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Mehr Genderblind Casting! Jetzt!

Szene aus »Der Rausch« mit Mads Mikkelsen (2 v.li) ©Weltkino Filmverleih

Wer möchte, kann momentan im Kino vier abgelöschten dänischen Lehrern im Alter zwischen 40 und 60 Jahren dabei zusehen, wie sie sich selbst wiederbeleben. Hierfür bedienen sich die vier Herren einer Theorie eines norwegischen Psychologen, namens Finn Skårderud, der behauptet, die Menschheit darbe per Geburt an einem Mangel von exakt 0,5 Promille Alkohol im Blut. Dieses Defizit zu kompensieren, nehmen sich die vier Pädagogen im neuen Film von Thomas Vinterberg »Der Rausch« vor und trinken sich fortan von neun Uhr früh bis sechs Uhr abends die fehlenden Promille an.

Der Film, in dem sich Mads Mikkelsen neben anderen altbekannten dänischen Kollegen wie Thomas Bo Larsen aus »Festen« ins Koma säuft, aber auch beeindruckende Tanzszenen hinlegt, ist durchaus sehenswert. Mit dänischer Treffsicherheit ist »Der Rausch« ebenso komisch wie tragisch, zwischendurch an der Grenze des Erträglichen, um schließlich doch wieder die Kurve in eine raue, nordeuropäische Glückseligkeit zu kratzen. Und obwohl ich den Film sehr gern gesehen habe, drängte sich mir während des Schauens immer wieder eine Frage auf: Würde die gleiche Geschichte auch mit weiblicher Besetzung funktionieren?

Gebt uns mehr ernstzunehmende Trinkerinnen

Das sehe also so aus: Vier Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, völlig desillusioniert von Beruf und Familie, trinken sich im ersten Drittel des Films mit 0,5 Promille ins Leben zurück, um im nächsten Drittel mit großen Mengen Alkohol den individuell perfekt passenden Pegel zu finden, bis sie sich schließlich in die komplette Bewusstlosigkeit saufen. Spätestens die Szene, in welcher die Familienmutter ins Ehebett uriniert, wird das Publikum dem Film nicht mehr verzeihen. Und einen Oscar hätte das Werk in weiblicher Besetzung womöglich auch nicht erhalten.

Denn gnadenlos betrunkene Protagonistinnen sind rundum tragisch, wie beispielsweise Cate Blanchett in „Blue Jasmine“, eines der seltenen Dramen von Woody Allen, oder auch Tilda Swinton, die als dauerhaft betrunkene „Julia“ ein mexikanisches Kind entführt. Wenn nicht tragisch, dann sie sind einfach nur platt, wie in den meisten US-amerikanischen Komödien, die weiblich und betrunken vereinen. Hier sind es allerdings bevorzugt junge Frauen, die sich ausgesprochen männlich benehmen, woraus sich schliesslich die eigentliche Komik speist. Zu sehen etwa bei „Bad Moms“ 2016 oder „Trainwreck“ mit Amy Schumer in der Hauptrolle 2015.

Tilda Swinton in »Julia«
Amy Schumer in »Trainwreck«

Ein intelligenter, lebensnaher und -bejahender Film, der auch nachdenkliche Seiten anklingen lässt und den Anblick betrunkener Frauen über 50 Jahren nicht von Grund auf problematisiert oder in die Lächerlichkeit zieht – sie also auch als Trinkende ernst nimmt. Bisher undenkbar.

„Colourblind Casting“ – Farbenblindheit wird gefeiert
Dabei feiern zurzeit alle ringsherum das sogenannte „Colourblind Casting“. In der jüngsten Verfilmung von „David Copperfield“ beispielsweise, lernen die Zuschauerinnen schnell, dass Farben für den Verlauf der Geschichte unerheblich sind. Diese lässt sich nämlich prima mit dem britischen Schauspieler Dev Patel, Sohn indischer Eltern, in der Rolle als Copperfield erzählen. Seine Tante wird von der fast durchsichtig scheinenden Tilda Swinton gemimt.

Kurz darauf eroberte die Netflix-Serie „Bridgerton“ unsere Herzen und lässt uns dank Colourblind Casting Golda Rosheuvel als schwarze Queen Charlotte im England des 19. Jahrhunderts bestaunen.

Und schliesslich ist derzeit auf Sky Show die BBC-Adaption von Victor Hugos „Les Miserable“ zu sehen, in der der britische Schauspieler David Oyelowo, Sohn nigerianischer Eltern, die Rolle des Polizeiinspektors Javert bekleidet. Die Farbenblindheit der jüngsten Filmerzeugnisse führte zu einem großen Medienecho und viel Begeisterung.

Colourblind Casting ist grossartig, wenn es dafür sorgt, dass sich mehr Zuschauerinnen durch Film- und Serienfiguren repräsentiert fühlen können. Aber auch, wenn es ihm gelingt, Sehgewohnheiten und Erzählformen zu durchbrechen und zu hinterfragen. Fragwürdig ist allenfalls die Häufung von historischen Erzählungen, die sich dem Coulerblind Casting verschrieben haben.

Hollywood! Hör die Signale: Genderblind Casting!
Sicher gibt es jede Menge Beispiele, in denen Frauen Männerrollen übernommen haben. Ein großartiges ist Orlando – schon wieder Tilda Swinton, die in ihrer androgynen Anmut in diesem Film überzeugt. Meist jedoch imitieren Frauen Männer und treten nicht unbedingt weiblich auf, wenn sie in die Rollen von Männern schlüpfen. Eine als Mann verkleidete Frau darf ausfällig werden, wenn es zum Beispiel um den Rausch wie in Vinterbergs Film geht. Bleibt sie jedoch in der für sie von der Gesellschaft zugeschriebenen Rolle, wird ein solches Verhalten eher geächtet werden.

»Der Rausch« wurde bereits für ein Remake von Hollywoodstar Leonardo DiCaprio gekauft. Mit von der Partie ist Produzentin Jennifer Davisson. Bleibt zu hoffen, dass letztere ihren Kollegen nicht für die Hauptrolle bestimmt, stattdessen ein veritables „Genderblind Casting“ einberuft und sich dazu ein paar Schnäpse gönnt. Das Resultat würde ich sehr gern sehen.

»Der Rausch«, (dän. Originaltitel »Druk«), in der Schweiz bereits im Kino zu sehen, in Österreich ab 16. Juli, in Deutschland ab 22. Juli 2021.

Autorin: Annette Scharnberg

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