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Unser Selbst-Verständnis schließt nicht aus


Eine Auslassung aus gegebenem Anlass
von Silke Burmester

Ich denke, ich spreche für die meisten von uns, wenn ich sage, dass die Welt derzeit ganz schön anstrengend ist. Nicht nur in Bezug auf die Herausforderungen durch Corona und den Klimawandel, sondern auch, weil die Welt durch das Internet in ihrer Vielschichtigkeit sichtbarer wird. Und wir an unsere Grenzen stoßen, was wir verstehen und aushalten wollen.

Ich finde es enorm anstrengend, allem zu folgen und den berechtigten Interessen von so vielen Menschen, die früher manchmal „mitgemeint“, oft aber einfach nicht bedacht wurden, über die man wissentlich und willentlich hinweggegangen ist, anzuerkennen, zu respektieren und zu beachten. Ja, es war früher einfacher. Weiß, deutsch, ohne Einschränkungen – außer denen, die mir als Frau zugedacht wurden – das war schon schön. Heute gerate ich regelmäßig mit meinem erwachsenen Sohn aneinander, weil er es nicht akzeptieren will, dass ich Witze auf Kosten von Schwächeren machen möchte. „Geht nicht“, sagt er. „Will ich aber“, sage ich – Vernunft und Trotz haben die Plätze getauscht.

Ich bin als Feministin auf die Welt gekommen. Ich war schon als Kind so, ich kann und ich kenne es nicht anders. Das bedeutet, mein Leben lang Menschen im Blick gehabt zu haben, die durch das Patriarchat ausgegrenzt, eingeschränkt oder marginalisiert werden. Und grundsätzlich auf der Seite von Frauen zu stehen, die im Einzel- und im Gruppenfall natürlich sehr gut auch dumm und bescheuert sein können.

Palais F*luxx will offen sein, nicht ausgrenzend

So war es für mich von Anfang an klar, dass Palais F*luxx auch Frauen adressiert, einbindet und abbilden will, die nicht in der Körperlichkeit auf die Welt gekommen sind, bei der alle ausgerufen haben: „Ein Mädchen!“. Palais F*luxx will offen sein und ist es, für alle, die sagen: „Frau ab 47 – da gehöre ich dazu!“ Deswegen das Gendersternchen im Namen. Und oft genug bei dem Wort „Frau“.

Georgine Kellermann ist eine Transfrau von 64 Jahren. Ich kenne sie noch aus der Zeit, als sie als „Georg Kellermann“ für die ARD als Nachrichtenjournalist auf Sendung war, nicht persönlich, sondern als Zuschauerin. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass sie dabei ist, wenn wir in unserer Kampagne „SIE WILL ICH SEHEN!  #sichtbarkeit47+“ Moderator*innen ab 47 Jahren zeigen. Glücklicherweise ist es das für sie auch, und sie hatte Lust, mitzumachen.

Mir ist klar, dass es für manche Menschen verunsichernd sein kann, Georgine – stellvertretend für andere, die nicht als cis-Frau* auf die Welt gekommen sind – dort zu sehen. Auch unter denen, die auf Palais F*luxx unterwegs sind, mag es Leute geben, bei denen sich zwei Fragezeichen auf der Stirn bilden. Das ist ok. Und nicht schlimm. Es geht um Offenheit und die Bereitschaft, sich einzulassen. Je mehr man weiß, je mehr man sich einlässt, desto verständlicher werden die Dinge. Und die Menschen. Ich mag zwar als natural born Feminist auf die Welt gekommen sein, das heißt aber noch lang nicht, dass sich mir immer alles erschließt oder ich von Anfang an alles tippi toppi prima finde. Oft muss ich erst mal fragen, mir Dinge erklären lassen und meine emotionale Gegenwehr artikulieren, um zu verstehen. Um zu verstehen, was diese oder jene Gruppe möchte, was ihre Anliegen oder Interessen sind.
Das bedeutet dann auch noch nicht, alles toll zu finden. Das muss ich auch nicht. Es geht darum, es zu akzeptieren und neben mir als gleichwertig bestehen lassen.

Georgine Kellermann ist hier genau richtig

Wir haben unsere Kampagne über Social Media ausgespielt, auch über Twitter. Twitter ist mitunter ein böses Pflaster und dort zu posten, kann ein Wagnis sein. Es war absehbar, dass dort unser Post „SIE WOLLEN WIR SEHEN! #sichtbarkeit47+ Georginge Kellermann“ zu Kommentaren führen würde, die nicht schön sind. Die, die jedes Maß an Miteinander verloren haben, haben wir gelöscht. Und trotzdem sitzt es. Einer der sprachlich harmlosesten Kommentare sitzt mir noch immer in den Knochen. Er ist sehr schlicht und in seiner Bösartigkeit schwer zu übertreffen: „Herr Kellermann hat hier nix zu suchen“.

Georgine Kellermann hat dieser Tage einen Artikel von Linus Giese, einem 35-jährigen Transmann, gepostet, der verständlich erklärt, worum es bei der Ablehnung von Transfrauen und Transmännern und dem Begriff TERF geht – auch wieder so ein neues Ding ist, das man kennen soll. Dieser Text bringt hervorragend auf den Punkt, warum Palais F*luxx das Gendersternchen im Namen führt. Warum wir inklusiv sind und nicht exklusiv. Warum es uns wichtig ist, Diversität zu leben. Weil sie unser Leben ist.

Die Schatzkiste der Vielfalt

Das Leben und unsere Gesellschaft ist in vielfacher Hinsicht nicht mehr so einfach, übersichtlich und leicht zu verarbeiten, wie früher. Ich finde das auch doof. Anstrengend. Mühevoll. Aber so ist es eben. Und so blöd das ist und so gern ich es bequemer hätte: uninteressant ist es nicht. Im Gegenteil. Sich für Menschen zu interessieren, für die Facetten von Leben und den Möglichkeiten, es zu gestalten, bedeutet, sich eine Schatzkiste zu erschließen. Es ist, als öffne man eine Schatulle voller funkelnder Steine. Jeder besonders, jeder interessant. Jeder mit seiner eigenen Geschichte. Manche interessanter als andere, manche nicht das, was einen anspricht. Aber, wer wäre denn so blöd, deswegen die ganze Kiste zuzulassen?

Hier könnte jetzt jeder Name stehen. Deiner, meiner, aber hier steht stellvertretend für alle Frau*en, die bei Palais F*luxx dabei sein möchten: Georgine, WIR WOLLEN DICH SEHEN!



HIER DER ARTIKEL VON LINUS GIESE AUS DEM TAGESSPIEGEL über das Phänomen transfeindlicher Feminist*innen

*cis-Frau: Das Adjektiv cisgender oder zisgender (von lateinisch cis- „diesseits“, und englisch gender „soziales Geschlecht“), kurz cis, bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem Geschlecht, das einer Person bei der Geburt zugewiesen wurde, meist beurteilt anhand sichtbarer körperlicher Geschlechtsmerkmale (Wikipedia).

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