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„Die Alleinseglerin“ – lesen oder lassen?

1982 erschien Christine Wolters Roman in der DDR – und wurde zum feministischen Kursbuch. Seine Verfilmung war ein großer Kinoerfolg. Jetzt, 40 Jahre später, erscheint er auch im Westen. Simone Schmollack, in Ostdeutschland aufgewachsen, hat ihn für uns erneut gelesen




Sie selbst hatte das Buch längst vergessen. Sagt sie. Kann man das glauben? Christine Wolter, 83, ist eine fleißige Autorin. Neben den mindestens 17 Reiseerzählungen, Romanen, Erzähl- und Gedichtbänden hat sie Werke anderer Autor:innen übersetzt, mit herausgegeben, Autor:innen bekannt gemacht. Da kann man schon mal was vergessen. Aber ausgerechnet „Die Alleinseglerin“? Ihren eigenen Bestseller?

Wer in der DDR in den 80er-Jahren schon ein klein wenig erwachsen war, kam an dem Roman über eine junge Frau, die mit einem Boot und ihrem Leben kämpft, nicht vorbei. „Die Alleinseglerin“, 1982 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienen und 1987 von Herrmann Zschoche verfilmt, ist so etwas wie eine leicht daherkommende Beschreibung der unerträglichen Schwere in der DDR.

Jetzt erlebt das Buch über Almut, einer alleinerziehenden Mutter und angestellten Literaturwissenschaftlerin mit dem Gehalt einer Sekretärin, eine Renaissance, der Hamburger Ecco Verlag hat es kürzlich neu verlegt. 

„Die Pflegemutter kostete nicht allzu viel, die Wohnung kostete nicht viel, das Essen kostete nicht viel, und damit war das Geld weg“, lässt Autorin Wolter die Protagonistin ihren Alltag beschreiben. Das Dasein vieler Alleinerziehender in der DDR war weniger geprägt durch einen Mangel an Geld, so wie das heute der Fall ist. Das Geld war knapp, aber niemand wurde obdachlos oder musste hungern. Vielmehr waren Frauen wie Almut mehr denn je eingeschränkt durch eine Mangelwirtschaft, die die Organisation des Lebens auf das Notwendigste beschränkte: Was mache ich, wenn es wieder keine Windeln gibt? Wo kriege ich Kohlen her, wenn ich den Bestelltermin verpasst habe? Verdammt, die Milch ist alle, wenn ich es abends erst kurz vor sieben in die Kaufhalle schaffe. Und wieder nur Teewurst im Regal …

Natürlich traf das alle Menschen im Osten. Alleinerziehende aber umso mehr, weil sie eben allein für sich und ihre Kleinfamilie zuständig waren. Aufgrund dieser schonungslosen Darstellung eines DDR-Frauenlebens war der Roman für viele Frauen in der DDR eine Art Erweckung, ein Spiegel des eigenen Ichs, ein Beleg dafür, dass es auch anderen so geht wie ihnen selbst. 

Als Christine Wolter im Herbst in Berlin die Neuauflage vorstellt, sitzen vor allem Frauen um die 60+ im Publikum. Eine Frau steht am Ende der Lesung auf, hält ein DDR-Exemplar der „Alleinseglerin“ in die Luft und sagt: „Das ist die Erstausgabe, sie hat mich immer begleitet.“ Die Frau habe, so erzählt sie weiter, damals eine schwere Zeit gehabt, mit einer komplizierten Scheidung und den Folgen. „Man darf so ein Buch“, und hebt ihr Buch noch einmal deutlich in die Höhe, „niemals verborgen … man kriegt es mit Kaffeeflecken zurück.“

Der Grund, warum der Roman als eine Art feministisches Offenbarungswerk galt, ohne dass es jemals so bezeichnet wurde, steckt selbstredend auch im Titel: Als „Alleinseglerin“ durchs Leben zu gehen, ist zu jeder Zeit und überall kein gefälliger Segeltörn im seichten Gewässer, es ist ein herber Kampf mit Urgewalten. Den sich Almut in vollem Bewusstsein noch zusätzlich erschwert, als sie den Drachen, ein elegantes, weißes, aber verrottetes Boot, das einst ihrem Vater gehörte, übernimmt. „Die Tollheit endet nicht mit dem Kauf“, sagt die Ich-Erzählerin Almut im Buch: „Sondern beginnt erst.“

Nun findet sich Almut in jeder freien Minute am Boot wieder. Sie muss es ausbessern, abschleifen, malern, den Motor reparieren, dafür Material und Werkzeug besorgen, sich mit einer rauen Männerwelt herumschlagen und sich in ihr beweisen. Als Drachen-Besitzerin befindet sie sich – anders als zu Kindertagen – nicht im Sommer auf dem Segelboot, sondern vor allem im Winter am Segelboot. 

Wie und was Almut alles um das Boot herum schafft, wie es zu ihrer Obsession und sie selbst Stück für Stück zur Seglerin wird, nimmt den größten Teil ihrer Erzählung ein. Der beschwerliche DDR-Alltag und die subtil formulierte Kritik daran tauchen eher am Rande auf. Der Fokus auf das Boot erschwert der Leserin ohne Hingabe zum Segeln leider den Bezug zum Buch, daher wirkt es über weite Strecken langweilig. Es sei ein „harmloses Buch übers Segeln“, sagt Autorin Christine Wolter bei der Lesung im Herbst 2022 in Berlin. Das mag ihre Sicht auf eines ihrer ersten Bücher sein, es mag wie eine Beschönigung klingen, ist aber eher ein Understatement.

Denn ein Boot, so oder so ähnlich, gab es tatsächlich in Wolters Leben. Einen Segelkurs hat die Autorin später noch einmal auf dem Comer See in Italien gemacht. Bei einem Besuch in Stralsund vor einigen Jahren entdeckt sie in einer Kneipe in der Ostseestadt folgenden Spruch: „Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel immer richtig setzen.“

Wolter hat die Segel richtig gesetzt. 1978 zog sie nach Italien, legal und offenbar ohne Schwierigkeiten mit den DDR-Behörden. Damals war sie 38 Jahre alt und hatte zuvor einen italienischen Architekten geheiratet. Das Paar lebte in Mailand, dort schrieb die Autorin auch „Die Alleinseglerin“ – und machte im Buch keinen Hehl daraus, dass sie nun ein Leben fernab der DDR führte. Almut schreibt in der Rückschau, die Erinnerungen ereilen sie im mailändischen Februarregen. Wenn sie nachts die Fenster öffne, beschreibt Almut ihre Stadt, sei der „stockende, wütende Autostrom durch die breiten, immer zu engen Straßen fast versiegt“. Heute wissen die meisten Ostdeutschen, welche Macht solch ein Autostrom hat, wie er riecht, wie laut er ist, wie unerträglich. Damals aber erzeugten Alltagsbeschreibungen wie diese aus dem „nichtsozialistischen Ausland“ bei Leser:innen „in der Zone“ einige Irritationen: Wieso mäkelt die Autorin so an ihrem Dasein in Italien herum? Sie soll doch froh sein, dass sie dort sein darf. 

Natürlich schwang darin eine riesige Portion Neid mit. Und eine noch größere Portion Unverständnis. Wir anderen hätten nämlich gern mit ihr getauscht, egal wie regnerisch Mailand im Februar war. 

Trotz allem verhalfen Italien, Almut und der Drache der Autorin zum Durchbruch in der DDR. Bis dahin kannte außerhalb eines engen Literaturbetriebs kaum jemand den Namen Christine Wolter. Von Mailand aus hielt sie den Kontakt in die DDR und veröffentlichte dort weiter. Das Buch wiederum machte vor allem der Film bekannt. Almut wurde von einer eigenwillig-sinnlichen Tina Powileit gespielt, Schlagzeugerin der ersten und einzigen DDR-Frauenband Mona Lise. 

„Dieser zeitgemäße, moderne Klassiker bricht eine emanzipatorische Lanze, die an Aktualität bis heute nicht verloren hat“, findet der Klappentext der Neuauflage. Und ja, emanzipatorische Lanzen braucht es mehr denn je. Ob diese unbedingt Bücher aus der DDR der 1980er-Jahre sein müssen, sei dahingestellt.

Christine Wolter: „Die Alleinseglerin“, Ecco-Verlag, 208 Seiten, 22 Euro
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