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In der Schwebe

Auf der einen Seite der Vater, der meint, alles besser zu wissen – auf der anderen der Sohn, der es tut. Sylvia Heinlein sucht ihre Position.

Milde ist kein Konter

                                                      

Mein Vater und ich hatten uns zerzankt und längere Zeit keinen Kontakt. Dann kam Weihnachten. Unser familiärer Brauch verlangt, dass wir uns an Weihnachten, Geburtstagen, bei Herzinfarkten und anderen schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen vertragen, wortlos und ohne den Streit jemals wieder zu erwähnen. An Heiligabend brachte ich meinem Vater also Rehbraten vorbei, er revanchierte sich mit gebratener Ente. Das gegenseitige Übergeben einer Mahlzeit entspricht bei uns einem offiziellen Friedensvertrag. Die ungeschriebenen Regeln geben vor, dass ich das Essen meines Vaters überschwänglich lobe und er meines im Gegenzug kritisiert.

Die Frauen lehrten mich: Einen unleidlichen Mann nimmt man hin wie einen kalten Regensturz

Wie viele Männer seiner Generation zehrt mein Vater bis heute von der Nachsicht, mit dem die Großfamilie ihn behandelte. Ich hielt das für ein Naturgesetz: einen unleidlichen Vater, Ehemann und Schwiegersohn nimmt man hin wie einen heftigen, kalten Regensturz, von dem man im Freien überrascht wird. Man wird klitschnass und friert erbärmlich – aber herrjeh, was soll das Gejammer, irgendwann ist man ja auch wieder trocken, es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Gewundert habe ich mich trotzdem. Die Frauen meiner Familie fürchteten nichts – warum rieten sie mir, Garstigkeit mit Milde zu begegnen? Ich wusste nicht viel, aber immerhin dies: Milde ist kein Konter. Wer kontert, fängt den Angriff des Gegners ab und greift aus der Verteidigung heraus geschickt selbst an. Ich musste die Sache also selbst in die Hand nehmen, natürlich war es ein sinnloser Kampf.

Tee auf der Parkbank, mein Vater hält es kaum aus

Die sonntäglichen Teestunden bei meinem Vater fallen seit Corona aus, aber seit unserer Versöhnung haben wir den Gang durch die Kleingärten wieder aufgenommen. Ich habe eine Thermoskanne Tee und Kekse dabei, an einer Bank machen wir Rast. Meinem Vater ist das peinlich. Er stammt aus einem kleinen fränkischen Dorf, vor dessen Enge er als junger Mann nach Australien floh, um dort Strommasten in der Wildnis aufzustellen. Als Nächstes durchquerte er China auf dem Fahrrad, anschließend ging er nach Schweden und traf meine Mutter, die in einem Kinderheim als Krankengymnastin arbeitete. Als sie mit mir schwanger wurde, folgte er ihr in ihre Heimatstadt Hamburg. Seitdem er in der Großstadt lebt, hält mein Vater beharrlich an der Regel seines Dorfes fest: Privates gehört nicht in die Öffentlichkeit.
„Wir können den Tee auch bei dir an der Haustür trinken,“ schlage ich vor. „Du setzt dich in den Flur und ich stehe draußen.“ Mein Vater keucht, seine Furcht ist spürbar und so real, wie Flugangst oder Klaustrophobie. In seiner Vorstellung wird uns Herr Kriep von gegenüber, ein stiller, freundlicher Mann, beobachten und die Nachbarschaft über unser Tun informieren. Das Einzige, was meinen Vater wirklich ängstigt, sind der Tod und meine Unberechenbarkeit. Er weiß, dass ich imstande wäre, die Kanne tatsächlich vor seinem Haus zu öffnen. Also nehmen wir unseren Tee auf der Bank, er ist erleichtert, als es endlich vorbei ist. 

Gern würde ich meinem Vater das Auto vollkrümeln

Später steige ich mit einem Butterbrot in der Hand zu meinem Sohn ins Auto. „Bitte hier nicht essen“, sagt das Kind freundlich. „Wegen der Polster.“ Ich beiße trotzdem in die Schnitte – eine instinktive Trotzhandlung; eigentlich möchte ich auf die Polster meines Vaters krümeln. Mein Sohn hebt die Augenbrauen, nur leicht, er ist ein sanftmütiger Mensch. „Tut mir wirklich sehr leid,“ sage ich, „ich arbeite dran. Ernsthaft.“



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