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Endlich Weitsicht!

Was bis eben noch passend war, greift nicht mehr. Der Körper fordert einen neuen Umgang und die Gesellschaft verändert ihren uns gegenüber. Wir müssen uns neu orientieren. Und kommen zu großen Erkenntnissen

Wenn man am liebsten nackt wäre, weil man gar nicht so schnell die Kleidung wechseln kann, wie sie wieder nass geschwitzt ist

Der große Sch(w)eiß

von Dorothea Heintze

Ich schwitze. Nachts. Vorzugsweise dann, wenn ich gerade wieder eingeschlafen bin, also eigentlich irgendwie fast immer. Mindestens zwei-, manchmal auch drei- oder viermal pro Nacht werde ich wach von der Hitze und Nässe. Mal wandert der Schweiß von den Fußspitzen nach oben, mal von den Haarspitzen nach unten. Wenn es nicht mehr zum Aushalten ist, schmeiße ich die Bettdecke weg, reiße das Fenster auf. Statt in meinen schönen Pyjamas schlafe ich im Bademantel oder nackt auf großen Handtüchern; dann wieder in ollen T-Shirts, da tut es mir nicht so leid, wenn die klatschnass durchgeschwitzt am nächsten Morgen gleich in die Waschmaschine wandern. Fast nahtlos nach dem Schwitzen folgt oft genug eine Bibber-Attacke, fast so was wie Schüttelfrost. Dann heißt es: wieder hoch, Fenster wieder zu; und wo verflixt ist meine Bettdecke? Spätestens jetzt wird der Gatte wach. Wenn das dann zum zweiten Mal passiert, verzieh ich mich ins Gästezimmer.

Kaum, dass mein Mann mal näher heranrückt, wird mir heiß

Sex? Jahrzehntelang (wirklich Jahrzehnte, wir sind schon sehr lange ein Paar!) sind wir in Löffelchenstellung eingeschlummert – das war oft der Einstieg für mehr. Ein schönes Mehr. Jetzt wird mir sofort heiß, kaum dass wir mal etwas näher zusammenrücken. Dann wird es glitschig. Tatsächlich fast überall außen an meinem Körper, nur nicht mehr innen; also da, wo es für diese Fälle wirklich sinnvoll wäre …
Wer zum Teufel denkt sich so was aus?

Nichts, das ich nicht ausprobiere

Bis Mitte 40 habe ich fast nie geschwitzt. Nicht beim Sport, sogar nicht einmal in der Sauna. Ich wurde immer nur krebsrot, kein Schweißtropfen, nirgends! Erst Mitte 40 ging es los mit dem Schwitzen. Hauptsächlich nachts, nicht so richtig schlimm, aber ein bisschen nervig und ganz neu für mich.
„Wechseljahre“, sagte meine Hausärztin und verschrieb Kügelchen, chinesischen Tee, Akupunktur, Hormon-Yoga, grünen Tee, viel Sport, Salbei, weniger Stress, Schüssler-Salze, Johanniskraut, Gelassenheit und noch einiges mehr. Freundinnen schickten mir Links und Infos. Ich probierte alles aus. Nix nützte was und so groovte ich mich ein; schwitzte nachts so ab und zu vor mich hin, und lebte ansonsten ganz zufrieden mit diesem eher kleinen Zipperlein.
2014, mittlerweile 54 Jahre alt, war ich für ein Sabbatical ehrenamtlich für Brot für die Welt in Indien unterwegs. Pünktlich vorher stoppten die Regelblutungen. Perfektes Timing für eine zweimonatige Recherchereise unter manchmal echt harten Bedingungen. Schwitzen bei 42 Grad in Delhi war irgendwie auch total normal. Ich erlebte (arbeitstechnisch gesehen bitteschön) die erfüllendste Zeit meines Lebens.  

Ich nahm Hormone – und war richtig verliebt in das Zeug

Wieder zu Hause, im Hamburger Sommer bei norddeutschen normalen 17 Grad Durchschnittstemperatur, wurde ich fast wahnsinnig von den Hitzewallungen. Jetzt kamen sie und der Schweiß, in Strömen, auch tagsüber. Parallel dazu hatte ich unfassbaren Stress: mit meiner dementen Mutter; ein paar weiteren irren Verwandten; meiner ehrenamtlichen Vereinsarbeit und einem wöchentlichen Pendeljob zwischen Hamburg und Frankfurt. Es reichte. Selbst meine homöopathische Hausärztin riet zu Hormonen. Die nahm ich dann auch. Jeden Abend ein kleiner Strang Östrogencreme auf den Oberarm, weiße Kugel-Gestagen-Pille in den Schlund. Und zack: Von einem Tag auf den anderen ging es mir super. Nix mehr Schwitzen, nix mehr rot werden. Ich war richtig verliebt in das Zeug. Fast alle meine Freundinnen allerdings reagierten empört: „Hormone? Du??? Du spinnst ja!“
Wacker hielt ich dagegen. Schließlich hatte ich ja schon vor Indien alles Mögliche probiert. Und anders als viele meiner entsetzten Freundinnen hatte ich die Pille nie genommen, sondern immer schön brav mit Diaphragma und Kondom verhütet. Also bitteschön. Und ich versprach mir selbst: maximal zwei Jahre. Dann würde die schwer demente Mutter bestimmt nicht mehr leben, der Maximalstress wäre nicht mehr da.

Doch die Mutter wollte nicht sterben. Und so Mitte 2017 fing ich wieder leicht an zu schwitzen, trotz der Hormone. Das fand ich jetzt richtig ätzend. Der irre Familienstress, der Pendeljob nach Frankfurt, und dann irgendwann auch nach Erfurt in die Zweitwohnung, weil der Gatte dort einen Superjob bekommen hatte … Schon das Nachdenken über „Hormone: ja oder nein?“ machte mich fertig. Ich ließ meinen Hormonspiegel testen. „Altersgemäß“, sagte die verständnisvolle Ärztin und zuckte ein bisschen mit den Schultern. Kann man halt nischt machen … Und nun? Dosis steigern, einfach immer nehmen? Nee! Von einem Tag auf den anderen setzte ich die Dinger ab. Unsere Liebesgeschichte war vorbei. Na dann schwitzt du eben, dachte ich mir. Es gibt Schlimmeres.

Ich schwitze wieder. Und mein Mann auch

Die Mutter starb – ich schwitzte weiter. Der Job in Erfurt endete, wir gaben die Zweitwohnung auf: Ich schwitzte weiter. Ich kündigte meine Festanstellung bei meinem Arbeitgeber in Frankfurt, um den Pendelstress zu reduzieren: Ich schwitzte weiter. Ich machte noch mehr Sport als sonst, aß gesünder, hörte auf, Alkohol zu trinken – und schwitzte weiter. Corona kam, ich blieb ganz zu Hause, lebte eher sehr ruhig, und schwitzte mehr als je zuvor!
Status quo: Ich schwitze, s. o.. Wie lange noch? Keine Ahnung. Meine mich liebende Großtante erzählt mir jedes Mal, wenn sie mich sieht: „Ach weißt du, das hört nie auf. Ich bin jetzt 87 und schwitze immer noch.“
Ach ja – das auch noch: Seit ein paar Wochen weckt mich der Gatte nachts: Er sei total durchgeschwitzt. Na bravo – schwitzen als familiäre Lernentwicklung!


Und nun, Weitsicht für die Ohren!

Songs der Erkenntnis, Einsicht und Erleuchtung. Zusammengestellt von Michaela Gerganoff

Kolumnen-Leuchten
Strahlende Meinungsbeiträge zu Alltag, Alkohol und (Selbst-) Beziehungen.

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