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Endlich Weitsicht!

Was bis eben noch passend war, greift nicht mehr. Der Körper fordert einen neuen Umgang und die Gesellschaft verändert ihren uns gegenüber. Wir müssen uns neu orientieren. Und kommen zu großen Erkenntnissen

Manches Thema erledigt sich von allein. Leider nicht, ohne woanders wieder aufzutauchen

Go With the Flow oder Alles ist in Bewegung, sogar der Haarwuchs

von Bettina Buschow

Die Erkenntnis traf mich eines Tages völlig unvermittelt unter der Dusche: Es ist nichts mehr wie es war. Altbekannte Gewissheiten lösen sich auf. Du wirst neue Wege gehen. Meine Achselhaare waren verschwunden. Die letzte Rasur war schon Tage her. Mein Rasierer bereit. Aber es war nichts mehr da. Vielleicht eine Art spärlicher Flaum, aber sicher keine Stoppeln.
Gelinde Anzeichen einer Veränderung hatte es natürlich vorher bereits gegeben. Erste Fältchen an den Lippen, die vor dem Spiegel zunächst nur mit der neu angeschafften Lesebrille auszumachen waren. Einzelne graue Haare, deren völlig unbekannte feste, geradezu drahtige Struktur Verwunderung hervorrief und Gedanken daran, wie ein komplett grauer Schopf wohl aussehen würde – wie ein Topfschrubber? All das war aber mit dem Schritt aus dem Bad verdrängt, das Leben ging weiter.

Von einem Tag auf den anderen sind die Achselhaare weg

Aber jetzt die Achselhaare. Nicht, dass ich jemals eine besonders enge Beziehung zu ihnen gehabt hätte. Ich habe sie auch nicht gerade gehegt und gepflegt. Eher im Gegenteil. Ich war ständig auf der Suche nach der besten Strategie, um sie loszuwerden. Wie die alte Tante mit Mundgeruch. Und gerade damit waren sie doch über Jahrzehnte eine fester Aspekt meines Lebens. Verlässlich vorhanden, um routiniert eliminiert zu werden.
Natürlich ändern sich auch andere Körperfunktionen im Laufe eines Frauenlebens. Auf das Ausbleiben der Menstruation ist man vorbereitet, die berüchtigten Hitzewallungen erwartet man geradezu. Aber wenn sich eine gewohnte Größe einfach aus dem Leben schleicht, entsteht eine gewaltige Unsicherheit, die sich auch dann nicht legte, als ich die Ursache „Östrogenabfall“ im „Forum Wechseljahre“ ergoogelt hatte.

Ich tu Dinge, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe

Knapp zwei Jahre ist das jetzt her. Und ich muss heute sagen, der Schock unter der Dusche war nicht unberechtigt. Mein Leben hat sich umfassend geändert. Seither habe ich den größten Teil meiner Kinder aus dem Nest geschmissen, meine Beziehung erst fast zum Scheitern gebracht und dann auf neue Beine gestellt, ich habe meine Querflöte und mein Saxophon aus dem Keller geholt, spiele in zwei Bands und habe auch Solounterricht. Deshalb muss ich ständig zu Proben und habe kaum noch Zeit, mich um meinen Job zu kümmern. Die Zeit ist auch deshalb knapp, weil ich dreimal die Woche laufen gehe, mir die ZEIT-Lektüre und das entsprechende Abo gönne, abends immer noch lese, nebenbei Sachbuch-Zusammenfassungen auf Blinklist anhöre (im Auto, wenn mal Zeit ist), wieder angefangen habe zu reiten und regelmäßig meditiere (eigentlich zu wenig). Mein Sohn hat mir jetzt gerade Focusing ans Herz gelegt, das finde ich auch sehr interessant.
Wo das alles hinführt, weiß ich nicht. Meine Achselhaare vermisse ich jedenfalls nicht wirklich. Netterweise kompensiert der alternde Körper den Verlust mit neuen, sprießenden Härchen auf den Zehen. Dafür benutze ich jetzt den Rasierer. Und für die Bikinizone. Denn Sex habe ich jetzt auch wieder.


Und nun, Weitsicht für die Ohren!

Songs der Erkenntnis, Einsicht und Erleuchtung. Zusammengestellt von Michaela Gerganoff

Kolumnen-Leuchten
Strahlende Meinungsbeiträge zu Alltag, Alkohol und (Selbst-) Beziehungen.

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