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In der Schwebe

Auf der einen Seite der Vater, der meint, alles besser zu wissen – auf der anderen der Sohn, der es tut. Sylvia Heinlein sucht ihre Position.

Jeden Sonntagnachmittag treffen mein Vater und ich uns zum Tee und zanken. Er macht sich warm, indem er ein wenig lamentiert. „Ich gehe spazieren und stelle fest, dass mich jeder überholt“, sagt er. „Das ist doch Scheiße.“ Ich widerspreche nicht, wie sollte ich. Wenn ich das Thema wechsle und eine beliebige Meinung äußere, protestiert mein Vater, weil er es besser weiß. Ich bin erst 57. „Das ist nun mal die lebenslange Erfahrung, daraus resultiert eine größere Übersicht und ein besseres Urteilsvermögen“, erklärt er sachlich. „Wenn wir Alten körperlich fitter wären, bräuchten wir das dumme junge Volk nicht. Das könnten wir dann als Assistenten nehmen.“ Das ist grundsätzlich kein ganz unkluger Gedanke, tatsächlich sind die Jungen oftmals ein bisschen hinterher, das stelle ich immer häufiger fest. Eine junge Kollegin schrieb einen Text: „Wie mein Vater eine Senioren-WG gründete.“ Ihre Beobachtungen sind geprägt von liebevoller Nachsicht gegenüber den komischen Alten, die noch so viel Lebendigkeit in sich tragen, niedlicherweise Jonny Cash hören und „nach wie vor eine Schwäche für Frauen haben“. Huijuijui, man möchte sich nicht vorstellen, dass da auch noch gevögelt wird. Der Vater und seine Mitbewohner sind 56, 60 und 63. Da möchte ich mal energisch an den Kopf des Fräuleins klopfen. Hallo? Jemand zuhause? 

Mein Vater will ernst genommen werden in seiner Traurigkeit

Ab der dritten Tasse Tee wird mein Vater politisch, es wird Zeit für seine Geschichten. Es ist ihm wichtig, dass sie nachprüfbar sind, er hat sie selbst erlebt oder gründlich recherchiert. Er ist 1934 geboren und hat immer nur SPD gewählt, versehentlich auch mal FDP, aber davon handeln die Geschichten nicht, sie spielen im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit unmittelbar danach. Es sind Geschichten von den zivilen Opfern des Hamburger Feuersturms, von Massenvergewaltigungen durch die Besatzer und von der Vertreibung der Sudetendeutschen. „Aber das kannst Du doch nicht aufrechnen gegen unsere Schuld“, sage ich, wie jedes Mal. Er ist sanftmütig an diesem Tag und ich höre ihm anders zu. „Ich will nur, dass ausführlich über all das berichtet wird. Dann müssten wir uns nicht mehr so aufregen und könnten ruhiger schlafen, wir Alten“, sagt er, und ich verstehe zum ersten Mal, was hinter seinem ganzen alten Zorn steckt. Er will ernst genommen werden in seiner Traurigkeit. Das ist jetzt meine Aufgabe, mit dem Älterwerden – meinen Vater ernst zu nehmen.
Wir trinken dann noch einige Tassen Tee und unterhalten uns über Krankheiten. Ich habe mehr als er, es ist das einzige Gebiet, auf dem er meine Überlegenheit akzeptiert.

Er meint, eine Zipline sei nur für Kinder

Die meisten meiner gleichaltrigen Freunde haben ähnliche Väter. Die Jungs unter meinen Freunden haben Angst, auch so zu werden, wenn sie alt sind. Mit einem Schulfreund zog ich vor Corona regelmäßig über den Hamburger Kiez, nur damit er diese Furcht wegtrinken kann. Wir gingen immer erst ins La Paloma und dann ins Lehmitz, das ist natürlich einfallslos, aber wir mussten dort nicht befürchten, vom Barkeeper gesiezt zu werden. In beiden Läden ist es extrem laut und voll, man kann sich nicht unterhalten und ganz aufs Trinken konzentrieren.
Mein Sohn hat keinerlei solche Probleme. Er ist 25 und nachts tollt er mit seinen Freunden auf Spielplätzen im Park umher. Wenn ich vor dem Tee mit meinem Vater spazieren gehe, kommen wir auch an einem Spielplatz vorbei. Ich fahre dann jedes Mal mit der Zipline, das ist eine prima Seilrutsche. Mein Vater schnauft missbilligend, das Gerät sei nur für Kinder bestimmt, sagt er. Mein Sohn sagt, dass das nicht stimmt. Ich glaube ihm, mein Vater hat sich einfach schon zu oft geirrt. 

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