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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Auf nach München – aber in das andere, nicht in die Schicki-Micki-Ecken.
Bildmontage: Brigitta Jahn, Cover @Hoffman und Campe

Worum geht es?
Smokey, der eigentlich Josef Frei heißt und eigentlich Mordermittler im Ruhestand ist, bekommt es mit einem neuen Fall zu tun. Denn der Schani liegt tot in einer Baugrube. Und den Schani kennt er gut. Er ist mit dem Mann, der einer DER Immobilienhaie Münchens wurde, in Obergiesing aufgewachsen. Der Moni war auch immer mit dabei. Der heißt natürlich auch nicht Moni, aber er betreibt Monis Kneipe, deswegen. Und weil den Smokey einiges verbindet mit dem Schani und dem Moni und weil die Vergangenheit eben nie so ganz vergessen ist, auch wenn Menschen gegenwärtig eher Arschlöcher sind, will der Smokey wissen, wer für den Tod vom Schani verantwortlich ist.

Was kann das Buch?
Der Krimi nimmt einen mit mitten hineinins Herz von München. Ins „griabige“ und ins „großkopferte“, wie die Autorin selbst sagt. Der Sound stimmt, die Figuren unterstützen die Atmosphäre und die Geschichte besticht gerade deshalb, weil sie zwischen Typen und Figuren angesiedelt ist, die nicht zu unser aller Alltag gehören. Wer München liebt, bekommt hier eine Hommage an die Heimatstadt der Autorin. Wer bisher eher Oktoberfest-, Dallmayr- und Feinkost Käfer-Kundin war, versteht nach der Lektüre vielleicht ein wenig besser, warum die Bayerinnen ihre Hauptstadt so lieben.

Warum sollte ich das lesen und warum ist die Autorin interessant?
Beides gehört zusammen. Lesen, weil es mehr als schön ist festzustellen, dass es Frauen gibt, die sich immer wieder neu erfinden. Tanja Weber hat Liebesromane geschrieben und Drehbücher für Serien wie „Verliebt in Berlin“ und „Türkisch für Anfänger“. Unter dem Pseudonym Judith Arendt hat sie auch schon Krimis veröffentlicht. Mit „Betongold“ legt sie einen klassischen Kriminalroman vor, der sich durch besonders liebevoll gezeichnete und sehr gut durchdachte Figuren auszeichnet. Die Figuren haben eine klare und direkte Sprache. Knapp und treffend werden Probleme thematisiert, die Erinnerungen sind ebenso lakonisch wie bittersüß. In den Gedanken von Smokey erkennt man sehr schnell, wie er tickt, was ihn umtreibt und was ihn leiden lässt. Noch dazu gibt es einen spannenden Plot rund um den goldenen Münchener Boden. Den sich Smokey übrigens immer sehr genau ansehen muss, denn eine Krankheit zwingt ihn, stets nach unten zu sehen beim Laufen.

Tanja Weber ist als Kind nach München gezogen, hat ab 1986 einige Jahre in Berlin gelebt und ist 25 Jahre später in ein sehr viel weltoffeneres München zurückgekehrt. In ihrem Roman lässt sie uns daran teilhaben, wie sie durch ihren Ermittler Smokey die Stadt neu kennenlernt und dabei einiges entdeckt, das sie nicht erwartet hatte. Was auf den ersten Blick nach blankgeputzter bayrischer Glückseligkeit aussieht, ist nämlich manchmal große Traurigkeit, Erinnerung an bessere Tage, Elend und grausames Schicksal. Tanja Weber sagt: „Es gibt die Welt von Smokey, sie versteckt sich nur hinter den Bürotürmen.“

Kostprobe:
Beim Schani sind außer ihnen schon noch andere Leute auf der Beerdigung, aber eben nicht zu vergleichen mit der von der Monique. Kaum jemand, den Smokey kennt, mehr Geschäftspartner, Familie hat der Schani nicht gehabt, außer der Lizzy, und die haben sie lieber im Sankt Alfonsheim gelassen. Spezln hat der Schani viele gehabt, aber keiner lässt sich heute blicken. Was ist denn mit dem Haslinger zum Beispiel? Denkt sich der Smokey. Der ehemalige Wirtschaftsreferent, mit dem hat der Schani ständig beim Franziskaner gehockt und Pläne gemacht, die haben immer die Köpfe zusammengesteckt.

Oder der Pollen, der reiche Erbe aus Berg am Starnberger See, der jedes Mal mit einem anderen Sportwagen gekommen ist. Und natürlich der Willenbrodt von der Bank. Der kleine Kriecher, ein Arschgesicht vorm Herrn, wenn man den Smokey fragt. Eine Woche bist du tot, und schon hast du keine Spezln mehr.

Betongold von Tanja Weber, Hoffmann und Campe Verlag, 20 Euro

Rezension: Anja Goerz

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