen Abfahrt. Gestern im Charlie Trotter’s mit Lolek und Bolek und meinem Verleger zu Abend gegessen. Hatte mir die Namen notiert, kann aber Zettel nicht mehr finden. Was nichts macht, waren eh nur die üblichen Literatur-Blasierten. Wenigstens stimmen sie mit mir überein, dass Paul Auster maßlos überschätzt ist.
Am Nachmittag im Aquarium gewesen. Die Haie kreisten grimmig wie unterbezahlte Personenschützer im Becken. Habe mir auf dem Rückweg ins Hotel einen Jumper gekauft. Einen für die Übergangszeit. Dunkles Rot, Strick mit Rauten. „Übergangszeit“ wieder so ein schönes Wort.
Könnte ein guter Titel sein. Die Geschichte könnte von einem Mann handeln, dem in der letzten Lebensphase ein alter, roter Pulli in die Hände fällt, mit einem losen Faden. Er zieht daran und während sich Masche für Masche löst, leuchten die Episoden seines Lebens in seiner Erinnerung auf. Oder die Frauen. Der „rote Faden“ der Erinnerung!


Zu Hause, November
Mein Magen ziept und zerrt. Das Reisen setzt mir mehr und mehr zu. Einen jeden Kilometer büße ich mit einer Minute Magenkrampf. Hilde hat mir Kirschkernkissen gebracht. Aber was soll der Kern, wenn die Kirsche faul? Der Arzt sagt, ich solle ein paar Tage ruhen. Lange Spaziergänge, genügend Schlaf und kein Zucker. Und vor allem: keine Termine. Seine Empfehlung kommt mir insofern zupass, als dass mich sowieso alle vergessen zu haben scheinen. Sollte vielleicht mal wieder was zum Antisemitismus sagen.


Essen, Dezember
Habe die Stadt nur vom Taxi aus gesehen. Häuserklötze Cornflakes-Packungen gleich. Betonkartons für Menschen ohne Wohnwertanspruch. Ich liege im Hotel darnieder. Leide unter ergreifendem Husten. Keuchen rüttelt mich, Röcheln schüttelt mich. Die Bronchien schmerzen bei jedem Atemzug.
Jedes Luftholen wird von einem unheilvollen Scheppern begleitet. Es klingt, als musiziere ein Dilettant auf einem Waschbrett. War vor der Abreise erneut beim Doktor. Er setzt auf Zeit und Eukalyptussalbe. Entgegen meiner Empfehlung spricht er sich gegen ein Antibiotikum aus.


Essen, Fußgängerzone
Man hastet. Die Zeit der Besinnung bleibt ohne Sinn und zunehmend ohne Gesinnung. Wer, so frage ich, denkt in diesen Stunden an Gott? Oder an Jesus? Das Weihnachtsfest wird zum Rosenmontagszug der Ungläubigen. Sie verkleiden sich als Knecht Ruprecht und hängen ihren Kindern Engelsflügel an den Rücken.
Und sind besoffen von der Idee eines Festes im Namen des Herren. Eines Herrn, den sie nur loben und preisen, wenn er ihnen am 24. Dezember den Freibrief zur Völlerei ausstellt und ihre Habgier unter dem Mantel des Schenkens versteckt.
Habe mir vorhin eine Tüte gebrannte Mandeln gegönnt. Nun wieder: die Galle.

Zug nach Friedrichshafen
Muss meine Uhr im Hotelzimmer liegen gelassen haben. Habe schon angerufen, aber bislang ist nichts abgegeben worden. Sie wollen sich dann melden. Bin nicht ohne Hoffnung.


Nußdorf
Werden die Weihnachtstage zu Hause verbringen. Die Kinder kommen. Hoffe, Johanna bringt nicht wieder eine Freundin mit, die sich gerade getrennt hat. Nicht Krankenschwester, sondern Herzensschwester ist sie. Hat schon als Kind ihre Puppen in einen Gesprächskreis gesetzt. Rund um die Feiertage Leute aufzulesen, die meinen, kurz vor Weihnachten, eine Kerbe in ihr Leben schlagen zu müssen und es dann nicht bewältigen können, sind ihre Spezialität.
Letztes Jahr war es eine Schmuckdesignerin, das Jahr zuvor eine Bekannte aus Berlin, die gemeint hatte, sich die Pulsadern öffnen zu müssen, in der Hoffnung, dass dann der Geliebte Weihnachten bei ihr statt bei seiner Frau sei. Als Romanidee zu schnöde. Aber vielleicht gut, wenn er am Ende weder bei der einen noch bei der anderen ist, sondern bei einer Dritten. Vielleicht aber auch schlicht zu banal.

München
„Hedda Gabler“. Residenztheater. Geweint.

–ENDE–


Die Texte sind zuvor in der taz veröffentlicht worden. Die Langfassung findet Ihr hier

Bildmontage: Simone Glöckler

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