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An oder aus?

Das Erste zeigt „Für immer Sommer 90“, lobt sich dafür über den grünen Klee und die Kritik lobt mit. Regina Kramer wirft einen prüfenden Blick auf den Film, in dem eine Vergewaltigung zur Matratze einer Geschichte über männliche Selbstfindung verkommt

Luftig, leicht und heiter geht es zu, wenn bei der ARD ein Mann herauszufinden versucht, ob er eine Frau vergewaltigt hat. Passt doch! Schließlich sind auch Erinnerungen nicht mehr als eine Collage

Im Sommer 1990 gab es die Fußball-Weltmeisterschaft. Und Teenager, die betrunken Feste feierten. Und eine Vergewaltigung. Und die deutsche Wiedervereinigung seit einem halben Jahr.
Dieser Tage gibt es einen TV Film zu diesen Ereignissen. Ausgedacht ist die Vergewaltigung, der Rest ist wahr und/oder möglich.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Andy, gespielt von Charlie Hübner, ein erfolgreicher Banker, bekommt einen Brief, in dem eine Frau behauptet, er habe sie vor 30 Jahren vergewaltigt. Der Brief geht an seine Mutter und an seinen Chef. Andy kann sich an nichts dergleichen erinnern. Weil er berufliche Nachteile fürchtet, macht er sich auf zur Recherche. Der Film sei – so die Presseabteilung – „ein Roadtrip durch die Republik auf der Suche nach verdrängter Schuld und Verantwortung“.

Lange her, besoffen war man auch. Zählt also nicht

Weil der Film auch als Mini-Serie in der Mediathek läuft und weil vorab Reklame gemacht wurde und weil ich zu viel Zeit habe, schaue ich die vier Mini-Filme an.
„Für immer Sommer 90“ ist ein schöner Titel. Weil für die, die vergewaltigt wurde, das Geschehen immer eine Rolle spielt. 
Aber um die Vergewaltigung geht es in dem Film gar nicht. Es geht – wieder laut Presseheft – um Fragen der Identität und Freundschaft. Interessant, wie verändern sich Freundschaften, wenn man Gewalt erlebt hat? Was macht es mit dem weiblichen Selbstbildnis? Egal. Das scheint  den ausschließlich männlichen Regisseuren und Drehbuchschreibern tatsächlich egal gewesen zu sein.  Die Hauptfiguren sind zwei Männer: Andy, dem der Vorwurf der Vergewaltigung gemacht wurde, und Ronny, der der Freund der vergewaltigten Frau war. Sie einigen sich darauf, dass die Sache lange her und nicht so wichtig ist, „ein Teenager-Fick“. Sie trinken Bier, und trotzdem endet es nicht schön. Aber das hat nichts mit der Vergewaltigung zu tun.
Warum spielt die sexuelle Gewalt überhaupt eine Rolle? Und hat sie stattgefunden? Unter Tränen sagt die Frau, nein, sie habe den Sex damals nicht so richtig gewollt, aber, schluchz, nein, schluchz, eine  Vergewaltigung sei es nicht gewesen. Und sie lächelt den Andy an, als sei sie ein bisschen verliebt und wolle keine, keine, keine Vorwürfe machen.

Vergewaltigung als Zuschauer-Kick

Hallo ARD! Was soll das?
Wozu dieses Thema in einen Ost-West-Männerfreundchaft-Lebensfragen-Film rein friemeln? Bisschen MeToo haben wollen? Bisschen MeToo relativieren wollen? Bisschen Macho-Sentimentalität aufpeppen wollen?
Ein Film über verdrängte Schuld und Verantwortung?

Darstellungen von Vergewaltigungen sind inzwischen überaus normal in Filmen geworden, aber sehr oft geht es nicht darum, zu erzählen, was es für die Betroffenen in ihrem weiteren Leben bedeutet. Auch nicht, was es für die Täter in ihrem weiteren Leben bedeutet. Und ob es überhaupt etwas bedeutet. Es geht um einen Zusatz-Kick, um Spannung. Und die Zuschauerin kann sich daran gewöhnen. So ist das nun mal. Kommt vor. Hab dich nicht so. War doch gar nicht klar, ob das Gewalt war. War doch nur ein Film.

„Für immer Sommer 90“  ist bis zum 6. Juli 2021 in der ARD Mediathek verfügbar

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